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Wirtschaftsabschwung Was eine Rezession für Folgen hat

Stand: 12.10.2022 16:12 Uhr

In ihrer Herbstprognose erwartet die Bundesregierung wegen der Energiekrise für 2023 eine Rezession. Was bedeutet der Begriff, welche Auswirkungen bringt ein Abschwung mit sich - und wie ist derzeit die Lage der deutschen Wirtschaft?

Was ist eine Rezession?

"Unter einer Rezession verstehen wir eine Phase im Wirtschaftszyklus, in der die Wirtschaft schrumpft, die Einkommen zurückgehen und die Arbeitslosigkeit steigt", erklärte Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, kürzlich im Gespräch mit tagesschau.de. Der Wirtschaftszyklus besteht insgesamt aus vier Phasen, in der eine Volkswirtschaft stecken kann: das Konjunkturtief (Depression), der Aufschwung (Expansion), die Hochkonjunktur (Boom) und eben der Abschwung (Rezession).

In dieser Zeit wächst oder stagniert die Wirtschaft also nicht, sondern schrumpft. Eine sogenannte technische Rezession liegt offiziell dann vor, wenn das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, zwei Quartale nacheinander zurückgeht. Das BIP ist die wichtigste Kenngröße der Konjunktur und spiegelt die gesamtwirtschaftliche Lage eines Landes wieder. Es entspricht dem Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres national produziert beziehungsweise in Anspruch genommen wurden.

Führende Wirtschaftsforscher definieren die Rezession jedoch ein wenig anders und beziehen sich dabei auf das Produktionspotenzial, sprich: wie hoch die Wirtschaftsleistung bei voller Ausschöpfung der Kapazitäten von Arbeitern und Maschinen ausfallen würde. Produziert die Wirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale unter seinem Potenzial, sprechen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute von einer Rezession.

Was sind die Ursachen für eine Rezession?

Grundsätzlich gibt es keine allgemeine Erklärung für eine Rezession. Derzeit sind den Volkswirten zufolge vor allem die reduzierten Gaslieferungen aus Russland für den Konjunktureinbruch verantwortlich. "Der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Krise auf den Energiemärkten führen zu einem spürbaren Einbruch der deutschen Wirtschaft", sagte jüngst Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die explodierenden Energiepreise und die generell hohe Inflation sorgen für einen Wohlstandsrückgang und einen massiven Kaufkraftverlust der Verbraucher. Dazu kommen anhaltende Lieferschwierigkeiten und Materialengpässe.

Was hat ein Wirtschaftsabschwung für Folgen?

Wenn sich die Konjunktur einer Volkswirtschaft im Abschwung befindet, gibt es dafür einige Merkmale. Dazu gehört etwa ein Rückgang der Nachfrage. Darüber hinaus ist eine Rezession gekennzeichnet von überfüllten Lagerstätten, Kurzarbeit, Kündigung von Arbeitsplätzen, geringen Investitionen und zurückgehender Produktion.

All diese Probleme dürften sich in einer Rezession zudem weiter verschärfen. Denn der Abwärtsprozess in der Wirtschaft verstärkt sich in gewisser Weise selbst, da der sinkende Absatz zu Entlassungen führt und das sinkende Einkommen wiederum negativ auf den Konsum auswirkt.

In der Regel führt ein Abschwung außerdem zu stagnierenden oder sinkenden Preisen, Löhnen sowie Zinsen. Auch fallende Börsenkurse sind ein Merkmal.

Wo steht die deutsche Wirtschaft derzeit?

Über den Jahreswechsel war die deutsche Wirtschaft nur knapp an einer technischen Rezession vorbeigeschrammt. Nach einem Rückgang im letzten Quartal des vergangenen Jahres wuchs das BIP laut Bundesbank in den ersten drei Monaten 2022 um 0,8 Prozent. Auch im Frühjahr war die Wirtschaft trotz der Folgen des Ukraine-Kriegs mit rasant steigenden Energiepreisen noch überraschend gewachsen: Von April bis Juni stieg das BIP gegenüber dem Vorquartal leicht um 0,1 Prozent an. Das dürfte sich bald aber ändern.

Allerdings gab es in diesem Sommer noch Sondereffekte, die Hoffnung machen. So fuhren die Menschen wegen der entspannteren Corona-Lage wieder großflächig in den Urlaub und gaben ihr Geld aus. "Wir hatten in diesem Sommer zwei gegensätzliche Kräfte", sagte Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine-Universität, im September gegenüber tagesschau.de. Während der Corona-Pandemie hätten die Menschen wegen der fehlenden Konsummöglichkeiten mehr Geld gespart. "Eigentlich sollte dieses Geld nun peu à peu wieder unter die Leute gehen, was für eine erhebliche Konjunkturerholung gesorgt hätte. Nun aber sind die Energiepreisschocks aufgetaucht, wodurch die Ersparnisse weitestgehend weg sind", erläutert der Ökonom.

Das sorgt für eine Abkühlung der Nachfrage. Wenige Wochen vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts ist die Konsumlaune der Deutschen wegen der hohen Preise tatsächlich schlecht wie nie. Das monatlich per Umfrage unter 1600 Verbrauchern ermittelte Barometer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) sank im Oktober den dritten Monat in Folge und erreichte mit 84,14 Punkten ein Rekordtief. "Steigende Lebenshaltungskosten und hohe Energiekosten dämpfen die Konsumlaune der Verbraucher erheblich", begründete der HDE die negative Entwicklung. Das spürt etwa der Einzelhandel erheblich.

Außerdem fahren erste Unternehmen wegen der hohen Kosten ihre Produktion zurück - besonders in den energieintensiven Industrien. Dort schrumpfte die Produktion um satte 2,1 Prozent. Doch auch in anderen Branchen ist die Produktion durch die hohe Knappheit an Vorprodukten beeinträchtigt. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,8 Prozent weniger her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt vergangene Woche mitteilte. Das ist der kräftigste Rückgang seit März.

Auch der viel beachtete ifo-Geschäftsklimaindex ist im September auf nur noch 84,3 Punkte gefallen. Der ermittelte Stand ist der niedrigste seit Mai 2020 zu Beginn der Corona-Krise, wie das Münchener ifo-Institut zu seiner Umfrage unter rund 9000 Unternehmen mitteilte. "Die deutsche Wirtschaft rutscht in eine Rezession", erklärte ifo-Chef Clemens Fuest. "Der Pessimismus mit Blick auf die kommenden Monate hat deutlich zugenommen." Sowohl die laufenden Geschäfte bewerteten die befragten Firmen "klar schlechter", als auch der Pessimismus hinsichtlich der kommenden Monate nahm deutlich zu.

Wie lauten die Prognosen?

Das deutsche BIP wird laut führenden Wirtschaftsforschungsinstituten im zu Ende gehenden Sommer, im Herbst und Anfang des kommenden Jahres jeweils schrumpfen. Das geht aus dem Herbstgutachten der Forscher hervor. Demzufolge dürfte das BIP im dritten Quartal um 0,2 Prozent sinken, Ende 2022 um 0,6 Prozent und im ersten Vierteljahr 2023 um 0,4 Prozent. Damit wäre eine technische Rezession erreicht.

"Eine technische Rezession kann mit einem Minus von 0,2 oder 0,3 Prozent allerdings auch sehr schwach sein. Das ist nicht wirklich dramatisch", so IMK-Experte Dullien. Dramatischer sei es dagegen, wenn das BIP stärker falle und der Abschwung länger anhalte. Davon gehen die führenden Ökonomen in ihrer Prognose aber nicht aus. Ab nächstem Frühjahr dürfte die Wirtschaft danach wieder leicht zulegen. 2024 rechnen sie dann mit einem BIP-Anstieg von 1,9 Prozent nach einem Rückgang von 0,4 Prozent im kommenden Jahr.

Eine wichtige Einschränkung machen die Wirtschaftsforscher allerdings: Die Annahme für die neuesten Einschätzungen ist, dass eine Gasmangellage in den Wintermonaten verhindert werden kann. Andernfalls seien gravierende Konsequenzen für die wirtschaftliche Aktivität zu erwarten. In ihrem Risikoszenario veranschlagen die Forscher für 2023 einen Konjunktureinbruch um 7,9 Prozent. Das wäre deutlich mehr als in der Finanzkrise und im ersten Corona-Jahr 2020. Unter diesen Umständen dürfte das BIP auch 2024 noch um 4,2 Prozent schrumpfen.

Was sagt die Bundesregierung?

Die Bundesregierung erwartet in ihrer heute vorgestellten Herbstprojektion ebenfalls einen BIP-Rückgang von 0,4 Prozent für 2023. Auch nach Ansicht von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rutscht Deutschland wegen der Energiekrise in eine Rezession. In der Frühjahrsprojektion hatte die Bundesregierung noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 2,2 Prozent in diesem Jahr (nun 1,4 Prozent) und um 2,5 Prozent im nächsten Jahr gerechnet.

Habeck sprach in Berlin von "ernsten Zeiten": "Wir erleben derzeit eine schwere Energiekrise, die sich immer mehr zu einer Wirtschafts- und Sozialkrise auswächst." Allerdings hätten die Zahlen zur Herbstprojektion nach Ansicht des Politikers deutlich schlechter ausfallen können. Sie zeigten aber auch, "dass die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, [...] gewirkt haben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. September 2022 um 18:00 Uhr.