Erdgastanks in Biberach a.d. Riss (Baden-Württemberg) | picture alliance / imageBROKER
Hintergrund

Furcht vor Lieferstopp Braucht Deutschland eine staatliche Gasreserve?

Stand: 26.01.2022 16:15 Uhr

Die Füllstände der Gasspeicher sinken rapide. Einige Experten plädieren daher für eine staatliche Gas-Bevorratung nach Vorbild der strategischen Ölreserve. Doch es gibt auch Alternativen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die deutschen Erdgasspeicher sind leer - so leer wie noch nie zu diesem Zeitpunkt im Jahr. Die Füllstände der Erdgasspeicher der Bundesrepublik liegen derzeit bei rund 40 Prozent. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool macht dafür auch die unüblich niedrigen Gasflüsse aus Russland verantwortlich. Doch was wäre, wenn es im Zuge einer Eskalation des Ukraine-Konflikts zu einem Total-Ausfall der russischen Gaslieferungen käme?

Erdöl-Bedarf für 90 Tage gedeckt

Deutschland ist nach Meinung vieler Experten auf dieses Worst-Case-Szenario nicht vorbereitet. Markus Krebber, Chef des Energiekonzerns RWE, hat sich daher in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" für eine staatliche Gasreserve nach dem Vorbild der strategischen Ölreserven ausgesprochen.

Was viele nicht wissen: Der deutsche Erdölbevorratungsverband (EBV) hält Ölvorräte, um Deutschlands Import-Bedarf für ganze 90 Tage zu decken. "Mit diesen so genannten strategischen Ölvorräten könnte also für drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen werden", heißt es auf der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums. Eine vergleichbare strategische Gasreserve existiert hingegen bislang nicht.

DIW-Expertin Kemfert hält Gasreserve für "sehr sinnvoll"

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), unterstützt die Idee einer staatlichen Gasbevorratung. "Wir werben bereits seit über zehn Jahren für eine staatliche Gasreserve", so die DIW-Expertin gegenüber tagesschau.de. Eine strategische Gasreserve wäre "sehr sinnvoll", um in Notfallzeiten eine ausreichende Gasversorgung zu ermöglichen.

Doch es gibt auch alternative Vorschläge, wie Deutschland einen drohenden Gas-Engpass künftig abwehren könnte. "Es ist absolut wichtig, dass Deutschland seine Gasimporte stärker diversifiziert", sagt Energie-Experte Sebastian Rausch im Gespräch mit tagesschau.de. "Ich denke da besonders an Flüssiggas", so der Leiter des Forschungsbereichs Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Deutschland hat kein Flüssiggas-Terminal

LNG (Liquefied Natural Gas), also Flüssigerdgas etwa aus den USA, könnte in einem Worst-Case-Szenario - russischer Gas-Stopp und kalter Winter - die ärgste Not hierzulande lindern. Allerdings könnten Deutschland die Versäumnisse der Vergangenheit noch zum Verhängnis werden. "Deutschland hätte vor über zehn Jahren besser einen Flüssiggasterminal gebaut als eine direkte Pipeline nach Russland", moniert DIW-Expertin Kemfert mit Blick auf die aktuellen Engpässe.

Tatsächlich besitzt die Bundesrepublik gar keine eigene Anlandemöglichkeit für Flüssiggas-Tanker. Erdgasimporteure haben lediglich Zugang zu LNG-Häfen in anderen europäischen Ländern, wobei die Häfen in Zeebrugge (Belgien) und Rotterdam (Niederlande) am nächsten liegen. Von dort aus kann das Gas dann über das Gasnetz nach Deutschland exportiert werden.

Ausbau der erneuerbaren Energien als Alternative

"Kurzfristig ist daher unklar, welche Mengen Flüssiggas Deutschland zu welchen Preisen importieren könnte, um mögliche Ausfälle bei den russischen Lieferungen zu kompensieren", so Ökonom Rausch.

Der ZEW-Experte sieht neben einer stärkeren Diversifikation Richtung Flüssiggas auch im Ausbau der erneuerbaren Energien mittel- bis langfristig eine Alternative zur staatlichen Gas-Bevorratung. "Das wäre dann auch ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaneutralität - weg von der Brückentechnologie Gas."

Auch DIW-Expertin Kemfert plädiert für eine rasche Energiewende - mit Hilfe von energetischen Gebäudesanierungen und dem Einsatz erneuerbarer Energien.

Keine kurzfristige Lösung

Fakt ist: Egal, ob Ökostrom-Ausbau, Bau eines LNG-Terminals oder Aufbau einer staatliche Gasreserve - all diese Ideen dürften Deutschland im Fall eines russischen Lieferstopps in den kommenden Wochen erst einmal nicht vor leeren Gasspeichern bewahren. Allerdings wären es längerfristig Lehren, die die Bundesregierung aus der Energiekrise ziehen könnte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Januar 2022 um 17:00 Uhr.