Baukräne stehen an Neubauten von Mehrfamilienhäusern im städtebaulichen Großprojekt Wasserstadt Limmer.

Immobilienmarkt in Europa Nicht überall boomt es auf dem Bau

Stand: 16.06.2021 14:01 Uhr

Zu den Boom-Branchen auch in der Krise gehört in Deutschland der Bau. Doch wie sieht es im europäischen Ausland aus? Die Lage dort ist nur zum Teil vergleichbar, berichten unsere Korrespondenten.

Polen: steigende Nachfrage, steigende Preise

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Wer sich in Polen gedacht hatte, dass die Corona-Pandemie die seit Jahren boomende Bauwirtschaft im Land abbremsen würde, der wurde zu Jahresbeginn auf dem falschen Fuß erwischt. Vor allem der Wohnungsbau brummt sogar noch mehr; im ersten Quartal verkauften Entwickler in den großen Städten 40 Prozent mehr als im Vorjahr und drei Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2017.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Und weil im Land das Angebot an modernem Wohnraum noch immer der Nachfrage hinterherläuft, steigen auch die erzielten Verkaufspreise immer weiter: im Schnitt um fast acht Prozent bei Neubauten und sechseinhalb Prozent bei gebrauchtem Wohneigentum. Dabei spielen auch die steigenden Preise für Baumaterialien und zunehmend auch Personalmangel eine Rolle. Weil Bauarbeiter knapp sind, warnen Marktkenner inzwischen davor, dass Baustellen in der Hochsaison im Sommer reihenweise lahmgelegt werden könnten.

Die Kehrseite des Baubooms: Für junge Familien ist Wohneigentum oft unerschwinglich. Schon heute lebten in Polen 43 Prozent der unter 35-Jährigen bei ihren Eltern, meldete unlängst das Statistikamt Eurostat. Damit befindet sich Polen in der EU-Spitzengruppe in Sachen "Hotel Mama" und auf ähnlichem Niveau wie Italien.

Spanien: kein Bauboom in Sicht

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Bauboom und Spanien - da war doch was? Ja, tatsächlich hat Spanien einen absolut aberwitzigen Bauboom erlebt - das ist allerdings 20 Jahre her. In den Neunziger- und Nuller-Jahren hat sich die Anzahl der geplanten Wohnungen von Jahr zu Jahr praktisch verdoppelt - bis zum Höchststand im Jahr 2006 mit knapp 900.000 Wohnungen.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Dann kam der große Knall: die Immobilienblase platzte, Banken mussten gerettet werden, Spanien rauschte knapp an der Staatspleite vorbei, Hunderttausende konnten ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen, Wohnungen wurden zwangsgeräumt. Der Markt hat sich danach sehr langsam wieder erholt. Aber trotzdem vergammeln in vielen Erschließungsgebieten noch in Boom-Zeiten gebaute Straßen, Lampen und Parkbänke.

2019, im Jahr vor der Corona-Pandemie, wurden immerhin Grundsteine für gut 100.000 Wohnungen gelegt. Seitdem ist der Sektor aber wieder weitgehend lahmgelegt. Die Arbeitslosigkeit war nach dem Höchststand von rund 25 Prozent nach der Eurokrise zwar wieder gesunken, hat in der Pandemie aber erneut 15 Prozent erreicht. Bei den jungen Erwachsenen liegt sie bei mehr als 30 Prozent. Für die Vergabe von Kredite gelten nach den Erfahrungen aus den Zeiten der Immobilienblase heute weit strengere Kriterien. All dies verhindert zur Zeit in Spanien einen wie auch immer gearteten Bauboom.

Schweiz: vor allem Sanierung und Verdichtung

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Statt von einem "Bauboom" spricht man beim Dachverband der Schweizer Bauwirtschaft Bauen Schweiz von "kontinuierlich guter Arbeit". Ein Großteil der Aufträge sind sogenannte Verdichtungen und energetische Gebäudesanierungen. Doch nicht zuletzt wegen niedriger Zinsen investieren Großanleger gern in Bauprojekte wie etwa neue Gebäudekomplexe mit Mietwohnungen.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

Die Nachfrage stimmt, obwohl es in einigen ländlichen Regionen Leerstand gibt. In den Städten ist Wohnraum weiterhin Mangelware. Das auch, weil zuletzt die Nettozuwanderung wieder gestiegen ist; haben doch in der Pandemie viele Ausländer, die nach einer gewissen Zeit in der Schweiz das Land eigentlich wieder verlassen wollten, es vorgezogen zu bleiben - vor allem wegen vergleichsweise schwierigeren Arbeitsmarktbedingungen in ihren Heimatländern.

Die Baubranche macht zehn Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung aus und beschäftigt etwa eine halbe Million Fachkräfte. Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage ist die Lage im Baugewerbe stabil. Zu einem Problem könnte allerdings die eingeschränkte Verfügbarkeit von Baustoffen und Vorprodukten werden. Übrigens sind die Immobilienpreise in der Schweiz so stark gestiegen wie seit acht Jahren nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Juni 2021 um 14:41 Uhr.