Ein frisch geschlüpftes männliches Küken einer Legerasse in einer Brüterei im Münsterland. | Bildquelle BR/Rainer Kitz

Verbot seit 1. Januar Kein Kükentöten - mehr Tierschutz?

Stand: 03.01.2022 06:34 Uhr

Männliche Küken dürfen in Deutschland seit Jahresbeginn nicht mehr getötet werden. Doch die Alternativen bereiten einige Probleme. Garantiert das Verbot wirklich mehr Tierschutz?

Von Simon Plentinger, BR

November 2021. Burkhard Brinkschulte hält ein frisch geschlüpftes Küken auf seiner Hand. Am gelblichen Flaum lässt sich erkennen: Es ist ein Männchen. Die weiblichen Küken, die gleichzeitig geschlüpft sind, haben ein bräunliches Gefieder. Dieser sogenannte Schlupf in der Brüterei Brinkschulte im Münsterland ist der erste, bei dem alle männlichen Küken am Leben bleiben dürfen. Sie sollen jetzt gemästet werden. Eigentlich gilt das in der Branche als unwirtschaftlich. Darum wurden die männlichen Küken der Legehennenrassen in den Brütereien bislang mit CO2 zunächst betäubt und dann getötet.

Doch damit ist in Deutschland jetzt Schluss. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte 2019: Das Kükentöten aus wirtschaftlichen Gründen muss enden, sobald Alternativen zur Verfügung stehen. Im Spätsommer 2020 kündigte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU, dann ein Gesetz zum Ausstieg aus dem Kükentöten zum Jahresbeginn 2022 an, das im Mai letzten Jahres vom Bundestag beschlossen wurde.

Druck aus dem Handel - doch viele Schlupflöcher

Dieser Zeitplan setzte die Geflügelbranche stark unter Druck, ihre Praktiken entsprechend schnell umzustellen. Doch der Lebensmitteleinzelhandel erhöhte diesen Druck noch: nämlich durch die Ankündigungen von diversen Supermarktketten und Discountern, vom 1. Januar 2022 an bereits keine Eier mehr zu verkaufen, die "mit Kükentöten" produziert wurden. Der Einzelhandel erhoffte sich davon wohl auch einen Imagegewinn.

Die meisten Supermarktketten haben tatsächlich bereits zum Jahreswechsel ihr Sortiment umgestellt - meistens allerdings nur bei frischen Eiern. Eier in verarbeiteten Produkten kommen in vielen Fällen aus dem Ausland und werden weiter "mit Kükentöten" produziert. Der Verband der Eierproduzenten in Deutschland (BVei) hat bereits im November vom Lebensmittelhandel gefordert, auch bei Fertigprodukten umzustellen. Auch bei Eiern aus der Direktvermarktung, also auf Wochenmärkten oder in Hofläden, ist es weiterhin möglich, dass die Legehennen im Ausland geschlüpft sind und ihre Brüder dort getötet wurden. Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher also darauf achten wollen, müssen sie hier genau nachfragen.

Frisch geschlüpftes männliches Küken einer Legerasse in einer Brüterei im Münsterland im Vordergrund, im Hintergrund sind seine weiblichen Geschwister zu sehen. | Bildquelle BR/Rainer Kitz

Frisch geschlüpftes männliches Küken einer Legerasse in einer Brüterei im Münsterland im Vordergrund, im Hintergrund sind seine weiblichen Geschwister zu sehen. Bild: Bildquelle BR/Rainer Kitz

Alternative: Geschlechtsbestimmung im Ei

Rudolf Preisinger kritisiert die Ziele beim Ausstieg aus dem Kükentöten als "zu ambitiös und zu überstürzt". Er ist Sprecher des Arbeitskreises Zucht und Vermehrung des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft und arbeitet selbst als Genetiker für einen der großen deutschen Geflügelkonzerne. Beim Verband befürchtet man ein Sterben der Betriebe, die in Deutschland Legehennen ausbrüteten. Schon jetzt gibt es nur noch etwa 20 solcher Betriebe. Vor allem kleinere können sich die Alternativen zum Kükentöten nicht leisten.

Die Alternative derzeit ist die sogenannte "Geschlechtsbestimmung im Brutei". Preisinger selbst hat an der Entwicklung der Verfahren mitgewirkt und sieht darin die sinnvollste Alternative. Auch das Bundesverwaltungsgericht sowie Ex-Ministerin Klöckner sahen in der Technik die Lösung. Die Idee: Mit technischen Verfahren wird bestimmt, ob das Embryo im Ei männlich oder weiblich ist. So werden die Hähne noch vor dem Schlüpfen aussortiert und zu Tierfutter verarbeitet. Solche Verfahren sind bereits im Einsatz, allerdings nur in sehr wenigen Brütereien. Ein gängiger Ansatz dabei ist, dass an Tag acht oder neun der dreiwöchigen Brutphase ein Tropfen Flüssigkeit aus dem Ei entnommen und dann analysiert wird, um das Geschlecht des Embryos im Ei zu bestimmen.

Ab wann spüren Hühner-Embryonen Schmerzen?

Aber alle bisherigen Verfahren stehen derzeit noch vor einem Problem: Von 2024 an ist die Geschlechtsbestimmung nicht mehr an Tag acht oder neun, sondern nur noch spätestens am sechsten Bruttag erlaubt. So soll sicher ausgeschlossen werden, dass der Hühnerembryo zum Zeitpunkt des Verfahrens bereits ein Schmerzempfinden entwickelt hat. Keines der derzeitigen Verfahren ist bisher dazu in der Lage.

Ohnehin decken die Verfahren momentan erst einen kleinen Teil des Marktes ab. Über 100 Millionen Eier müssten pro Jahr für den deutschen Markt untersucht werden - ein Kapazitätsproblem. Außerdem zögern deutsche Brütereien, die Technik anzuwenden: wegen der noch ungelösten technischen Probleme, aus Kostengründen und auch aus ethischen Gründen, da das Töten nur vor den Zeitpunkt des Schlüpfens verschoben wird. Die Bio-Branche hat sich deshalb generell gegen die Geschlechtsbestimmung entschieden - und für die Bruderhahnaufzucht.

Sind Bruderhähne die bessere Alternative?

Branchenvertreter Preisinger vom Zentralverband der Geflügelwirtschaft schätzt, dass derzeit in mindestens zwei Drittel der Fälle die männlichen Küken als sogenannte Bruderhähne aufgezogen werden. Das bedeutet, sie werden zur Fleischproduktion gemästet. Allerdings dauert das bis zur Schlachtung im Vergleich zu speziell dafür gezüchteten Masthähnchen etwa dreimal so lang. Bruderhähne brauchen etwa drei Monate, um das gleiche Gewicht zu erreichen wie ein Masthähnchen, das schon nach fünf Wochen geschlachtet wird. Trotzdem bleibt vom Bruderhahn am Ende deutlich weniger Fleisch, vor allem weniger vom beliebten Brustfilet.

Finanziell funktioniert das für die Erzeuger nur, wenn die Aufzucht der Hähne über einen höheren Preis bei den Eiern mitfinanziert wird. Ein weiteres Problem: Durch die längere Mast und einen höheren Futterverbrauch ist die CO2-Bilanz der Bruderhähne dreimal so hoch wie bei einer Masthähnchenrasse. Fraglich ist auch, ob die Verbraucher dieses teurere und anders schmeckende Fleisch überhaupt kaufen würden. Bisher werden Produkte aus Bruderhahnfleisch in den Supermärkten nur in geringem Umfang angeboten. Branchenexperte Preisinger: "Wenn der Bundesbürger diese Lebensmittel nicht konsumiert, gehen sie notgedrungen in den Export."  

Künftig nur noch eine "Hochleistungsrasse"?

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt zwar, dass das Kükentöten jetzt verboten ist, kritisiert aber, das Grundproblem sei noch nicht vom Tisch: nämlich die Abkehr von alten Zweinutzungsrassen hin zu einer spezialisierten Hochleistungszucht. Legehennen sind heute darauf gezüchtet, pro Jahr mehr als 300 Eier zu legen. Ihre Brüder wachsen aber viel langsamer im Vergleich zu speziell gezüchteten Masthähnchen, bei denen beide Geschlechter in kürzester Zeit gemästet werden können. Die Aufzucht der männlichen Tiere aus Legerassen galt daher als unwirtschaftlich, deshalb wurden sie getötet.

Die 40 bis 50 Millionen männlichen Küken wurden in Deutschland nicht geschreddert, wie es oft fälschlicherweise heißt, sondern mit CO2 vergast, eingefroren und verkauft -  als Tierfutter an Zoos, Greifvogelauffangstationen oder Schlangenbesitzer. Die müssen sich jetzt nach Alternativen für die toten Küken umsehen. Eine davon wäre die Aufzucht von Mäusen zu Futterzwecken. Doch weil das teuer ist, werden sich viele Zoos im Ausland mit Futterküken eindecken, wo die Tiere nach dem Schlüpfen weiterhin getötet werden dürfen. Im Nürnberger Tiergarten beispielsweise bezieht man die toten Küken ab jetzt aus Spanien.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 03. Januar 2022 um 07:06 Uhr.