Schokoladentafel mit Kakaobohnen

Zuckerarme Schokolade Das süße Dilemma

Stand: 30.03.2021 08:51 Uhr

Im Supermarkt kommt man derzeit an Schoko-Osterhasen kaum vorbei. Die meisten stecken voller Zucker. Denn die Schokoladenhersteller tun sich mit zuckerarmen Alternativen schwer.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Darf man eine Schokolade ohne Zucker noch Schokolade nennen? Diese Frage treibt derzeit Ritter Sport um. Das schwäbische Familienunternehmen aus Waldenbuch zwischen Tübingen und Stuttgart hat eine Schokoladentafel auf den Markt gebracht, deren Süße ausschließlich von der Kakaofrucht kommt.

Doch Ritter-Sport darf nach eigenen Angaben das Produkt namens "Cacao y nada" (übersetzt "Kakao und sonst nichts") nicht Schokolade nennen. Denn die deutsche Kakaoverordnung verlangt, dass Schokolade aus Kakaoerzeugnissen und Zuckerarten bestehen müsse. "Das ist absurd", schimpft Ritter-Sport-Geschäftsführer Andreas Ronken. "Wenn Wurst aus Erbsen sein darf, braucht Schokolade auch keinen Zucker."

Ritter Sport Cacao y Nada

Ritter Sport "Cacao y Nada": kein Zucker, keine Schokolade?

Definiert der Zuckergehalt den Namen?

Der süße Saft der Kakaofrucht enthält offenbar den in der Verordnung festgelegten Mindestzuckergehalt nicht und wird daher im deutschen Lebensmittelrecht nicht als Zuckerart anerkennt. Deshalb ist Ritter Sport zu der rechtlichen Einschätzung gekommen, dass es sein neues Produkt "Kakaofruchttafel" nennen muss. Mehrere Lebensmittelrechtler bestätigen dies - nicht aber das Bundesernährungsministerium: Ritter Sport dürfe das Produkt durchaus als Schokolade bezeichnen, heißt es aus Berlin.

War also alles nur ein geschickter Marketing-Schachzug von Ritter-Sport? Tatsächlich gibt es im Handel schon jetzt einige Schokotafeln mit 100 Prozent Kakaoanteil, also ohne Zucker. Sie dürfen sich dennoch Schokolade nennen.

Der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli hat denn auch keine Probleme, seine neue Edelbitter-Kreation "Excellence Cacao Pur" Schokolade zu nennen. Wie bei Ritter Sport zieht sie ihre Süßkraft ebenfalls aus der Kakaofrucht. Die Tafel besteht zu 82 Prozent aus Kakaobohnen und zu 18 Prozent aus einem Kakaofrucht-Pulver - ohne Zusatz von raffiniertem Zucker. Lindt bezieht das getrocknete Kakaofruchtfleisch aus Ghana vom schweizerischen Start-up Koa Switzerland.

Noch sind die neuen zuckerfreien Schokoladentafeln von Ritter und Lindt für eine kleine Schar von süßen Gourmets reserviert. Das Lindt-Produkt kam nur in einer limitierten Auflage von 3600 Tafeln zum Preis von 3,99 Euro auf den Markt - im Lindt-Online-Shop - und war schnell vergriffen. Und auch Ritter Sport hat von seiner "Cacao y nada" erst mal lediglich 2300 Tafeln produziert. Diese wurden ebenfalls nur online sowie am Stammsitz in Waldenbuch vertrieben. Ein kleiner Teil wurde bei Gewinnspielen in den sozialen Medien verlost. Mittelfristig plant aber Ritter Sport einen vollständigen Markteintritt.

Lindt & Sprüngli "Excellence Cacao Pur"

Kommt ohne raffinierten Zucker aus: Lindt & Sprüngli "Excellence Cacao Pur"

Wachsende Kritik am "weißen Gift"

Ob Kakaofruchttafel oder zuckerfreie Schokolade: Die Erfindungen von Ritter Sport und Lindt zeigen, dass die Schoko-Riesen allmählich umschwenken - hin zu gesünderen Süßigkeiten. Denn der gesellschaftliche Druck ist groß. Verbraucherschützer, Ärzte, Wissenschaftler und Politiker werfen der Süßwarenindustrie vor, an der Fettleibigkeit vieler Jugendlicher und an der zunehmenden Verbreitung von Diabetes in der Weltbevölkerung mit schuld zu sein. Mehrere Länder haben eine Zuckersteuer eingeführt, die Limonade, Schokolade und andere Süßigkeiten teurer macht.

Nahrungsmittelgiganten wie Nestlé haben angekündigt, den Zucker in ihren Markenprodukten wie Kitkat, Smarties, Choco Crossies, Milky Bar, Cailler oder Nestlé Crunch zu reduzieren. Um rund zehn Prozent habe der weltgrößte Lebensmittelkonzern den Anteil des "weißen Gifts" gesenkt, behauptete Mitte 2019 der Chef von Nestlé Deutschland. Tatsächlich seien es im Schnitt nur 5,7 Prozent gewesen, fand die Hamburger Verbraucherzentrale heraus.

Nestlé tüftelt an neuartigem kalorienärmeren Zucker

Vorerst gescheitert ist Nestlé mit seinem 2017 entwickelten neuen kalorienarmen Zucker. Der poröse Stoff, der 30 Prozent weniger als der herkömmliche Zucker enthielt und unter anderem in den Milkybar-Schokoriegel in Großbritannien eingesetzt wurde, kam geschmacklich bei den Kunden nicht an. "Die Verbraucher störten sich daran, wie sich die Schokolade im Mund anfühlt", sagte Nestlés Technologie-Chef Stefan Palzer am Rande der Jahrespressekonferenz 2020. Nun arbeitet der Schweizer Nahrungsmittelriese an einem neuen Verfahren, das den Zucker um 30 Prozent reduzieren soll. Der Weg zum zuckerarmen oder gar zuckerfreien Schoko-Osterhasen ist also noch lang.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 29. März 2021 um 20:15 Uhr.

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Moderation 30.03.2021 • 18:41 Uhr

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