Brennender Gasherd | REUTERS
Hintergrund

Steigende Energiekosten Wie der hohe Gaspreis entsteht

Stand: 01.10.2021 09:32 Uhr

Seit Jahresbeginn hat sich der Gaspreis im Großhandel mehr als verdreifacht. Auch für Privathaushalte stiegen die Preise im ersten Halbjahr bereits deutlich. Warum kostet Gas plötzlich so viel und wie setzt sich der Preis zusammen?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Die steigenden Energiepreise sind ein zentraler Grund für die derzeit höchste Inflationsrate seit Jahrzehnten. Im ersten Halbjahr mussten Privathaushalte für Strom und Gas jeweils 4,7 Prozent mehr bezahlen als im zweiten Halbjahr 2020. Erdgas kostete die Verbraucherinnen und Verbraucher demnach zwischen Januar und Juni im Schnitt 6,41 Cent pro Kilowattstunde.

Extremer Anstieg der Gaspreise im Großhandel

Gashändler schütteln angesichts dieser Entwicklung den Kopf. Dass der Markt so verrückt spielt, haben sie noch nie erlebt. An den Spotmärkten hat sich der Preis in diesem Jahr mehr als verdreifacht. Im Großhandel kostet Gas derzeit teilweise mehr als 70 Euro pro Megawattstunde. In der Corona-Krise lag der Preis zeitweise noch bei fünf Euro. "Das hat in dieser Dramatik niemand kommen sehen", sagt Experte Hanns Koenig vom Analyseunternehmen Aurora Energy Research.

Besonders schlimm trifft die Gaskrise Großbritannien. Dort drohen Versorgungsengpässe. Bereits neun Anbieter gingen pleite. 1,5 Millionen Briten müssen neue, teurere Verträge abschließen.

Gaskrise erfasst auch Deutschland

Ganz so dramatisch wie auf der britischen Insel dürfte es in Deutschland nicht werden. Aber auch hierzulande hat sich der Gaspreis drastisch verteuert. Mit der DEP Deutsche Energiepool gab der erste Gasversorger auf und stellte den Gasvertrieb ein.

Ist Gazprom und die russische Regierung, die Gaslieferungen nach Deutschland verknappt hat, schuld an der Gaspreis-Explosion? Oder haben sich die Versorger beim Einkauf verzockt? Um diese Fragen zu klären, ist es wichtig zu verstehen, wie der Gasmarkt funktioniert.

Drei Faktoren bestimmen den Gaspreis

Für Privathaushalte berechnet sich der monatliche Gaspreis aus drei Faktoren: den Beschaffungskosten, den Entgelten für die Netznutzung sowie den Steuern und Abgaben. Je nach Datenquelle und dem zugrunde gelegten Verbrauch fällt der Anteil dieser drei Faktoren etwas unterschiedlich aus. Laut dem Bundesverband der Gas- und Wasserwirtschaft (BDEW) machten 2020 die Beschaffungskosten 41 Prozent des Gaspreises aus. Der Rest entfiel demnach zu 33 bis 35 Prozent auf Steuern und Abgaben sowie zu gut einem Viertel (24 bis 26 Prozent) die Netzentgelte.

Laut dem gemeinsamen Monitoringbericht 2020 von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt machten die Beschaffungskosten im vergangenen Jahr gut 49 Prozent des Gesamtpreises aus, die Steuern 24,6 Prozent und die Netzentgelte 23,3 Prozent - zuzüglich kleiner Anteile für die Kosten von Messungen/Messstellen und für die Konzessionsabgabe. Also: Der jeweilige Gasversorger kassiert knapp die Hälfte des Gaspreises, den restlichen Anteil teilen sich die öffentliche Hand und der Netzbetreiber.

Steuern und Abgaben

Bei den Steuern und Abgaben erhebt der Staat eine Gassteuer in Höhe von 0,55 Cent pro KWh für die Belieferung von Haushaltskunden. Hinzu kommt noch die Konzessionsabgabe, die an die Kommunen geht. Zusätzlich kassiert der Staat noch 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Netzentgelte

Die Netzentgelte werden vom Netzbetreiber erhoben, da dieser verpflichtet ist, für die Nutzung des Versorgungszugangs und die Messeinrichtung eine Gebühr an den Staat zu zahlen. Die Netzentgelte variieren sehr stark je nach Standort. Die Preise können sich um bis zu 600 Prozent voneinander unterscheiden.

Während sich nach Angaben des BDEW die Netzentgelte 2021 nur um zwei Prozent auf 1,64 Cent/KWh bei Einfamilienhäusern und 1,33 Cent/KWh bei Mehrfamilienhäusern stiegen, erhöhten sich die Steuern und Abgaben deutlich – um 0,5 Cent/KWh auf 2,03 Cent/KWh bei Einfamilienhäusern und 1,92 Cent/KWh bei Mehrfamilienhäusern. Grund dafür ist der eingeführte CO2-Preis. Dieser beträgt 25 Euro je Tonne ausgestoßenem CO2.

Beschaffungskosten

Die größten Preisschwankungen gibt es aber bei den Beschaffungskosten. Sie sind abhängig von der Nachfrage auf dem Weltmarkt, Witterungsbedingungen und geopolitischen Krisen. So trieb der rasante Wiederaufschwung nach der Corona-Krise den Bedarf nach Energie, insbesondere Gas, deutlich an. Vor allem verflüssigtes Gas (LNG) wurde kaum noch nach Europa geliefert, es ging vorwiegend nach Asien, weil dort mehr gezahlt wurde.

Der ungewöhnlich lange und kalte Winter in vielen Regionen der Welt führte dazu, dass die Lagerbestände relativ niedrig sind. Momentan sind die Gasspeicher in der EU nur zu rund 71 Prozent befüllt, in Deutschland sogar nur zu 64 Prozent.

Einkaufspreise im Großhandel haben sich verdreifacht

Die weltweite Gas-Nachfrage spiegelt sich an der europäischen Strombörse wider. Laut dem Vergleichsportal Check24 kletterte der Börsenpreis pro Megawattstunde Gas auf ein Rekordhoch. Mit über 44 Euro ist Gas so teuer wie nie. Die Beschaffungspreise für Erdgas am Terminmarkt haben sich seit Jahresbeginn verdreifacht, die Preise für kurzfristige Beschaffung sogar verfünffacht. Kostete im August 2020 noch im Großhandelskauf eine Megawattstunde Erdgas 4,80 Euro, sind es jetzt um die 75 Euro.

"Die Beschaffungskosten, die die Energieversorger für Strom und Gas zahlen müssen, sind in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen", klagt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Die Einfuhrpreise für Erdgas, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ermittelt werden, sind allein von Januar bis Juli um 42 Prozent gestiegen. Folglich mussten sich die Versorger zu höheren Preisen eindecken. Oder sie müssen es jetzt tun, da der Winter naht. Manche Experten meinen, die Versorger hätten sich verzockt. Sie hätten lange gewartet in der irrtümlichen Hoffnung, dass die Preise fielen.

Häufig sind Versorger langfristig abgesichert

Häufig seien die Gasversorger über Terminmärkte im voraus abgesichert, so dass sich die Preissteigerung erst später mit voller Wucht auf die Unternehmensportfolios auswirken, erklärt Andreas Schroeder vom Preisinformationsdienst für den Handel mit Energie, ICIS. Bis die deutlich gestiegenen Großhandelspreise auf die Endkundenpreise auswirke, dauere es noch eine gewisse Zeit.

"Energieversorger kalkulieren meist langfristig", meint Energieexperte Lundquist Neubauer von Verivox. "Das bedeutet kurzfristige Preisspitzen am Spotmarkt haben dann in der Regel insgesamt auch einen eher geringen Einfluss." Wer indes sehr viel am Spotmarkt einkaufe, der werde durch solche Preisspitzen stärker getroffen als Versorger, die sehr langfristig einkaufen.

Einige Versorger kündigen erste Preiserhöhungen an

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Versorger die höheren Beschaffungskosten an die Endverbraucher weitergeben. Laut Verivox haben 38 Gasanbieter für September, Oktober und November Preisanhebungen von durchschnittlich 13 Prozent angekündigt. "Wir erwarten im Herbst eine größere Gaspreiswelle", sagt Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.

Nach Auswertungen von Check24 haben sogar 50 Versorger schon ihre Preise erhöht oder werden an der Preisschraube drehen. Die Gas-Rechnungen dürften im Durchschnitt 11,5 Prozent teurer werden. Laut Check24 zahlt ein Musterhaushalt (20.000 kWh) momentan 1516 Euro jährlich für Gas.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Oktober 2021 um 09:41 Uhr.