Jogger bei Smog in einem Park in Neu-Delhi | EPA

Luftverschmutzung in Indien Mittelständler sagt Feinstaub den Kampf an

Stand: 10.11.2021 18:08 Uhr

Feinstaub und Smog sind seit Langem ein großes Problem in Indiens Millionenmetropolen. Mit einer einfachen Idee will ein Mittelständler aus Ostdeutschland Abhilfe schaffen.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Atmen fällt schwer in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Die Feinstaubwerte erreichen seit Tagen wieder Rekordwerte. Sie liegen um ein Vielfaches über den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerten. Neu-Delhis Kliniken berichten von vielen Patienten mit Atembeschwerden und Asthmaanfällen, darunter zahlreiche Kinder.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Biomethan statt Verbrennung auf dem Feld

Oliver Lüdtke steht im Büro einer Pilot-Anlage der Verbio Vereinigte BioEnergie AG im indischen Bundesstaat Punjab. Der Geschäftsführer der mittelständischen Firma aus Sachsen-Anhalt hat einen Plan im Kampf gegen den Feinstaub, der auch Neu-Delhi helfen soll. "Die Bauern im Punjab brennen zweimal im Jahr Reisstroh ab, um danach schnell wieder aussäen zu können", sagt er. Lüdtke will Punjabs Bauern überzeugen, ihm das Stroh zu verkaufen. "Reisstroh ist hart. Die Bauern gießen deshalb Öl auf die Felder, um das Stroh dort abzubrennen. Das verursacht die gigantische Luftverschmutzung in Nordindien und in Neu-Delhi." Allein im Punjab werden 20 Millionen Tonnen Reisstroh pro Jahr verbrannt. "Das wäre so, als ob zwei Drittel der deutschen Fläche zweimal pro Jahr abbrennen würde", so Lüdtke.

Die Verbio AG mache aus Stroh Biomethan, erklärt Lüdtke. "Bakterien zersetzen Stroh und wandeln es in Biomethan um, also in Erdgas und in CO2. Dieses Roh-Biogas wird anschließend gereinigt, getrocknet und verdichtet." Es entsteht der Biokraftstoff CBG, bei dem die Treibhausbilanz aber sehr viel besser ausfalle als bei fossilen Treibstoffen, sagt Kati Görsch vom Deutschen Biomasse-Forschungszentrum Leipzig. Sie forscht an neuen Treibstoffen. Der Biokraftstoff CBG ("Compressed Bio Gas") soll an Indiens Tankstellen verkauft werden.

Es mangelt an politischer Unterstützung

Für sein Vorhaben braucht Lüdtke Indiens Bauern an seiner Seite, Kredite - und die Unterstützung von Indiens Regierung. 25 Millionen Euro hat die ostdeutsche Firma aus eigener Tasche in ihre erste indische Anlage gesteckt. Für weitere sucht Lüdtke derzeit Kreditgeber. In der Niederlassung der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Ipex, im indischen Mumbai hat er dazu angefragt. Verhandlungspartner und Ipex-Geschäftsführer, Shvetarko Banerjee, antwortet auf ARD-Anfrage zum Stand der Verhandlungen: "Die sind noch in einem sehr frühen Stadium. Wir möchten nicht in der Öffentlichkeit darüber reden."

Reisstrohfeld in Indien wird abgebrannt. | Verbio

Ein Reisstrohfeld in Indien wird abgebrannt. Landwirte tragen so erheblich zur Luftverschmutzung bei. Bild: Verbio

Lüdtke ist enttäuscht, denn die Pilotanlage steht weitgehend, und Verbio wollte schnell mit der Planung neuer Anlagen beginnen. Sollte nicht Nachhaltigkeit als ein wesentliches Kriterium bei der Kreditvergabe eine wichtige Rolle spielen? Das fragt der Verbio-Geschäftsführer - und das hatte er von der deutschen staatseigenen Investitionsbank für Entwicklungshilfe KfW eigentlich erwartet.

Tarun Kapoor, Staatsekretär im Ministerium für Benzin und Gas in Neu-Delhi, ist auf indischer Regierungsseite Lüdtkes Verhandlungspartner. Dem Ministerium untersteht der indische Ölkonzern Indian Oil Coporation. Lüdtke will den Konzern für ein Joint Venture gewinnen, doch blieb auch das bisher erfolglos. Überzeugen konnte er aber 5000 Bauern aus dem Punjab. Sie verkaufen ihm ihr Reisstroh. 15 Tankstellen der Region wurden auf den Biokraftstoff CBG umgerüstet, zwölf weitere wollen folgen. CBG ist für Indiens Autofahrer nicht neu. Den Biokraftstoff gibt es bereits als preiswerte Alternative zu Benzin und Diesel.  

Hoher persönlicher Einsatz für Projekt in Indien

Seit mehr als sechs Jahren pendelt Lüdtke zwischen dem Firmensitz in Ostdeutschland und dem indischen Punjab, um das Projekt voranzutreiben - ein Kraftakt für den Geschäftsführer. Dann kam auch noch die Pandemie. Im Januar 2022 soll nun die Anlage eröffnet werden und die volle Leistung bringen. "Wir sind absolut überzeugt davon, dass unsere Technologie die Lösung für Indiens Reisstroh-Problem ist. Wir wollen wirklich etwas ändern", sagt Lüdtke. Indiens Regierung hat 5000 CBG-Biogasanlagen bis 2023 in ganz Indien zum Ziel erklärt.

Indien ist nach China, den USA und der EU der viertgrößte Kohlendioxid-Emittent der Welt. Viele indische Städte leiden unter der höchsten Feinstaubbelastung weltweit. Premierminister Narendra Modi hat gerade auf der UN-Weltklimakonferenz angekündigt, Indiens Emissionen bis 2070 auf Netto null zu senken. Damit aber verfehlt das Land das wichtige Ziel des Klimagipfels: eine Senkung der Emissionen auf Null bereits bis 2050 zu erreichen.