Petrischale mit Keimkulturen. | NDR
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Greenpeace nimmt Proben Gefährliche Keime in Schlachtabwässern

Stand: 29.03.2022 06:00 Uhr

Resistente Keime verbreiten sich über Schlachtabwässer in der Umwelt. Kommt nun ein Verbot von Reserveantibiotika in Ställen?

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace wollte herausfinden, ob über das Abwasser von Schlachthöfen antibiotikaresistente Keime in die Umwelt gelangen. Deshalb haben Mitarbeiter der Organisation im Januar und im Februar dieses Jahres an insgesamt vier Schlachtbetrieben in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen jeweils an mehreren Tagen Proben genommen - genau dort, wo das Abwasser in umliegende Gewässer geleitet wird.

Oda Lambrecht
Christian Baars
Entnahme einer Abwasserprobe. | NDR

Greenpeace hat Abwasserproben genommen und auf Keimbelastung getestet. Bild: NDR

Resistenz auch gegen Reserve-Antibiotikum

Das Ergebnis der Untersuchung, das dem NDR vorliegt, hält die Mikrobiologin Katharina Schaufler von der Universität Greifswald für "besorgniserregend". Die Professorin entdeckte in 35 von 44 analysierten Wasserproben multiresistente Keime. Gegen solche Bakterien wirken gleich mehrere Antibiotika nicht mehr. Sie habe auch Keime gefunden, die gegen das Reserveantibiotikum Colistin resistent seien, so Schaufler.

Der Wirkstoff Colistin ist von der WHO als "Reserve"-Mittel eingestuft. Er soll nur dann eingesetzt werden, wenn Menschen an einem lebensbedrohlichen Infekt erkrankt sind und andere Antibiotika nicht anschlagen. Das ist nach Informationen der WHO immer häufiger nötig. Das Auftreten von Resistenzen gegen das Medikament sei daher besorgniserregend.

Petrischalen mit Keimkulturen. | NDR

In 35 der 44 analysierten Gewässerproben fanden sich multiresistente Keime. Bild: NDR

Ist ein Verbot von Colistin durchsetzbar?

Greenpeace fordert deshalb, den Einsatz von Reserveantibiotika wie Colistin in Tierställen zu verbieten. Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) von Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) teilte dem NDR auf Nachfrage mit, es wolle sich auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Colistin in der Tierhaltung verboten werde.

Allerdings veröffentlichte die Europäische Arzneimittelagentur gerade erst eine Liste mit den Antibiotika, die nur bei Menschen eingesetzt werden sollten. Colistin steht nicht darauf. Die EU-Kommission muss nun entscheiden, ob sie die Liste in dieser Form akzeptiert. Sollte sich die EU gegen ein Colistin-Verbot entscheiden, behalte sich das BMEL vor, nationale Regelungen zu prüfen, so eine Ministeriumssprecherin.

Weltweites Gesundheitsrisiko

Antibiotikaresistenzen gelten als eine der größten globalen Gesundheitsgefahren. Nach aktuellen Berechnungen sterben mehr als 1,2 Millionen Menschen weltweit pro Jahr an resistenten Bakterien. In Deutschland sind es mehr als 2000. Je mehr Antibiotika zum Beispiel in Kliniken oder Tierställen eingesetzt werden, desto mehr solcher Keime bilden sich und verbreiten sich auch in der Umwelt.

Die Greenpeace-Untersuchung zeigt nun erneut, dass diese Gefahr tatsächlich besteht. In den vergangenen Jahren hatte bereits eine Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag des Bundesforschungsministeriums die Ausbreitung antibiotikaresistenter Keime über das Wasser untersucht. 2020 hieß es im Abschlussbericht, die Verbreitung resistenter Bakterien über das "Abwasser von Geflügel- und Schweineschlachthöfen ist besorgniserregend".

Das Forscherteam untersuchte auch die Ausbreitung von Colistin-Resistenzen und identifizierte insbesondere Geflügelschlachthöfe als "Hotspots". Die Wissenschaftler empfahlen, auf das Mittel bei Tieren "vollständig" zu verzichten. Der derzeitige Einsatz von Colistin in den Ställen sei als "kritisch anzusehen".

Industrie fordert Zulassung von Alternativen

Für die Geflügelindustrie wäre ein solches Verbot herausfordernd. Behandlungen von Infektionskrankheiten seien aus Tierschutz- und Gesundheitsgründen notwendig, schreibt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Colistin sei hier ein wichtiges Antibiotikum.

Ein Verbot bei Hähnchen und Puten sei dennoch denkbar. Im Gegenzug fordert die Geflügelindustrie aber die Zulassung bestimmter alternativer Mittel wie etwa Bakteriophagen als Antibiotika-Ersatz oder bestimmter Kulturen, die die Darmflora der Tiere gesund halten sollen.

Massentierhaltung von Puten. | NDR

In großen Geflügelzuchtanlagen ist es schwierig, ohne Antiobiotika auszukommen. Aber es gäbe Mittel und Wege. Bild: NDR

Ministerium will mehr Platz für Tiere prüfen

Die Mikrobiologin Katharina Schaufler, die auch Tierärztin ist, sagt, es müsse vor allem die Haltung verbessert werden. Die Tiere müssten mehr Platz bekommen und robuster werden, damit sie seltener erkrankten. Bei der Politik sei hier noch deutlich Luft nach oben.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt, man wolle prüfen, wie Besatzdichten in den Ställen reduziert werden können. Neue Gesetze sollen ermöglichen, eine Verbesserung der Haltung verpflichtend anzuordnen, wenn sich der Antibiotikaeinsatz nicht reduziere, so das Ministerium in Berlin.

Es gäbe wirksame Mittel gegen Keime

Deutschland liegt beim Einsatz von Antibiotika im Veterinärbereich im EU-Vergleich etwa im Mittelfeld - berechnet auf die Menge der Tiere. Zwar ist der Einsatz von Antibiotika hierzulande im vergangenen Jahrzehnt deutlich gesunken, seit einigen Jahren verändert sich allerdings kaum etwas.

Neben Verbesserungen in der Tierhaltung könnten auch spezielle Filter oder Reinigungsanlagen direkt an den Schlachthöfen die Verbreitung resistenter Keime deutlich reduzieren. Drei der vier Schlachtbetriebe, an denen Greenpeace Proben nahm, kommentierten die Untersuchungsergebnisse gegenüber dem NDR nicht. Einer schrieb, man mache sich viele Gedanken und habe in diesem Jahr Schritt für Schritt eine Ozonierungsanlage eingebaut, um Bakterien im Abwasser abzutöten.

Doch solche Verfahren sind in Deutschland bisher nicht vorgeschrieben. Das bestätigt das Bundesumweltministerium (BMU) dem NDR. Und daran wird sich wohl auch in Kürze nichts ändern. Denn zuständig sei hier die EU, so das BMU. Und dort würden solche konkreten Anforderungen an die Abwasserreinigung derzeit nicht vorgeschlagen.

Über das Thema berichtete die Sendung Panorama 3 im NDR Fernsehen am 29.3.2022 ab 21:15 Uhr.