Geschlossener Laden in Caracas

Venezuela in der Krise Die fetten Jahre des Petro-Sozialismus sind vorbei

Stand: 12.10.2010 16:44 Uhr

Venezuela kommt nicht aus der Krise: Durch die Verstaatlichungen von Präsident Chávez fehlt der Anreiz für Investitionen, zudem wurden vielfach Fachleute durch Chávez-Getreue ersetzt. Die Folge sind leere Läden und explodierende Preise. Nun sollen ausgerechnet internationale Konzerne helfen.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko-Stadt

Ein PDVAL-Laden in der Innenstadt von Caracas: Hier gibt es verbilligte Lebensmittel zu kaufen, die von der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft subventioniert werden. Eine große Tüte Spaghetti kostet hier knapp sieben Bolivar - umgerechnet etwa 1 Euro 60. Demonstrativ ist auch der sogenannte "kapitalistische Preis" angeschlagen. Mit 17 Bolivar 50 wären die Spaghetti mehr als doppelt so teuer.

Die Wirtschaft stagniert, die Preise steigen rasant

Alexander Rincon, Mitarbeiter bei einem Sozialprojekt, kauft auch in den PDVAL-Läden ein: "Generell gibt es hier einige Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Milchpulver und Reis. Die bekommt man immer und so viel man braucht. Aber darüber hinaus hat man hier nur wenig Auswahl." Tatsächlich sind die Regale voller Tüten mit Reis oder Milchpulver - aber die Kühltruhen sind allesamt leer.

Öl-Lagertanks in Puerto de la Cruz (Venezuela)

Die Ölindustrie in Venezuela wurde bereits vor Jahren verstaatlicht.

Für die Subventionierung der Lebensmittel braucht der Staat Geld - und davon hat die sozialistische Regierung weniger als früher. Venezuela muss die meisten Nahrungsmittel einführen, das Land finanziert sich vor allem aus seinen Öleinnahmen. Der Preis für den Rohstoff lag vor der weltweiten Wirtschaftskrise noch bei weit über 100 US-Dollar pro Barrel. Dann kam der Absturz, die Öleinnahmen gingen drastisch zurück. Die fetten Jahre im Petro-Sozialismus sind nun vorbei. Venezuela durchlebt eine Stagflation: Die Wirtschaft stagniert, die Preise steigen rasant - 2009 lag die Inflationsrate bei fast 30 Prozent.

Der Schwarzmarkt blüht

Eric Canares ist überzeugter Sozialist. Er arbeitet für die "Mision Sucre", einem landesweiten Bildungswerk für Erwachsene. Die Wirtschaftsprobleme seien durchaus zu spüren, sagt er: "Natürlich hat uns die Weltwirtschaftskrise getroffen und die Inflation war wohl nicht zu verhindern. Aber trotzdem sind wir das einzige Land, in dem auch die Löhne erhöht wurden und die Regierung im Sozialbereich investiert. Das hat die Folgen der Inflation ein bisschen abschwächt."

Die sozialistische Regierung versucht es zudem mit Preis- und Devisenkontrollen. Venezolaner dürfen nur sehr begrenzt ihre schwächelnden Bolivar in andere Währungen umtauschen. Die Folge: Der Schwarzmarkt blüht. Überall versuchen die Leute, US-Dollar zu ergattern - und somit ihr Geld vor der Inflation zu retten. Die Preiskontrollen machen vor allem kleinen Geschäftsleuten zu schaffen. Sie beklagen, dass sie ihre Produkte teilweise unter dem Einkaufspreis anbieten müssten. Damit würden sie in die Pleite getrieben.

"Die Regierung ist praktisch alles"

Nach Ansicht des Wirtschaftsexperten Elio Ohep ist die Krise vor allem hausgemacht. Präsident Hugo Chávez sei es mit seiner Verstaatlichungspolitik nicht gelungen ist, in den fetten Jahren florierende Wirtschaftszweige aufzubauen - jenseits der Ölindustrie: "Die Privatwirtschaft hat keinen Anreiz mehr zu investieren. Entweder verkaufen die Firmen ihr Eigentum oder der Staat enteignet sie. Die Regierung ist praktisch alles. Aber wie wir wissen, ist der Staat sehr ineffizient."

Venezuelas Präsident Hugo Chavez

Kritiker werfen Chávez vor, keine neuen Wirtschaftszweige aufgebaut zu haben.

Auch die für Venezuela so wichtige Ölförderung geht zurück – nach OPEC-Zahlen um etwa ein Fünftel seit dem Jahr 2000. Wirtschaftsexperte Ohep sieht dafür vor allem zwei Gründe: Zum einen fehle das Know-how, weil Fachleute durch Chávez-Getreue ersetzt worden seien. Zum anderen werde zu wenig investiert.

Wegen der Verstaatlichungspolitik hatten sich vor Jahren einige Ölmultis aus dem Venezuela-Geschäft zurückgezogen. Inzwischen aber setzt die Regierung Chávez wieder verstärkt auf ausländische Investoren. So wurde im Mai ein Milliarden-Vertrag mit Großkonzernen wie Chevron und Repsol über die Ölförderung am Orinoco unterzeichnet. Ausgerechnet die Multis könnten nun dem Sozialismus aus der Krise helfen - und dafür sorgen, dass es in den subventionierten PDVAL-Läden wieder mehr zu kaufen gibt.