Ein mobiles Luftfiltergerät steht während es Unterrichts in einem Klassenraum | dpa

Corona-Maßnahmen in Schulen Luftfilter-Bestellungen kommen zu spät

Stand: 24.08.2021 10:02 Uhr

Mobile Luftreiniger sollen dazu beitragen, den Präsenzunterricht in Schulen bei steigenden Infektionszahlen zu sichern. Die Hersteller kritisieren die Zögerlichkeit der Politik. Die Lieferung der nun bestellten Geräte könnte viele Monate dauern.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Nachdem der Einsatz von mobilen Luftreinigern in Schulen lange Zeit umstritten war, können sich die Hersteller solcher Geräte inzwischen vor Aufträgen kaum retten. Sie berichten von Lieferfristen bis in den Januar und Februar nächsten Jahres hinein, weil es nicht möglich sei, innerhalb von zwei Monaten die Schulen der gesamten Republik flächendeckend mit mobilen Luftreinigern auszustatten.

Dabei hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Ende Juni das Ziel ausgegeben, bis zum Ende der dortigen Sommerferien im September in jedem Klassenzimmer des Freistaats einen Luftfilter aufzustellen. Das bayerische Kabinett gab dafür 190 Millionen Euro frei. Auch Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres verkündete im Juli, bis zum Herbst weitere 3000 Luftfilter für die Klassenräume zu bestellen. Damit wäre die Hälfte der Berliner Klassenräume mit Luftfiltern ausgestattet. Auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe kündigte im Juli an, bis spätestens Oktober mobile Luftfilter in allen Klassen aufstellen zu lassen.

Ob sich die Ankündigungen der Landesregierungen bis zum Herbst umsetzen lassen, ist aber ungewiss. Das zeigt das Beispiel Bremen. Der Stadtstaat hat im Juli beim niederländischen Unternehmen Philips mehrere Hundert Luftreiniger bestellt. Zwar sind einige Geräte zum Schulstart bereits geliefert, für andere wird es aber noch Wochen bis Monate dauern.

Umsetzungspläne "utopisch"?

Auch mittelständische Unternehmen wie UlmAir halten eine Auslieferung der Geräte bis zum Herbst für "utopisch", weil die Bestellungen der Bundesländer zu spät eingetroffen seien. Auch seien die Ausschreibungs- und Förderkriterien erst in den vergangenen Wochen erstellt worden. In einigen Bundesländern herrsche sogar noch immer Unklarheit darüber, welche Voraussetzungen die Geräte erfüllen sollen.

Kein Unternehmen könne aber in Vorleistung gehen und Zehntausende Geräte auf Vorrat produzieren, ohne zu wissen, ob es dafür auch Abnehmer finde. Das Hanauer Unternehmen Heraeus moniert, die Bundesregierung sei bei der Beschaffung von Luftreinigern viel zu zögerlich vorgegangen, sodass viele Geräte nun ins Ausland geliefert würden, allen voran nach Israel, Kanada und China. "Es ist wie bei der Beschaffung der Impfstoffe, wer zuerst bestellt, wird auch zuerst beliefert", sagt Tore Prang, Konzernsprecher von Heraeus. Viele Tausend Klassenzimmer werden deshalb auch in diesem Herbst und Winter noch ohne Luftreiniger auskommen müssen, prophezeien die Hersteller.

Die Unternehmen kritisieren zudem die oft wenig technologiefreundlichen und komplexen Ausschreibungsverfahren. So wünscht sich etwa Baden-Württemberg Luftreiniger, die höchstens 35 Dezibel laut sein dürfen. Das entspricht etwa einem Blätterrascheln oder einem bei geschlossenem Fenster vorbeifahrenden Pkw. In Bayern dürfen die Geräte im Betrieb eine Lautstärke von 40 Dezibel entwickeln. Andere Bundesländer machen keine genauen Vorgaben zur Lautstärke.

Noch immer Zweifel an den Geräten

Die Finanzierung der Geräte ist inzwischen weitgehend gesichert. So übernehmen die Bundesländer in den meisten Fällen die Hälfte der Kosten. Die andere Hälfte müssen die Kommunen zahlen, die sich auch um die Beschaffung der Geräte kümmern sollen. Die Bundesregierung will den Einsatz der mobilen Luftreiniger an Kitas und Schulen mit 200 Millionen Euro unterstützen, denn zuletzt hatten auch die Experten des Bundesumweltamtes ihre anfängliche Skepsis aufgegeben. Sie erklärten: Die Anschaffung mobiler Luftreiniger könne "eine sinnvolle Ergänzungsmaßnahme zur Vermeidung indirekter Infektion im Unterricht sein, wenn nicht ausreichend über Fenster gelüftet werden kann und auch keine raumlufttechnischen Maßnahmen wie Zu- und Abluftanlagen zur Verfügung stehen".

Dennoch weigern sich viele Kommunen nach wie vor, solche Geräte anzuschaffen, weil sie aus ihrer Sicht in keiner vernünftigen Kosten-Nutzen-Relation stehen. Tatsächlich kosten die Geräte je nach Hersteller zwischen 2200 und 3500 Euro, verbrauchen Strom und müssen gewartet werden. Das kostet viele Millionen Euro. Auch bestehen in zahlreichen Kommunen noch immer grundsätzliche Zweifel an der Effizienz mobiler Luftfilter-Anlagen.

Dabei wurde die Wirksamkeit der Geräte in verschiedenen Studien nachgewiesen. So belegen Studien der Bundeswehr-Universität München sowie des Fraunhofer Instituts die extrem gute Wirksamkeit der Geräte bei der Beseitigung von Aerosolen. Dabei seien nach 30 Minuten 95 Prozent der Viren aus einem 60 Quadratmeter großen Raum entfernt worden. Selbst in einem 22 Meter langen Flur mit mehr als 40 Quadrametern konnte eine Halbierung der Aerosolkonzentration innerhalb von rund fünf Minuten realisiert werden.

Skeptiker im Umweltministerium

Auch die Universität Frankfurt hat in einer Feldstudie gezeigt, dass geeignete Raumluftreiniger mit der notwendigen Filterqualität in Schulen das Risiko einer Aerosolinfektion mit dem SARS-CoV-2 Virus drastisch verringern. Die Gesellschaft für Aerosolforschung hat deshalb in einem offen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel appelliert, Raumluftreiniger und Filter überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten - etwa in Pflegeheimen, Büros, Schulen.

Dennoch gebe es besonders im Bundesumweltministerium noch immer Zweifler am Nutzen der Luftreiniger, kritisieren die Hersteller. Viele Skeptiker berufen sich auf eine von der Stadt Stuttgart bei der dortigen Universität in Auftrag gegebenen Studie, die im Juli veröffentlicht wurde. Danach sind Luftreinigungsgeräte "keine Alternative zu einem Außenluftwechsel, sie dienen lediglich als Unterstützung zur Partikel‐ und potentiellen Virenreduktion im Raum".

"Kein Ersatz für Basishygiene"

Professor Konstantinos Stergiaropoulos, Leiter des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung der Universität Stuttgart sagt: "Die Geräte können ein Baustein zur Senkung von Infektionsrisiken sein. Sie ersetzen aber nicht die Basishygiene. Ein flächendeckender Einsatz erscheint mir nicht sinnvoll." Auch das Umweltbundesamt betont bei der Einschätzung der mobilen Luftfilter: "Der Einsatz ersetzt das regelmäßige Lüften in den Unterrichtspausen jedoch nicht."

Ähnlich sieht es das Robert Koch-Institut, dessen Kriterien bundesweit in den Gesundheitsämtern die Grundlage für die Entscheidung bilden, in welchen Kontaktsituationen von einem hohen oder einem geringen Übertragungsrisiko des SARS-CoV-2-Virus ausgegangen werden muss. Zwar befürwortet das RKI den Einsatz von Luftfiltern in schlecht belüfteten Räumen als eine Möglichkeit, um dort die Luftqualität zu verbessern. Das RKI schreibt aber zugleich: "Zu beachten ist, dass auch beim Einsatz von derartigen Geräten weitere Maßnahmen, z.B. das Einhalten von Abstandsregeln oder das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ("OP-Maske"), eingehalten werden müssen." Der Einsatz solcher Geräte dürfe nicht zu einem Gefühl falscher Sicherheit führen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juni 2021 um 07:00 Uhr.