Ein Bündel Pesos liegt vor Dollarnoten | AP

Argentinien Und ewig grüßt die Inflation

Stand: 07.05.2022 08:35 Uhr

Eine Inflationsrate von mehr als sieben Prozent? Darüber kann man in Argentinien nur müde lächeln. Die Teuerung liegt dort bei gut 50 Prozent. Das macht die Menschen unfreiwillig zu Lebenskünstlern und Finanzjongleuren.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es gibt einen alten Witz in Argentinien: Ein Mann sieht im Schaufenster eine Lampe für zehn Pesos. Als er im Geschäft nachfragt, kostet sie zwölf Pesos, an der Kassen dann 14. Beim Rausgehen freut er sich über seinen exzellenten Deal, denn da kostet die Lampe bereits 20 Peso. Der Witz stammt aus den 1980er-Jahren, inzwischen darf er als Galgenhumor gelten.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Sicherer Hafen, der vielen versperrt bleibt

Inflation gehört in Argentinien längst zum Alltag, aktuell liegt sie bei rund 55 Prozent. Eine einfache Lampe kostet doppelt so viel wie die größte Banknote, die überhaupt im Umlauf ist: 1000 Pesos, gerade mal acht Euro. Kein Wunder also, dass niemand mehr der Landeswährung vertraut.

Wer kann, rettet sein Erspartes in US-Dollar. Das Problem ist nur: Die sind inzwischen knapp, denn der Staat, der jede Menge Auslandsschulden bezahlen muss, braucht seine Reserven selbst und hat den Umtausch beschränkt. Devisen sind aktuell nur auf dem Schwarzmarkt zu haben - für einen Wechselkurs, der doppelt so teuer wie die offizielle Rate ist.

Die Fieberkurve des "Dollar Blue"

"Dollar blue" heißt er im Volksmund, blauer Dollar, und er wird täglich in den Nachrichten vermeldet, gleich nach dem Wetter. Er fungiert wie eine Art Fieberkurve. Selbst Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine ausländische Banknote in der Hand gehalten haben, wissen: Steigt der Dollar, steigt alles - die Preise für Brot, Benzin, Lampen und das geliebte Asado, das Grillfleisch, das sich ohnehin kaum einer mehr leisten kann.

Denn gleichzeitig frisst die Inflation Löhne und die mickrigen staatlichen Sozialhilfen. Ein Drittel der Argentinier lebt in Armut, ist auf Nachbarschafts-Netzwerke und Suppenküchen angewiesen. Während die Mittelschicht unfreiwillig zu Finanzjongleuren geworden ist: Neben dem Dollar erfreuen sich Kryptowährungen immer größerer Beliebtheit. Selbst Immobilien kann man teilweise schon in Bitcoin erwerben.

"Wir hier sind das Land der Zukunft", meinte ein argentinischer Freund neulich angesichts der weltweit anziehenden Preise. Bleibt zu hoffen, dass er damit nur einen Witz gemacht hat. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. März 2022 um 17:25 Uhr.