Eiswagen vor dem US-Kapitol | AFP

Inflation in den USA Sieben Dollar für eine Kugel Eis

Stand: 21.07.2022 08:08 Uhr

Die US-Notenbank Fed hat den Leitzinssatz bereits zweimal erhöht - trotzdem liegt die Inflationsrate höher als im Euroraum. Vor allem die Lebensmittelpreise steigen. Die Regierung hat bisher keine Lösung gefunden.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Washington

In der Nähe des Lincoln-Memorials in Washington steht ein Eiswagen, aus Lautsprechern dudelt Musik. Trotz hochsommerlicher Temperaturen hält sich die Lust auf ein Eis bei den meisten Touristinnen und Touristen in überschaubaren Grenzen: Eine Kugel Eis kostet sieben US-Dollar.

Steffen Wurzel ARD-Studio Washington

Umgerechnet sieben Euro für ein kleines Eis auf die Hand, das können ein Tourist aus New York und seine Freundin kaum glauben. "Die Inflation sorgt für völlig verrückte Preise", sagt der Mann.

Um 9,1 Prozent sind die Preise in den USA im Juni im Jahresvergleich gestiegen. Teurer geworden sind vor allem Lebensmittel und Energie. "Seit Mitte/Ende der 1980er-Jahre hatten wir in den USA nur sehr geringe Inflationsraten", sagt Neil Saunders von der Wirtschaftsanalysefirma Global Data. "Zum Teil gab es sogar Deflation - also sinkende Preise - als Folge der Globalisierung, wegen optimierter Lieferketten und Fortschritten bei Dünger und Lebensmittelproduktion."

Umso mehr seien die Preissteigerungen in den USA jetzt ein Schock für viele Verbraucherinnen und Verbraucher, sagt Saunders. "Weil sie das nicht gewöhnt sind.“

Höchste Inflationsrate seit 40 Jahren

Die Inflationsrate liegt in den Vereinigten Staaten inzwischen so hoch wie zuletzt Anfang der 1980er-Jahre. Und das, obwohl die US-Notenbank Fed die Leitzinsen dieses Jahr schon zweimal erhöht und weitere Zinsschritte angekündigt hat.

US-Präsident Joe Biden betont seit Wochen unablässig: Der Kampf gegen die Inflation sei sein wichtigstes wirtschaftspolitisches Projekt. Er verstehe, dass die Menschen in den USA besorgt seien wegen der hohen Preise.

Biden spricht von "Putin-Steuer"

Von einer "Putin-Steuer" auf Lebensmittel- und Spritpreise sprach Biden bei einer Grundsatzrede zur Inflation in Los Angeles im Juni. Damit wollte er deutlich machen, dass die Ursachen für die Inflation seiner Ansicht nach außerhalb der USA liegen.

Die meisten Wirtschaftsexperten geben Biden recht: Sie verweisen neben den Folgen der Corona-Pandemie und den weltweit gestörten Lieferketten vor allem auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. "So richtig fair ist es nicht, der Biden-Regierung die Schuld zu geben für die hohen Preise", sagt Analyst Saunders. Egal, wohin man schaue: Überall auf der Welt gebe es hohe Inflationsraten. "Der US-Präsident ist zwar eine mächtige Position, aber eben nicht so mächtig, dass er die Inflationsraten weltweit beeinflussen könnte."

Preissteigerung wird Wahlkampfthema

Für die Republikaner und die rechtskonservativen Medien sind die ständig steigenden Preise perfekte Wahlkampfmunition. Weniger als vier Monate vor den Parlamentszwischenwahlen schlachten sie das Thema fast schon genüsslich aus. Die beiden Hauptvorwürfe: Zuerst hätten Biden und seine Demokraten abgestritten, dass die Inflation überhaupt ein Problem sei, und jetzt - zweiter Vorwurf - blieben sie untätig.

"Es interessiert die Leute nicht, wieso und warum die Preise steigen", sagt der Moderator Jesse Watters vom Sender Fox News. "Die Leute wollen wissen, wann die Preise wieder runtergehen! Der Präsident sagt nur: Ich bin nicht schuld, wir sind dran am Thema. Das stimmt aber nicht!"

Staatliche Ölreserven freigegeben

Die US-Regierung widerspricht. Sie verweist zum Beispiel auf Bidens Gespräche mit Hafenbetreibern und Logistikunternehmen, um die Lieferkettenprobleme zu lösen. Und darauf, dass Biden Teile der staatlichen Ölreserven freigegeben hat, um die Preise zu drücken. Tatsächlich sind zumindest die Spritpreise in den USA zuletzt spürbar gesunken.

An den hohen Preisen am Eiswagen neben dem Lincoln Memorial in Washington ändert das allerdings nichts. Das Paar aus New York muss sich eine Kugel Eis teilen. "Sieben Dollar für zwei, 3,50 pro Person. Ich gehe davon aus, dass es dann zumindest das beste Eis aller Zeiten ist."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Juli 2022 um 09:36 Uhr.