Britische Pfund

EU-Gegner befürchten mehr Zuwanderer Großbritannien erhöht den Mindestlohn

Stand: 01.04.2016 11:47 Uhr

Großbritannien erhöht von heute an den Mindestlohn deutlich. EU-Skeptiker auf der Insel befürchten noch mehr Zuwanderer. Das heizt die Diskussion vor dem Volksentscheid über einen "Brexit" im Sommer weiter an.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Chloe Brown muss jedes Pfund und jeden Penny zwei Mal umdrehen: Sie lebt in Sheffield, im Norden Englands, und arbeitet dort in einem Pflegeheim. 6,70 Pfund verdiente sie bisher in der Stunde, den Mindestlohn. Davon muss sie alle Rechnungen bezahlen, auch die Betreuung für ihren kleinen Sohn Oliver. Am Ende des Monats bleibt da kein Geld übrig. Doch von heute an verdient Chloe deutlich mehr: nämlich 7,20 Pfund pro Stunde, ein Lohn-Plus von immerhin 7,5 Prozent - was für die junge Mutter viel ausmacht im Portemonnaie.

Anstieg bis 2020 auf neun Pfund pro Stunde

1999 hatte die Labour-Regierung den gesetzlichen Mindestlohn eingeführt, der damals bei 3,60 Pfund lag. Bis 2020 nun soll der "Living Wage" - die neue Lohnuntergrenze für den Lebensunterhalt - sogar auf neun Pfund steigen. So hatte es überraschend George Osborne, Finanzminister der Konservativen, im vergangenen Juli angekündigt.

George Osborne, Finanzminister von Großbritannien
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George Osborne, Finanzminister Großbritanniens, hatte die Erhöhung im vergangenen Juli überraschend angekündigt.

Mehr Geld für Geringverdiener? Damit werde es ja noch attraktiver für Menschen aus der EU, sich in Großbritannien einen Job zu suchen, klagen bereits Vertreter der Kampagne "Vote Leave", die vor dem EU-Referendum im Juni für einen "Brexit" kämpft. Tatsächlich sind bereits in den vergangenen Jahren Hunderttausende Arbeiter aus Osteuropa auf die Insel gekommen - so wie Victoria aus Litauen, die auf einem englischen Feld Narzissen pflückt. In ihrer Heimat könne sie damit 300 Euro im Monat verdienen, sagt Victoria, hier dagegen 500 Pfund in der Woche.

Weniger Jobs durch höheren Mindestlohn?

Die EU-Gegner wettern deshalb: Was bringe es, einerseits Sozialleistungen für EU-Zuwanderer zu beschneiden - wie von Premier David Cameron in Brüssel ausgehandelt -, wenn andererseits der Mindestlohn kräftig steige? Dass der "Living Wage" aber wirklich noch mehr EU-Ausländer anzieht, hält Professor John van Reenen von der London School of Economics nicht für ausgemacht. Der Volkswirt vermutet, dass die jetzt gestiegene Lohnuntergrenze am Ende Jobs kosten wird. Sollte es so kommen, wäre es wiederum für EU-Bürger schwieriger, Arbeit in Großbritannien zu finden - gerade im Niedriglohnsektor.

So oder so: Einigen Unternehmern bereitet der höhere Mindestlohn bereits Kopfzerbrechen - etwa Anita Bingham, die in Sheffield einen privaten Kindergarten betreibt. Es werde nicht einfach, sagt Anita, die Lohnerhöhung für ihre Mitarbeiter finanziell zu stemmen. Sie könne niemanden entlassen und werde wahrscheinlich bei Spielzeug und Material sparen. Rund vier Millionen Beschäftigte - im britischen Einzelhandel, in der Gastronomie, in der Pflege - freuen sich aber heute erst mal über mehr Geld im Portemonnaie.

"Living Wage" statt "Minimum Wage": Großbritannien erhöht Mindestlohn deutlich
S. Pieper, ARD London
01.04.2016 10:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. April 2016 um 12:50 Uhr

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