Eine Boeing 737-800 von Aeroflot im Wartungszentrum. | picture alliance / Russian Look

Russische Luftfahrt Airbus und Boeing stoppen Lieferung

Stand: 02.03.2022 16:07 Uhr

Als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine stellen Airbus und Boeing im Rahmen der westlichen Sanktionen ihre Lieferungen an russische Fluggesellschaften ein. Russlands Luftfahrt ist nun weitgehend isoliert.

Airbus und Boeing stoppen wegen des Ukraine-Kriegs und der westlichen Sanktionen ihre Lieferungen an russische Fluggesellschaften. Die Airlines erhalten damit keine Ersatzteile mehr und werden auch technisch nicht mehr unterstützt, wie die beiden Flugzeugbauer heute mitteilten. Das Gemeinschaftsunternehmen ECAR, das Airbus mit dem russischen Finanzinvestor Systema und der Industrieholding Kaslol betreibt und das rund 200 Ingenieure beschäftigt, stelle ebenfalls die Arbeit ein. Unklar sei, ob es im Rahmen der Sanktionen weiter betrieben werden könne, erklärte Airbus.

Auch Lufthansa Technik habe aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland sämtliche Serviceleistungen für Kunden dort gestoppt, sagte ein Sprecher. Die Hamburger Wartungstochter der Lufthansa habe derzeit Verträge mit etwa einem Dutzend größerer Fluggesellschaften in Russland. Damit seien die Dienstleistungen, vor allem hinsichtlich Komponenten und Triebwerken, für etwa 400 Flugzeuge eingestellt. Eine extra eingerichtete Task Force beschäftige sich damit, die Sanktionen vollständig umzusetzen.

Auch die USA sperrt Luftraum für russische Flugzeuge

Die Flugzeugbauer reagieren mit ihren Ankündigungen auf die Strafmaßnahmen, die nach der Invasion in der Ukraine gegen die Luftfahrtbranche verhängt wurden. Vorbild dafür sind die Sanktionen gegen den Iran und Nordkorea. Allerdings dürften die Auswirkungen deutlich gravierender sein, weil der russische Markt größer als der iranische oder nordkoreanische ist. Zudem besteht eine starke Abhängigkeit von westlichen Zulieferern.

Im vergangenen Jahr kam Russland nach Berechnungen der Beratungsfirma IBA auf einen Anteil von rund sechs Prozent am weltweiten Flugverkehr. Die Kapazitäten lagen über dem Niveau vor Ausbruch der Corona-Pandemie und russische Fluggesellschaften galten als verlässliche Kunden für Leasingfirmen. Dabei spielt vor allem der große Binnenmarkt eine Rolle: In dem riesigen Land sind viele Entfernungen nur mit dem Flugzeug zu überbrücken.

Mittlerweile gilt Russlands Luftfahrtssektor als weitestgehend isoliert. Nachdem am Wochenende zunächst die Europäische Union (EU) und Deutschland den Luftraum für russische Flugzeuge sperrte, hat in der vergangenen Nacht auch US-Präsident Joe Biden in seiner Rede zur Lage der Nation einen solchen Schritt angekündigt.

Rund die Hälfte der zivilen Flotte Russlands könnte wegbrechen

Nach den Sanktionen dürfen außerdem keine Flugzeuge mehr nach Russland verkauft oder vermietet werden. Kurzfristig sind die Folgen also vor allem für die russischen Airlines dramatisch. Denn derzeit haben diese nach Angaben des Analysehauses Cirium rund 515 Flugzeuge mit einem Marktwert von schätzungsweise zehn Milliarden Dollar von westlichen Konzernen geleast. Das entspricht etwa der Hälfte der zivilen Flugzeugflotte Russlands. Allein bei Aeroflot und ihrer Billigtochter Pobeda handelt es sich offenbar um rund 110 Maschinen.

Die westlichen Vermieter haben nach den EU-Sanktionen bis zum 28. März Zeit, ihre Verträge zu kündigen. Große Leasingunternehmen wie das weltgrößte Aer Cap oder BOC Aviation erklärten bereits, die Sanktionen strikt umzusetzen. Ohnehin rechnen Experten damit, dass die russischen Airlines wegen des Ausschlusses aus dem Zahlungssystem SWIRT schon in der kommenden Woche die Leasingraten nicht mehr zahlen können.

Sechs der zehn größten Leasingfirmen, die Flugzeuge an russische Airlines vermieten, kommen aus dem eigenen Land. Allerdings ist Aer Cap aus Irland der mit Abstand größte: Laut IBA hat AerCap 154 Flugzeuge im Wert von 2,2 Milliarden Dollar an russische Kunden vermietet. Danach seien alle noch aktiv.

Russische Airlines haben Ersatzteile angehäuft

Unklar ist allerdings, ob die Flugzeuge tatsächlich zurückgegeben werden. "Russland wird wahrscheinlich kein Flugzeug außer Landes lassen. Wenn der Westen das russische Vermögen einfriert, wird Russland ebenfalls Vermögen und Assets sichern", sagte Peter Smeets, Geschäftsführer der Beratungsfirma 360 Aircraft Finance (AF), dem "Handelsblatt". Zudem dürfe es schwer werden, in der aktuellen Situation ausreichend Piloten zu finden.

Somit könnten die Betreiber der Flugzeuge die Anweisungen der Vermieter ignorieren und weiterfliegen. Neben den kompletten Maschinen betreffen die westlichen Strafmaßnahmen aber auch Ersatzteile, was das Problem für die russischen Airlines verschärft. Die Teile dürfen weder verschickt noch gewartet werden.

Wie lange die Fluggesellschaften in Russland ihre Flugzeuge noch ohne Sicherheitsbedenken abheben lassen können, ist unklar. Kurzfristig hätten alle Airlines für wichtige Ersatzteile Lagerbestände angelegt, um schnell reagieren zu können, wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtet. Dennoch dürfte es der Zeitung zufolge nur eine Frage von Tagen sein, bis die ersten Maschinen am Boden bleiben müssen.

Luftfahrtfirmen fehlen ebenfalls Produktionsteile

Mittelfristig wirken sich die Sanktionen und Lieferstopps jedoch auch auf die westlichen Flugzeugbauer aus. Bei Airbus und Boeing haben russische Fluggesellschaften derzeit 62 offene Aufträge, wie IBA-Daten zeigen. Etwa vom Langstreckenjet A350 des größten europäischen Herstellers hat Aeroflot 14 Maschinen fest bestellt. Zudem wartet die Airline UTair auf 28 Boeing 737 MAX und die Frachtfluggesellschaft Volga-Dnepr auf sechs 777F.

Darüber hinaus sind sowohl die Flugzeugbauer als auch Triebwerkshersteller wie MTU Aero Engines, Safran oder GE Aviation in der Produktion von russischen Titanium-Lieferungen abhängig. Die meisten Firmen hätten nach "SZ"-Informationen zwar die Bestände vorsorglich aufgefüllt und damit Reserven für die kommenden Monaten. Doch je länger die Sanktionen andauern, desto höher ist die Gefahr, dass das Metall für die Trieb- und Fahrwerke fehlt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. März 2022 um 06:00 Uhr.