Alte Menschen in Japan | AP

Einwanderung unpopulär Ohne Migration sinkt Japans Wohlstand

Stand: 20.02.2022 08:31 Uhr

Japan wird in den kommenden Jahren auf Migration angewiesen sein, so eine Studie - vor allem wirtschaftlich. Doch beim Stichwort "Einwanderung" reagiert die Politik zurückhaltend.

Von Ulrich Mendgen, ARD-Studio Tokio

Eine einzige Zahl genügt, um die Herausforderung zu beschreiben: Japans Bevölkerung schrumpft durchschnittlich um mehr als 2000 Personen täglich. Das zeigt die offizielle Bevölkerungsstatistik für das erste Halbjahr 2021. Bildlich gesprochen: Jeden Tag verschwindet quasi ein ganzes Dorf von der Landkarte des Inselstaates. Tatsächlich werden auf dem Land Schulen geschlossen, Häuser stehen leer und verfallen. Der Grund liegt in der niedrigen Geburtenrate.

Ulrich Mendgen ARD-Studio Tokio

Arbeitsmigration muss sich vervierfachen

Die Folgen für den Arbeitsmarkt hat die Japanische Agentur für internationale Zusammenarbeit (JICA) genauer untersucht. Die Zahl der Erwerbsfähigen werde bis 2040 um zehn Prozent sinken, so die Prognose. Japan müsse die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte im selben Zeitraum deutlich erhöhen - auf etwa 6,7 Millionen. Aktuell sind es nur rund 1,7 Millionen. Mit anderen Worten: Die Zahl der zugewanderten Erwerbstätigen müsse sich vervierfachen. Nur dann habe Japans Volkswirtschaft die Chance, die kommenden Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen und das von der Regierung angestrebte Wirtschaftswachstum zu halten.

"Wir müssen uns dringend darüber unterhalten, wie wir mehr ausländische Arbeiter ins Land holen", zitiert die Zeitung "Japan Times" den JICA-Chef Shinichi Kitaoka. Die Einwanderer kämen auch nicht von alleine: "Die internationale Konkurrenz um Arbeitskräfte wird zunehmen, auch im Verhältnis zu China."

Auf direktem Weg zur überalterten Gesellschaft

Doch um Einwanderer zu werben, ist in Japan keine populäre Idee. Bereits 2019 legte die japanische Regierung ein Programm auf, um verstärkt Arbeitnehmer ins Land zu holen. Anvisiert waren etwa 60.000 Gastarbeiter pro Jahr. Doch die bürokratischen Hürden waren hoch, und die Zahlen blieben hinter den Erwartungen zurück. Mit der Pandemie kam die Zuwanderung dann ganz zum Erliegen, da Japan die Grenzen schloss. Die Lage der wenigen eingewanderten Arbeiter aus anderen asiatischen Ländern ist oft prekär. Als "technische Praktikanten" ohne Bleibeperspektive führen viele ein Leben am Rand der japanischen Gesellschaft.

Der Wirtschaftswissenschaftler Martin Schulz, Chefökonom beim Technologiekonzern Fujitsu in Tokio, sieht für Japans Bevölkerungsentwicklung den "Point of no return" überschritten. Mit einer Umkehr sei unter realistischen Annahmen nicht mehr zu rechnen. Auch durch finanzielle Anreize könne das Land die Geburtenrate nicht erhöhen. Japan sei auf dem Weg zur "Super-aging Society", einer rasant alternden Gesellschaft. Gleichzeitig sieht es sich weiterhin nicht als Einwanderungsland. "Japan wird es auch langfristig mit wenig Immigration versuchen", meint Schulz.

Einschneidende Folgen für die Gesellschaft

Die Folgen der schrumpfenden Einwohnerzahl werden einschneidend sein. Zu erwarten ist, dass immer mehr Japaner so lange berufstätig bleiben, wie es irgendwie geht. Im Alter kommt der Nachwuchsmangel in der Pflege erschwerend hinzu. Menschen im vorgerückten Alter werden die Hochbetagten betreuen müssen. Die vergleichsweise wenigen Jungen werden dafür selten zur Verfügung stehen - sie werden in allen Branchen gebraucht.

Gleichzeitig werde Japan nach anderen Mitteln suchen, den Mangel an Arbeitskräften abzumildern, erwartet Ökonom Schulz; etwa durch technische Innovationen und noch mehr Automatisierung. Doch ganz gleich, wie einfallsreich Japans Ingenieure sind: Unter diesen Voraussetzungen wird das Land seinen Lebensstandard langfristig nach unten korrigieren müssen. "Wohlstand wird man in Japan künftig anders definieren", erwartet Schulz: Als einen Zustand, in dem sich die Menschen mit weniger zufrieden geben.