Claudia Kemfert | dpa

Energieexpertin Gasmangel muss nicht zwingend kommen

Stand: 13.07.2022 08:58 Uhr

Die Furcht vor einem Gasmangel hält deutsche Unternehmen und Verbraucher seit Wochen in Atem. Eine Energieexpertin gibt nun jedoch Entwarnung. Selbst bei einem totalen Lieferstopp Russlands sei ein Gasmangel vermeidbar.

Unternehmen warnen vor Produktionseinbrüchen als Folge eines Gasmangels. Politiker diverser Couleur debattieren darüber, wie Verbraucher angesichts rasant steigender Gaspreise entlastet werden könnten. Und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat erst gestern die bisher vorgesehene Priorisierung von Verbrauchern gegenüber der Industrie im Falle einer Gasknappheit infrage gestellt.

All das erweckt den Anschein, dass Deutschland direkt und unvermeidbar auf die Ausrufung einer Gasmangellage und damit der Notfallstufe des Gas-Notfallplans zusteuert. Diese dritte und letzte Stufe soll der Bundesnetzagentur zufolge dann ausgerufen werden, wenn eine "außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gas, eine erhebliche Störung der Gasversorgung oder eine andere erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage" vorliegt. So sieht es der Gas-Notfallplan vor.

Gasmangellage selbst bei Lieferstopp aus Russland vermeidbar

Doch die grassierende Furcht vor einer Gasmangellage könnte sich als unbegründet erweisen. Der Energieökonomin Claudia Kemfert zufolge muss eine Gasmangellage nämlich selbst dann nicht zwingend eintreten, wenn Russland sämtliche Gaslieferungen nach Deutschland einstellen sollte.

"Ob es wirklich zu einem Gasmangel kommt, hängt an verschiedenen Aspekten", sagte die Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der Deutschen Presse-Agentur. Dazu zählten vor allem der Aufbau von Gaslieferbeziehungen mit anderen Ländern als Russland, das stete Befüllen der Speicher und das Einsparen von Gas.

Füllstand der deutschen Gasspeicher steigt

Daneben gebe es weitere Möglichkeiten. "Aber wenn zumindest die ersten drei Komponenten gut geschafft sind, sehe ich nicht, dass wir tatsächlich eine Gasmangellage bekommen müssen", sagte Kemfert. Deutschland habe mit diesen Maßnahmen begonnen oder sei bereits auf einem guten Weg.

Bei herkömmlichem Erdgas zählen bisher vor allem die Niederlande und Norwegen zu Deutschlands Alternativquellen. Bei Flüssigerdgas bemühte sich Wirtschaftsminister Habeck auf einer Katar-Reise im Frühjahr um neue Lieferbeziehungen. Ob, wann und wie viel mehr Gas wirklich aus dem Emirat kommt, ist allerdings noch offen. Der Füllstand der deutschen Gasspeicher steigt langsam, aber stetig. Derzeit liegt er bei rund 65 Prozent.

DIHK-Präsident ruft zum Energiesparen auf

Energiesparen ist eine weitere Option, um eine Mangellage zu vermeiden. Dazu haben Bundesregierung und Bundesnetzagentur Verbraucher und Industrie schon mehrmals aufgerufen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Peter Adrian, bat private Verbraucher und die weniger energieintensiven Unternehmen, aus Solidarität mit der Industrie ab sofort konsequent Energie einzusparen.

"Es drohen echte Versorgungsengpässe und unserer gesamten Wirtschaft eine Krise in unbekanntem Ausmaß. Die Folgewirkungen von Abschaltungen einzelner Branchen oder Betriebe sind nicht zu überblicken", sagte Adrian der "Rheinischen Post".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Juli 2022 um 11:00 Uhr.