Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung). | dpa

Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 Wie wichtig ist die Turbine wirklich?

Stand: 18.07.2022 12:33 Uhr

Die Wartungsarbeiten an der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 sollen am Donnerstag abgeschlossen sein, dann soll Gas wieder fließen können. Rätselraten gibt es um eine angeblich essenzielle Turbine.  

Ob ab Donnerstag wieder Gas durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 fließen wird, ist ungewiss. Die Wartungsarbeiten an der wichtigsten Versorgungsleitung von Russland nach Deutschland sollen zwar an diesem Donnerstag abgeschlossen sein. Aber nach Darstellung des russischen Gazprom-Konzerns fehlt weiterhin eine Turbine von Siemens Energy, die Kanada lange wegen der Sanktionen nach Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zurückgehalten hat.

Der russische Gazprom-Konzern hatte Siemens am Samstag zur Rückgabe der in Kanada reparierten Turbine aufgefordert, um den Weiterbetrieb der von Russland nach Deutschland führenden Pipeline gewährleisten zu können. Die Turbine sei wichtig für die Kompressorstation Portowaja, die wiederum für den Betrieb von Nord Stream 1 essenziell sei, hatte Gazprom mitgeteilt.

Wo steckt die Turbine im Moment?

Ungeklärt war zuletzt, wo sich die Turbine befand und wann sie eingebaut wird. Der Hersteller Siemens Energy wollte heute keine Angaben zum Stand der Dinge machen. Es bleibe dabei, "dass es unser Ziel ist, die Turbine so schnell wie möglich zu ihrem Einsatzort zu transportieren", hieß es auf Anfrage in München. Auch das Bundeswirtschaftsministerium machte am Mittag keine konkreten Angaben zum derzeitigen Verbleib des Bauteils.

Die russische Zeitung "Kommersant" berichtet unter Berufung auf mit den Vorgängen vertraute Personen, dass die Turbine repariert und von Kanada am Sonntag per Flugzeug nach Deutschland geliefert worden sei. Sollte es keine Probleme mit der Logistik oder dem Zoll geben, werde es weitere fünf bis sieben Tage dauern, bis die Turbine in Russland ankomme, schreibt "Kommersant". Sollte das zutreffen, würde sich bereits jetzt abzeichnen, dass der Termin am Donnerstag nicht zu halten sein wird.   

Wie wichtig ist die Turbine wirklich?

Das Bundeswirtschaftsministerium widerspricht unterdessen der Gazprom-Darstellung, bei der Turbine handele es sich um ein unverzichtbares Bauteil; vielmehr sei es nur eine Ersatzturbine. "Es handelt sich um eine Ersatzturbine für den Einsatz im September", sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Es sei ein Vorwand der russischen Seite, dass wegen der Wartung dieser Turbine der Gasfluss durch die Nord Stream 1 Pipeline habe gedrosselt werden müssen.

Auch implizieren die Äußerungen aus dem Haus von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), dass die Wiederaufnahme der Gaslieferungen eigentlich nicht davon abhängig sein sollte, wann das Bauteil in Russland eintrifft. Dennoch halten Beobachter es für denkbar, dass Gazprom die Wiederaufnahme der Gaslieferung unter Verweis auf die fehlende Turbine zumindest verzögert.

Dreht Gazprom den Gashahn wieder auf?

Bereits vor einigen Tagen hatte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Franziska Brantner (Grüne), auf der Nachrichtenseite ntv.de unterstrichen, dass die aktuellen Lieferkürzungen eine rein politische Grundlage hätten und keine technische.

Denn durch Nord Stream 1 fließt seit dem 11. Juli wegen der Wartungsarbeiten kein Gas mehr. Ob Russland nach Beendigung der Arbeiten den Gashahn tatsächlich wieder aufdreht, gilt als offen. Schon vor Beginn der zehntägigen Wartungsarbeiten hatte Gazprom die Gasdurchleitung durch die Pipeline um 60 Prozent gedrosselt. Das trieb die ohnehin hohen Gaspreise weiter in die Höhe.

Uniper zieht KfW-Milliardenkredit

Der wegen der Folgen der explodierenden Preise in Schieflage geratene Versorger Uniper greift unterdessen auf einen milliardenschweren Kredit der staatseigenen Förderbank KfW zurück. "Uniper hat heute die bestehende KfW-Kreditfazilität in Höhe von zwei Milliarden Euro in Anspruch genommen und damit die Fazilität vollständig ausgeschöpft", teilte der Konzern heute mit.

Wie lange die Gelder reichen, hängt einem Uniper-Sprecher zufolge von der weiteren Entwicklung des Gasmarkts ab. Uniper stehe in engem Austausch mit seinen Banken und der Bundesregierung, betonte er. Ziel sei die finanzielle Stabilisierung des Unternehmens. Uniper hatte die Bundesregierung um Hilfe gebeten, aktuell laufen Gespräche über eine Rettung mit staatlicher Hilfe.

BDI: Gasversorgung neu regeln

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, erwartet derweil, dass auf Deutschland "ein langfristig andauernder Gasmangel" zukommt. Er verlangt, die Versorgung mit Erdgas für den Fall eines Mangels neu zu regeln. "Die aktuellen Priorisierungsregeln in einer Gasmangellage wurden für eine kurzfristige Unterbrechung einzelner Leitungen geschaffen", sagte er heute.

"Für die harte neue Energie-Realität muss die Politik in Berlin und Brüssel eine neue Regelung schaffen. Diese hat alle Teile der Gesellschaft entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit in die Pflicht zu nehmen." Jetzt zähle "jede eingesparte Kilowattstunde Gas und Strom", sagte er. "Neben Unternehmen, Kommunen und Ländern müssen Privatverbraucherinnen und -verbraucher Teil der massiven Energiesparkampagne werden."