Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 in Lubmin, Mecklenburg-Vorpommern. | dpa

Nord Stream 1 Das Gas fließt wieder

Stand: 21.07.2022 08:50 Uhr

Nach zehn Tagen fließt wieder Gas: Russland hat die Lieferungen nach Europa durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 wieder aufgenommen. Allerdings liegt der Durchfluss weit unterhalb der Kapazitätsgrenze.

Nach der Wartung von Nord Stream 1 ist am Morgen die Gaslieferung durch die deutsch-russische Pipeline wieder angelaufen. Das zeigen aktuelle Lieferdaten. Auch ein Sprecher des Betreibers bestätigte der Nachrichtenagentur dpa die Wiederaufnahme.

Bis die volle Transportleistung erreicht sei, werde es einige Zeit dauern, sagte der Sprecher weiter. Zuletzt sei in etwa so viel Gas wie vor der Wartung angekündigt gewesen, also rund 67 Millionen Kubikmeter pro Tag. Das entspreche etwa einer 40-prozentigen Auslastung der maximalen Kapazität. Die angemeldeten Mengen können sich mit einem gewissen Vorlauf aber auch noch im Laufe eines Tages ändern.

Genaue Liefermenge noch unklar

Noch ist unklar, wie viel Gas Russland nun tatsächlich transportiert. Nach ersten Daten des Pipelinebetreibers wurde zwischen 6.00 und 7.00 Uhr Gas im Volumen von rund 21,4 Millionen Kilowattstunden geliefert. Vor der Wartung hatte die Menge bei knapp 30 Millionen Kilowattstunden pro Stunde gelegen. Die maximale Kapazität der Ostsee-Pipeline liegt bei rund 70 Millionen Kilowattstunden pro Stunde.

Der in Kassel ansässige Netzwerkbetreiber Gascade registrierte für die Zeit von 6.00 bis 7.00 Uhr am Eingangspunkt in das deutsche Netzwerk OPAL 12,5 Millionen Kilowattstunden, beim Eingangspunkt in das Netzwerk NEL 8,96 Millionen Kilowattstunden.

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, schrieb auf Twitter, die Buchungen lägen nur bei rund 30 Prozent der Auslastung - Veränderungen bei den Buchungen innerhalb eines Tages wären sehr ungewöhnlich.

Auch zwei mit den Plänen für den russischen Gasexport vertraute Personen hatten der Nachrichtenagentur Reuters vor der Wiederaufnahme der Lieferungen gesagt, Russland wolle seine Lieferungen über Nord Stream 1 zwar wieder aufnehmen - allerdings in reduziertem Umfang.

Zehn Tage außer Betrieb

Nord Stream 1 war seit dem 11. Juli wegen einer jährlichen Wartung für zehn Tage außer Betrieb. Zuvor hatte die die Auslastung bereits bei lediglich 40 Prozent der möglichen Kapazität gelegen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte vor einem weiteren Absenken der Gaslieferungen durch Nord Stream 1 gewarnt. Zwar werde der Energiekonzern Gazprom seine Verpflichtungen "in vollem Umfang" erfüllen - sollte jedoch eine fehlende, in Kanada reparierte Turbine nicht in Russland eintreffen, könnten nur noch etwa 30 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag geliefert werden. Damit würde die tägliche Lieferkapazität auf rund ein Fünftel der ursprünglichen Menge fallen.

Sorge um den Gasspeicherstand

Nach Deutschland war seit dem Beginn der Wartungsarbeiten kaum noch russisches Gas geflossen. Die Bundesregierung hatte befürchtet, dass Gazprom nach Beendigung der Arbeiten den Gashahn geschlossen halten oder deutlich weniger liefern könnte. Dies könnte die Pläne massiv beeinträchtigen, bis zum November die deutschen Gasspeicher bis zu 90 Prozent zu füllen. Aktuell liegt der Wert laut Bundesnetzagentur bei 65,1 Prozent.

Für den Fall eines Notstandes hatte die EU-Kommission eine Reduktion des Gasverbrauchs in den EU-Mitgliedsstaaten um 15 Prozent vorgeschlagen - zunächst freiwillig, könnte aber auch verpflichtend werden. Für den Fall eines Notstands oder einer ungewöhnlich hohen Nachfrage bat die Kommission um die Berechtigung, einen Gassparzwang durchzusetzen.

"Niemand darf sich beruhigen lassen"

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnte nach der Wiederaufnahme, die Lage könne sich schnell wieder ändern. "Niemand darf sich von dieser Nachricht beruhigen lassen", erklärte Energieexpertin Reenie Vietheer. "Sicherheit vor Putins Machtspielen mit fossilen Energien gibt es nur durch einen möglichst schnellen Gasausstieg." Auf dem Weg zur Unabhängigkeit müsse die Bundesregierung nun unter anderem "massive Energieeinsparungen beschließen - beispielsweise durch effiziente Wärmepumpennutzung und drastische Reduktion der Plastikherstellung" sowie "den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben".

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 21. Juli 2022 um 07:41 Uhr.