Mitarbeiter von Gazprom arbeitet an einem Gasregler | dpa

Gasversorgung Wer könnte Russlands Lücke füllen?

Stand: 21.01.2022 06:00 Uhr

Wer könnte die Lücke füllen, wenn Russland im Fall einer Eskalation der Ukraine-Krise den Europäern den Gashahn zudreht? Norwegen hat bereits abgewinkt. Die USA wollen mehr liefern. Doch reicht das aus?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Noch nie habe Russland Gas oder Öl als politisches Instrument eingesetzt, um damit andere Länder zu erpressen oder Interessen durchzusetzen, sagen dem Land wohlgesonnene Energiekonzerne und Politiker. Im Streit um die Ukraine drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass Kreml-Chef Wladimir Putin diese Strategie seiner Vorgänger über Bord geworfen hat. Tatsächlich ist der größte Gasspeicher des regierungsnahen russischen Gazprom-Konzerns in Westeuropa im niedersächsischen Rehden mit einem Füllstand von nur noch sechs Prozent praktisch leer. Andere Speicher sind gerade einmal zu 13 Prozent gefüllt - ein historischer Tiefstand mitten im Winter.

Deutschland ist abhängig von russischem Gas

Noch müssen die Deutschen nicht frieren, ist die Stromversorgung nicht eingeschränkt - denn die von Konzernen aus Norwegen und den Niederlanden belieferten Gasspeicher sind noch knapp zur Hälfte gefüllt. Doch sollte Russland im Fall einer Eskalation des Ukraine-Konflikts den Gashahn komplett zudrehen, stünde Europa und ganz besonders Deutschland vor einem ernsten Problem. Denn Russland ist mit einem Anteil von 55 Prozent der mit Abstand größte Gaslieferant der Bundesrepublik, gefolgt von Norwegen (30 Prozent) und den Niederlanden (13 Prozent). Das wirft ein Schlaglicht auf die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas.

Wer könnte im Ernstfall die Lücke füllen? Norwegen hat bereits abgewinkt. Er könne zwar nicht für die Energiekonzerne sprechen, sagte Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre kürzlich bei einem Besuch des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin. "Soweit ich weiß, ist die Produktion aber aktuell voll ausgelastet." Blieben Lieferungen aus Russland aus, "können wir die Lücke nicht füllen."

USA könnten mehr Gas liefern, aber...

Nun richten sich die Blicke nach Amerika, ebenfalls einer der weltgrößten Produzenten von Erdgas. Offenbar will US-Präsident Joe Biden Europa vor möglichen Versorgungsengpässen schützen. So hat die amerikanische Regierung der Agentur Reuters zufolge mit deutschen und europäischen Energiekonzernen Notfallpläne für Gas-Lieferungen nach Europa sondiert.

Vertreter des US-Außenministeriums hätten mit den Unternehmen über die Möglichkeiten höherer Liefermengen gesprochen, berichten auch andere Medien unter Berufung auf Insider aus Branchen- und Regierungskreisen. Dabei sei eine Verschiebung von Wartungsarbeiten erörtert worden, um die Gasproduktion hoch zu halten. Die kontaktierten Energiekonzerne hätten aber erklärt, dass ein Ausfall großer Mengen aus Russland schwer zu ersetzen sei und dabei auf die weltweit knappen Gasvorräte verwiesen. Welche Konzerne angesprochen worden sind, ist nicht bekannt. Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA wollte sich nicht zu den Gesprächen äußern. Er bestätigte aber, dass eine Notfallplanung im Gange sei.

Die USA sind seit Dezember weltgrößter Exporteur von Flüssiggas LNG (Liquified Natural Gas) und haben damit Katar überholt. Der Agentur Bloomberg zufolge haben im vergangenen Jahr mehr als eintausend Cargo-Schiffe mit flüssigem Erdgas die USA verlassen. Die Hälfte davon ging nach Asien, ein Drittel nach Europa. Dennoch herrscht Skepsis, ob das Land einen Ausfall der Lieferungen aus Russland vollständig kompensieren könnte.

US-Lieferungen reichen wahrscheinlich nicht aus

Leonhard Birnbaum, Chef des Energieriesen e.on, glaubt das nicht. Im Gespräch mit dem "Handelsblatt" sagte er, "die USA können das Erdgas aus Russland mit ihrem Flüssiggas LNG nicht kompensieren". Derweil versucht die EU-Kommission die Lage zu beschwichtigen: Das EU-Erdgassystem könne in den meisten Teilen Europas eine hohe Nachfrage und Unterbrechungen der Versorgungswege bewältigen, sagte ein Kommissionssprecher. Er musste jedoch zugestehen, dass Europa möglicherweise "mehr Importe" benötige.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hält es für möglich, die neu geschaffenen EU-Anlandungskapazitäten für LNG weiter hochzufahren. Derzeit sind die Kapazitäten in den Niederlanden, Polen und Italien erst zu 30 Prozent ausgelastet. "Würde man die auf 100 Prozent hochfahren, wäre es kapazitätsmäßig möglich, weite Teile der Importe über LNG abzuwickeln", sagte der Grünen-Politiker dem "Spiegel". Da sei aber noch nicht die Frage des Preises berücksichtigt.

Energie-Expertin Claudia Wellenreuther vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) glaubt nicht, dass dies überhaupt notwendig sein wird. Sie rechnet trotz der angespannten Lage nicht mit Versorgungsproblemen bei Erdgas. "Nicht nur Deutschland ist abhängig vom russischen Gas, sondern Russland ist auch abhängig von den Erlösen", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Das sieht die Direktorin des Osteuropa-Instituts Zois, Gwendolyn Sasse, ähnlich. Russland würde sich durch eine Einstellung der Gaslieferungen ins eigene Fleisch schneiden, so die Expertin, denn Moskau brauche die Einnahmen aus dem Gasverkauf dringend.

Mehrere Pipelines versorgen Europa mit Gas

Bislang würden die Gaslieferungen auch so geliefert, wie sie bestellt worden seien. Da Deutschland mehr als die Hälfte seines benötigten Erdgases aus Russland beziehe, "besteht auf jeden Fall eine Abhängigkeit", sagte Wellenreuther. Man könne aber auch beobachten, dass bereits jetzt mehr Erdgas aus den USA geliefert werde. Die Schwierigkeit hierbei sei aber der Transport und die Kapazitäten. "Und da ist die Frage, ob der hohe Bedarf wirklich kurzfristig durch die USA gedeckt werden kann", sagte Wellenreuther.

Langfristig plant der Bundeswirtschaftsminister, die Kontrolle Deutschlands über die eigenen Erdgasspeicher zu stärken: Der Winter habe gezeigt, dass Deutschland mit reduzierten Beständen anfälliger für Preisschwankungen und geopolitische Spannungen sei. "Deshalb müssen wir die Möglichkeiten verbessern, für den nächsten Winter vorzusorgen, damit die Gasspeicher gut gefüllt sind", sagte Habeck: "Darin sehe ich eine politische Aufgabe."

Das weltweit größte Erdgasförderunternehmen Gazprom liefert Gas über mehrere Routen nach Europa. Die Jamal-Europa-Pipeline führt von der Jamal-Halbinsel in Sibirien durch Russland, Belarus und Polen nach Deutschland. Sie wurde 1999 fertiggestellt und wird seit Mitte der 2000er-Jahre betrieben. Mit einer Kapazität von 33 Milliarden Kubikmetern pro Jahr wird über die Jamal-Europa-Leitung durch Belarus und Polen allerdings nur ein geringer Teil des Gases aus Russland nach Europa transportiert. Die Hauptmengen fließen durch die Ukraine und durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 20. Januar 2022 um 05:40 Uhr.