Lieferung einer "Bio-Kiste" | Bildquelle: dpa

Online-Lieferdienste Im virtuellen Supermarkt

Stand: 02.11.2020 17:23 Uhr

Corona stellt so einiges auf den Kopf - auch das Einkaufverhalten vieler Menschen. Immer mehr Kunden sparen sich in Pandemiezeiten den Gang in den Supermarkt und kaufen stattdessen lieber online ein. Die Lieferbranche boomt.

Von Steffi Clodius, tagesschau.de

Jahrelang spielten sie in Deutschland, der Heimat der Discounter und der genossenschaftlich organisierten Supermärkte, keine große Rolle: Online-Bringdienste für Lebensmittel. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wendet sich das Blatt. Lieferdienste wie Getnow, Picnic oder Rewe erleben einen Boom.

Auch online wird gehamstert

Für Thorsten Eder von Getnow markiert der 26. Februar einen Wendepunkt. Es ist der Tag, an dem die Menschen aus Angst vor dem damals noch neuartigen Coronavirus plötzlich damit beginnen, ihre Lebensmittel im Internet zu bestellen, anstatt sie im Supermarkt selbst zu kaufen.

Der Online-Lieferdienst beliefert mehr als 200 Städte und Gemeinden und verzeichnete seit Ausbruch der Pandemie an einigen Standorten zeitweise einen Anstieg der Neukunden-Anmeldungen um 500 Prozent. Während der ersten Hochphase der Pandemie im März und April waren die Zustellautos bei Getnow zum Teil zwei Wochen im Voraus ausgebucht.

Obwohl man "immer auf Volllast" gearbeitet habe, so Eder, konnte nur ein kleiner Teil der Nachfrage abgearbeitet werden. Und auch Getnow kannte in der Hochphase im Frühjahr das Problem der Hamsterkäufe: Der Online-Händler, der sein Sortiment vom Großmarkt Metro bezieht, hatte zwischenzeitlich echte Engpässe bei Toilettenpapier und Nudeln.

"Konnten Wertschätzung enorm steigern"

Ähnlich sieht es beim Online-Supermarkt Picnic aus, der Kunden im Ruhrgebiet und im Rheinland beliefert. Dort habe sich die Kundenzahl während der Pandemie mehr als verdoppelt, sagt Deutschland-Chef Frederic Knaudt. Immer noch stünden Tausende Verbraucher auf der Warteliste - deshalb baue Picnic seine Kapazitäten weiter aus und stelle neue Mitarbeiter ein.

Dass sich diese Investition in die Zukunft lohnen werde, davon ist Knaudt überzeugt. Nichts deute darauf hin, dass Kunden nur einmalig einen Lieferdienst ausprobieren und dann wieder zur stationären Konkurrenz wechseln wollten. Viele seien eher von den Vorzügen der Onlineanbieter überzeugt. "Wir können daher klar sagen, unser Wachstum ist in jedem Fall nachhaltig", so Knaudt.

Auch Wettbewerber wie Rewe, Edeka und die Lebensmittelsparte von Amazon, Amazon Fresh, berichten, dass die Umsätze seit Ausbruch der Corona-Krise nach oben geschnellt seien. "Die Ausbreitung von Covid-19 hat dazu geführt, dass wir unseren Stellenwert bei Kunden und die Wertschätzung für den Rewe-Lieferservice enorm steigern konnten", teilte die Supermarktkette mit.

Deutlicher Zuwachs - allerdings auf niedrigem Niveau

Dass die gesamte Branche der Online-Lieferdienste boomt, belegen Zahlen des E-Commerce-Branchenverbandes behv. Danach legten die Umsätze im Internethandel mit Lebensmitteln im zweiten Quartal kräftig zu und stiegen auf 772 Millionen Euro - im Vergleich zum Vorjahresniveau ein Plus von fast 90 Prozent, also beinahe eine Verdopplung.

Die absoluten Zahlen sagen allerdings wenig aus über den Marktanteil der Bringdienste. In einer repräsentativen Studie des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung, IMWF, gaben 91 Prozent der Befragten an, im August die Einkäufe im heimischen Supermarkt erledigt zu haben; 81 Prozent waren im Discounter.

Das Wachstum der Online-Bringdienste verläuft also auf niedrigem Niveau. Lediglich 15 Prozent der Befragten bestellten ihre Lebensmittel im Internet - und damit nur etwa zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Etwas anders sieht die Lage bei Familien aus: Hier waren es immerhin 31 Prozent, zwölf Prozent mehr als 2019.

Experten prognostizieren nachhaltiges Wachstum

Die Marktexpertin des Instituts für Handelsforschung Köln, Eva Stüber, ist dennoch sicher, dass die Pandemie dabei geholfen habe, bisherige Hürden beim Online-Einkauf abzubauen. Bedenken hinsichtlich der Frische und der Qualität der gelieferten Ware seien der Sorge gewichen, sich beim Einkauf vor Ort mit Covid-19 zu infizieren. Und dieser Trend werde erhalten bleiben: "Es wird nur beschleunigt, was sich ohnehin schon abgezeichnet hat. Daher ist die Entwicklung nachhaltig", so Stüber.

Auch Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland (HDE) glaubt an einen dauerhaften Trend. "Dass derzeit viele Händler ihre Infrastruktur massiv ausbauen, zeigt ja, dass die Unternehmen weiter mit einer hohen Nachfrage rechnen." Kunden, die die Lieferdienste einmal ausprobiert hätten und zufrieden seien, würden tendenziell dabei bleiben, meint Binnebößel.

Tatsächlich belegen Prognosen des Statistischen Bundesamtes, dass der Trend zum Online-Einkauf in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat und sich weiter verstärken wird. Während der Umsatz in der Branche 2017 noch bei 136,7 Millionen Euro lag, beträgt er in diesem Jahr 283,8 Millionen und wird bis 2024 bei prognostizierten 392,8 Millionen Euro liegen.

Die Kehrseite: lange Wartezeiten

Während der strikten Corona-Beschränkungen im November ist zu erwarten, dass die Nachfrage bei den Online-Händlern nochmals steigt. Hier könnte sich wiederholen, was bereits im Frühjahr während der ersten Pandemie-Welle für Probleme sorgte: lange Wartezeiten. Bei Rewe beispielsweise waren im Frühjahr Lieferfristen von bis zu zwei Wochen keine Seltenheit.

Das sei etwas, womit Kunden in Extremsituationen zwar leben könnten, so die Einschätzung von Peter Heckmann, Handelsexperte der Unternehmensberatung AlixPartners. Grundsätzlich aber seien Lieferfristen von 14 Tagen viel zu lang. "Das mag in der Krise funktionieren, weil es vielen Verbrauchern darum geht, möglichst jeden Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden. Aber auf Dauer sind solche Wartezeiten nicht tragbar."

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen weist Kunden deshalb darauf hin, dass sie auch in der Krise nicht jede Verzögerung hinnehmen müssen. Wer einen Online-Handel mit Lebensmitteln betreibe, müsse einen Termin nennen, bis zu dem er die Produkte liefert. Lasse der Verkäufer diesen Termin verstreichen, müsse der Käufer selbst eine Frist setzen, bis wann er auf die Lieferung der Ware bestehe; erst nach Ablauf dieser Frist könne der Kaufvertrag einseitig vom Kunden aufgekündigt werden.

Nicht nur Essen - auch Trinken wird bestellt

Nicht nur Lebensmittelhänder, auch Getränkelieferanten erleben seit Ausbruch der Pandemie einen Boom. Dass Insider hier mit einem stark wachsenden Markt rechnen, zeigt die Übernahme des Lieferdienstes Flaschenpost durch Oetker. Dass der Konzern unbestätigten Meldungen zufolge bis zu eine Milliarde Euro für das 2016 als Start-Up gegründete Unternehmen gezahlt haben soll, verrät, wie viel Hoffnung Oetker in das Marktsegment setzt.

Es besteht übrigens ein wichtiger Unterschied zwischen "klassischen" Online-Händlern wie Amazon & Co. und den neuen, supermarktähnlichen Lieferdiensten. Während erstere den Versand größtenteils ausgelagert haben und ihre Ware per Paketversand verschicken, haben Lieferdienste - ebenso wie Pizza-Bringdienste - ihre eigenen Lieferfahrzeuge und bringen die Ware direkt zum Kunden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. November 2020 um 16:35 Uhr.

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Steffi Clodius, tagesschau.de

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