Chemiefabrik von Evonik bei Wesseling | AP
Analyse

Deutsche Wirtschaft Kommt jetzt die Rezession?

Stand: 06.09.2022 08:31 Uhr

Nach Ansicht vieler Ökonomen steht die deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession - mit drastischen Folgen. Was ein solcher Abschwung bedeuten würde und wie er noch verhindert werden könnte.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Explodierende Energiepreise, eine sich abkühlende Weltkonjunktur und eine sinkende Kaufkraft durch die hohe Inflation: Nach Ansicht vieler Experten steuert die deutsche Wirtschaft auf eine Rezession zu. Angesichts der sich weiter zuspitzenden Gaskrise durch den andauernden Lieferstopp über die Ostseepipeline Nord Stream 1 werden die Sorgen zunehmend größer. Ist ein harter Abschwung tatsächlich unausweichlich? Und was bedeutet überhaupt Rezession?

Till Bücker

Abwärtsprozess, der sich selbst verstärkt

"Unter einer Rezession verstehen wir eine Phase im Wirtschaftszyklus, in der die Wirtschaft schrumpft, die Einkommen zurückgehen und die Arbeitslosigkeit steigt", erklärt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, im Gespräch mit tagesschau.de. Dieser Abwärtsprozess verstärke sich in gewisser Weise selbst, da Arbeitslose weniger kaufen können und dadurch wiederum andere Menschen Einkommen und Jobs verlieren.

Eine Wirtschaft sei in einer sogenannten technischen Rezession, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Quartale nacheinander schrumpfe, so der Ökonom. "Eine technische Rezession kann mit einem Minus von 0,2 oder 0,3 Prozent allerdings auch sehr schwach sein. Das ist nicht wirklich dramatisch." Dramatischer sei es dagegen, wenn das BIP stärker falle und der Abschwung länger anhalte.

Trotz der Folgen des Ukraine-Kriegs war die deutsche Wirtschaft im Frühjahr noch überraschend gewachsen: Von April bis Juni stieg das BIP gegenüber dem Vorquartal leicht um 0,1 Prozent an. Das dürfte sich in diesem Sommer aber ändern. Für das dritte Quartal sei mit einem BIP-Rückgang zu rechnen, teilte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in der vergangenen Woche mit. "Leider wird es immer wahrscheinlicher, dass wir eine Rezession bei gleichzeitig hoher Inflation durchmachen werden", sagte DIW-Konjunkturexperte Guido Baldi.

Hohe Energiepreise schwächen Sondereffekte

Ähnlich sieht es auch Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine-Universität: "Ich gehe auf jeden Fall davon aus, dass wir im dritten und vierten Quartal in eine Rezession schlittern." Selbst bei reduzierten Gaslieferungen auf 20 Prozent wäre das der Fall gewesen. Der komplette Stopp durch Nord Stream 1 habe das Ganze noch einmal verschärft. "Aktuell stellt sich nicht mehr die Frage, ob wir eine Rezession bekommen, sondern wie schlimm sie wird", betont der Ökonom, der zum Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium gehört, gegenüber tagesschau.de.

Dullien verweist auf eine Möglichkeit, sie abzuwenden: "Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass es einen Waffenstillstand in der Ukraine gibt und Russland wieder Gas liefert. Dann könnte man einer Rezession durchaus noch entkommen." Wenn das nicht passiere, sei die Wahrscheinlichkeit aber sehr hoch. Ob der Abschwung bereits im aktuellen Quartal einsetze, sei aufgrund von Sondereffekten jedoch offen. "In diesem Sommer sind die Leute wieder großflächig in Urlaub gefahren und haben ihr Geld ausgegeben", so der IMK-Experte. Es könne sein, dass das gereicht habe, die Belastung aus den hohen Energiepreisen noch abzufangen.

"Wir hatten in diesem Sommer zwei gegensätzliche Kräfte", sagt auch Südekum. Während der Corona-Pandemie hätten die Menschen wegen der fehlenden Konsummöglichkeiten mehr Geld gespart. Nach Angaben der Bundesbank parkten die Deutschen April 2020 bis März 2021 zusätzlich 70 Milliarden Euro auf ihren Bankkonten. "Eigentlich sollte dieses Geld nun peu à peu wieder unter die Leute gehen, was für eine erhebliche Konjunkturerholung gesorgt hätte. Nun aber sind die Energiepreisschocks aufgetaucht, wodurch die Ersparnisse weitestgehend weg sind", erläutert der Ökonom.

Professor Jens Südekum | Kerstin Müller / uni-duesseldor

Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine-Universität, gehört zum Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. Bild: Kerstin Müller / uni-duesseldor

"Kommenden Quartale werden sehr hart"

Bislang litten die Unternehmen laut Südekum dank der hohen Konsumnachfrage noch nicht allzu stark, da sie ihre gestiegenen Energiekosten in vielen Bereichen wie der Gastronomie an die Kunden weiterleiten konnten. "Jetzt wird sich die private Nachfrage abkühlen, weil Strom und Gas immer teurer werden und es langsam alle realisieren", meint der Volkswirt. "Das fällt auf die Firmen zurück, die ihre Preise so nicht mehr weitergeben können."

Tatsächlich ging die Konsumstimmung in Deutschland zuletzt das dritte Mal in Folge zurück und fiel auf ein Rekordtief. Der Konjunkturindikator der Nürnberger GfK-Marktforscher für September rutschte auf den schlechtesten Wert seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1991 ab. Dazu kommt die Inflationsrate in Höhe von 7,9 Prozent, die viele Menschen mit deutlichen Einbußen beim Reallohn und ihren Ersparnissen konfrontiert. "Wir haben derzeit das Rezept für eine Rezession im zweiten Halbjahr", meint Südekum daher. Einige vor allem kleinere Unternehmen seien schon jetzt in Existenznot.

"Die kommenden Quartale werden sehr hart, da die steigenden Energiekosten - gerade beim Heizen - bei den Verbrauchern ankommen und sie den Konsum woanders zurückfahren werden", befürchtet auch Dullien. Gleichzeitig würden Unternehmen zunehmend ihre Produktion kürzen, weil sie sich bei den hohen Energiepreisen einfach nicht mehr lohne. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) planen bereits 16 Prozent der Betriebe, den Einsatz der teuer gewordenen Energie zu senken. "Etwa in der chemischen Industrie wird schon weniger hergestellt - und das bei hohem Auftragsbestand", sagt Dullien. Auch einer der größten Düngemittelhersteller habe seine Produktion eingestellt.

Abwärtsspirale nicht ausgeschlossen

Darüber hinaus belastet die abkühlende Weltkonjunktur die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Der Ukraine-Krieg, Lieferengpässe, die Schwäche der globalen Konjunktur und die daraus resultierende Unsicherheit mindern nach Einschätzung des DIW Auftragseingänge auf der einen und hemmen Materiallieferungen und Produktionsabläufe auf der anderen Seite.

Zudem wächst die Furcht vor einem Zusammenbrechen der Energieversorgung in Deutschland. Südekum, der auch die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen berät, bezeichnet eine akute Gasmangellage als "Worst Case": "Im schlimmsten Fall wird der Winter kalt, die Leute heizen dementsprechend viel und die aktuell sehr gut gefüllten Gasspeicher laufen sehr schnell leer." Müsste die Bundesnetzagentur daraufhin wegen leerer Speicher die Notfallstufe ausrufen, drohe die Stilllegung ganzer Produktionszweige in der Industrie. Zudem würden die Energiepreise noch weiter steigen und zum Beispiel kleinere Läden nicht mehr öffnen können.

Das hätte Kurzarbeit der Beschäftigten und womöglich Arbeitslosigkeit zur Folge. "Wenn Unternehmen schließlich in die Insolvenz gehen und Arbeitnehmer entlassen, nimmt die Verunsicherung der Haushalte noch einmal zu", erläutert Südekum. Sie würden schließlich mehr sparen, weniger konsumieren und die Rezession damit weiter verschlimmern. "So weit muss es nicht kommen. Trotzdem müssen wir uns mit solch einem Szenario auseinandersetzen."

Hilft das Entlastungspaket?

Auch mit dem neuen 65 Milliarden Euro großen Entlastungspaket kann Deutschland nach Prognose von Ökonomen einer Rezession nicht mehr entkommen. "Das dritte Entlastungspaket ändert wenig daran, dass Deutschland im Herbst in eine Rezession abgleiten dürfte", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer der Nachrichtenagentur Reuters.

"Das Paket wird wahrscheinlich nicht ausreichen, um zu verhindern, dass die Gesamtwirtschaft in eine Rezession gerät", so auch ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Die am Sonntag beschlossenen Maßnahmen machten weniger als zwei Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes aus und reichten nicht an die fiskalischen Anreize wegen der Corona-Krise heran, die sich auf etwa 15 Prozent des BIP beliefen.

Experte Dullien ist ebenfalls skeptisch: "Ich glaube, dass man die Entwicklung nicht mehr vollständig verhindern kann, weil der Zeithorizont nicht lang genug ist." Inwiefern das Entlastungspaket die Rezession abfedern könne, hänge auch von der Umsetzung der teils unklaren Maßnahmen ab. Zum Beispiel bei der Strompreisbremse sei nicht klar, welches Volumen umverteilt werden oder wann sie in Kraft treten soll. Ähnliches gelte für einen möglichen Gaspreisdeckel.

Gassparen und Energiewende oberste Priorität

Unabhängig vom Entlastungspaket sei das Wichtigste ohnehin der Gasverbrauch, so Ökonom Südekum. "Wenn dieser im Vergleich zu den Vorjahren spürbar zurückgeht, nehmen wir Druck von den Energiepreisen. Das ist das aktuell sicherste Mittel gegen die Rezession." Die Industrie habe ihren Gasverbrauch durch Kürzungen oder den Wechsel zu anderen Energieträgern bereits um 20 Prozent reduziert. Jetzt komme es darauf an, was die Haushalte in der Heizsaison beitragen. "Denn wenn ich nicht ganz so viel Geld für Energie ausgeben muss, habe ich mehr für anderen Konsum und der Gaspreis sinkt." Das komme auch wieder den Unternehmen zugute.

Außerdem müsse der Auslöser der Probleme - die Energiekrise - behoben werden, so Südekum. "Das einzige, was wir tun können, um das Angebotsproblem aus der Welt zu schaffen, ist die Umrüstung der Energieversorgung auf andere Quellen: sprich LNG, Flüssiggas, der Import aus anderen Ländern sowie der Ausbau der erneuerbaren Energien." Das habe oberste Priorität.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. September 2022 um 23:00 Uhr.