Passanten gehen an einem Schild des Autobauers Volkswagen (VW) in Brasilien vorbei. | picture alliance/dpa

Präsidentenwahl in Brasilien Setzt die deutsche Wirtschaft auf Bolsonaro?

Stand: 26.10.2022 08:11 Uhr

In Brasilien gilt Präsident Bolsonaro als unternehmerfreundlich. Unter ihm boomt der Agrarsektor, wovon auch deutsche Unternehmen profitieren. Industriebetriebe beklagen allerdings Handelshemmnisse.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Geschäftsführer Ali Jamil Jomaa durch seine Werkhalle läuft, hat er Sorgenfalten auf der Stirn. Vor ihm stehen mehr als 30 automatisierte Maschinen, die minütlich Aluminium-Kupplungsteile für die Automobilindustrie ausspucken. Jede dieser Maschinen kostet mehrere Hunderttausend Euro. Wenn Jomaa Ersatzteile dafür benötigt, wird es teuer. Denn diese müssen aus Deutschland geliefert werden, was in Brasilien mit hohen bürokratischen Hürden verbunden ist. "Neben den sehr hohen Importzöllen sind die Zölle für Ersatzteile nochmal deutlich höher. Dafür müssen wir in Brasilien manchmal bis zu 100 Prozent obendrauf zahlen", erklärt Jomaa. Er ist Geschäftsführer des Automobilzulieferers Samot in São Paulo.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Handelsbarrieren hemmen den Industriesektor

Neben den Handelshemmnissen bereitet Jomaa auch die eher trübe Konjunktur in Brasiliens Industriesektor Sorge. Dieser hat an Bedeutung innerhalb der brasilianischen Wirtschaft verloren und repräsentierte 2021 nur noch 18,9 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. "In Brasilien genießt die Landwirtschaft Priorität, ebenso der Dienstleistungssektor. Die Industrie jedoch nicht, denn sie ächzt unter einer hohen Abgabenlast", kritisiert Jomaa.

Das sieht auch Karl Martin Welcker so. Der gestandene Geschäftsführer der Schütte GmbH in Köln verkauft seit Jahrzehnten Maschinen nach Brasilien. Ohne Handelsbarrieren würde das Geschäft besser laufen, erklärt Welker, der auch nach Mexiko exportiert, wo alles deutlich einfacher und günstiger abläuft. "Brasilien hat erhebliche Hürden und Nachteile, die das Land mit sich rumschleppt und nicht richtig abgearbeitet bekommt."

Produktion vor Ort zahlt sich aus

Die Zollnachteile verringern sich, sobald eine Firma in Brasilien selbst produziert - so wie Volkswagen. Die Wolfsburger bauen seit Jahrzehnten Autos und Lkw für den lokalen Markt. Nach Beginn der Wirtschaftskrise 2013 lief das Geschäft schlechter. Danach versetzte die Pandemie den aufkeimenden Hoffnungen einen Dämpfer. Nun dürften die VW-Manager auf einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung ab 2023 setzen.

Unternehmen wie Bayer dagegen machten auch während der Corona-Krise gute Geschäfte, weil das Geschäft mit genmanipuliertem Saatgut, Dünger und Pestiziden boomt. Auch weil Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro mehr als eintausend Pestizide neu zugelassen hat - einige davon sind in der EU verboten. Weder VW noch Bayer wollten sich zur wirtschaftlichen Lage gegenüber tagesschau.de äußern.

Bolsonaro der Favorit der Wirtschaft?

Unter Experten ist unumstritten, dass Bolsonaros wirtschaftsliberaler Kurs bei den Unternehmen im Land gut ankommt. Unter dem liberalen Superminister Paulo Guedes wurden Flughäfen und Staatsbetriebe privatisiert, außerdem eine Rentenreform verabschiedet. Zudem wurden zumindest einige Bereiche der Wirtschaft entbürokratisiert.

Daher hält der Unternehmensberater Philipp Klose-Morero bei der Stichwahl um das Präsidentenamt Bolsonaro für den bevorzugten Kandidaten der Unternehmerschaft in Brasilien. "Wenn ich mich als Unternehmer jetzt entscheiden muss zwischen zwei Extremen, nehme ich eher denjenigen, bei dem ich weiß, wie sein Wirtschaftskurs sein wird. Und da hoffen eben viele auf den Liberalen Paulo Guedes."

Bolsonaros Herausforderer, Ex-Präsident Lula da Silva, dagegen gilt als weniger marktliberal und will die Privatisierung der Staatsbetriebe stoppen. Außerdem hat Lula angekündigt, die Flexibilisierung des Arbeitsrechts von 2017 rückgängig zu machen. Anders als Bolsonaro setzt Lula beim Amazonas auf mehr Umweltschutz und weniger Abholzung.

Hoffen auf das EU-Mercosur-Abkommen

Industrievertreter Ali Jamil Jomaa in São Paulo hofft auf neue Handelsverträge zwischen der EU und Brasilien - egal, wer das Land ab kommendem Jahr regieren wird. "Brasiliens Markt ist noch immer ziemlich abgeschottet, und es gibt nur wenige Freihandelsabkommen. Europa könnte deutlich einfacher und günstiger mehr Handel mit uns betreiben, wenn das bereits ausgearbeitete EU-Mercosur-Abkommen endlich in Kraft treten würde."

Dafür stehen die Chancen gar nicht mehr so schlecht, denn seit Beginn des Ukrainekriegs ist Europa mehr denn je angewiesen auf sichere Rohstofflieferanten. Dadurch könnte der Widerstand in Ländern wie Irland und Frankreich schwinden, damit das Abkommen aus dem Jahr 2019 doch noch in Kraft tritt - zumal wenn darin stärkere Umweltsanktionen enthalten sein sollten. Zumindest die Industrievertreter beider Seiten würden aufatmen, weil dann die Zeit hoher Zollschranken vorbei wäre.