Beleuchtete Raffinerie in Leuna | dpa
Hintergrund

Viele Risikofaktoren Wie groß ist die Gefahr einer Rezession?

Stand: 24.06.2022 12:43 Uhr

Inflation und Gaskrise, Zinserhöhungen und Corona-Folgen, Lieferengpässe und Ukraine-Krieg - die Wirtschaft kämpft mit vielen Problemen zugleich. Wie groß ist die Gefahr einer Rezession?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Das R-Wort ist zurück. Immer mehr Ökonomen und Börsenprofis schlagen Alarm und warnen vor einer drohenden Rezession. Jamie Dimon, der Chef der weltgrößten Bank JP Morgan, warnte jüngst vor einem Hurrikan, der am Wirtschaftshorizont aufziehe. "Wir wissen nur nicht, ob es ein kleiner wird oder ein Superstorm wie Sandy", sagte er. Die Weltbank reduzierte kürzlich erneut ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos malte Weltbank-Chef David Malpass ein düsteres Bild. "Die Weltwirtschaft ist in Gefahr", sagte er. "Viele Länder werden an der Rezession nicht vorbeikommen." Auch Robert Bundeswirtschaftsminister Habeck sieht die Gefahr einer globalen Rezession.

"Weltwirtschaft ist in Gefahr!"

Dabei war ursprünglich erwartet worden, dass sich 2022 zu einem Boomjahr entwickelt. Wegen der abflauenden Corona-Pandemie prophezeiten Wirtschaftsforschungsinstitute für Deutschland zunächst ein Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) war von einem Plus von 3,5 Prozent ausgegangen. Die Bundesregierung hatte im Januar ein Wachstum von 3,6 Prozent vorhergesagt.

Doch der Ukraine-Krieg und die damit verbundene rekordhohe Inflation, die Gasknappheit und die gestörten Lieferketten haben den Konjunkturoptimismus jäh gestoppt. Inzwischen senkten Wirtschaftsforschungsinstitute und Verbände, Regierungen und internationale Organisationen reihenweise ihre Prognosen und verweisen auf die Gefahr einer Rezession unter bestimmten Bedingungen.

Bei Gas-Lieferstopp droht schwere Rezession

Ökonom Jens Südekum, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf, prophezeit für den Fall eines russischen Gas-Lieferstopps eine schwere Rezession. Denn wenn tatsächlich kein Gas mehr aus Russland nach Deutschland käme, müsste die Bundesregierung die höchste Eskalationsstufe im Gas-Notfallplan aus. Dann würde die Bundesnetzagentur die Verteilung der noch zur Verfügung stehenden Gasmengen steuern. Vielen Unternehmen drohen in diesem Fall zumindest Gas-Rationierungen und in der Folge Produktionsstopps.

Befürchtungen vor einem harten Winter

Zwar ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal noch knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Aber da waren auch die Kriegsfolgen noch nicht so zu spüren. Im zweiten Quartal indes dürften die höhere Inflation, die gestörten Lieferketten und die Corona-Lockdowns in China die Konjunktur stärker belastet haben.

Hinzu kommt, dass der Konsum der privaten Haushalte als Konjunkturstütze ausgefallen ist. Die Stimmung der Verbraucher hat sich zuletzt massiv eingetrübt. Sollte sich auch im dritten Quartal die Situation nicht entspannen, könnte Deutschland in eine technische Rezession rutschen. Davon wird gesprochen, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale hintereinander schrumpft.

Rezession in Europa wird wahrscheinlicher

Selbst wenn die bereits reduzierten russischen Gas-Lieferungen weiter ankommen, droht Deutschland ein harter Winter. "Je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto größer wird die Gefahr einer Rezession", befürchten Experten. Viele Ökonomen, Anlagestrategen und Top-Banker stellen sich bereits auf eine schrumpfende europäische Wirtschaft in diesem Jahr ein. Eine Mehrheit der Fondsmanager erwartet in den nächsten Monaten in Europa eine Rezession.

Immer wieder werden dabei auch die Folgen des Ukraine-Kriegs und die stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise als Gründe genannt. "Europa leidet am stärksten unter den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kriegs", schrieb vor wenigen Tagen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). "Die höheren Rohstoffpreise treffen Länder in aller Welt, sie verstärken den Inflationsdruck, schmälern die realen Einkommen und Ausgaben und bremsen so die Erholung", sagte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann.

"Das Risiko ist gestiegen, dass die Wirtschaftsleistung in der Eurozone bei zunächst noch hoher Inflation für einige Quartale rückläufig sein wird", glaubt Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding. Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, sieht die Wahrscheinlichkeit einer globalen oder europäischen Rezession bei 50 Prozent.

Zinswende erhöht die Rezessionsgefahr

Die Rezessionsgefahr zusätzlich anheizen könnte die nahende Zinswende in Europa. Die Europäische Zentralbank (EZB) will im Juli die Zinsen erstmals seit langem wieder anheben. Bis zum Jahresende könnten die Zinsen auf 1,75 Prozent klettern.

Wie sehr Zinserhöhungen die Konjunktur abwürgen, zeigt sich in den USA. Dort ging das BIP im ersten Quartal um 1,5 Prozent zurück. Sollte sich der Rückgang im zweiten Quartal fortsetzen, könnten die USA damit bereits in eine Rezession stürzen.

Angst vor der harten Landung in den USA

Fed-Präsident Jerome Powell schließt eine Rezession nicht aus. Der oberste Währungshüter will mit einer Welle von Zinserhöhungen die galoppierende Inflation bremsen. Dafür nimmt er eine Konjunkturabschwächung in Kauf. Viele Ökonomen werfen ihm vor, mit einer zu aggressiven Zinspolitik der Wirtschaft zu schaden. Manche ziehen sogar schon Parallelen zu den 1970er-Jahren.

US-Präsident Joe Biden dürfte eher gegen die zunehmende Verarmung der Bevölkerung angehen, als sich um die Konjunktur und die Börse zu sorgen, meint Luca Pesarini von der Fondsgesellschaft Ethenea. Schließlich stehen im Herbst die Zwischenwahlen an. Und da will er auf jeden Fall eine Schlappe vermeiden.

US-Wirtschaftsschwäche träfe auch Europa hart

Eine längere Schwäche der US-Wirtschaft oder gar eine andauernde Rezession würde auch Europa hart treffen. Eine Rezession in der Eurozone wäre dann wahrscheinlich, sagt Berenberg-Volkswirt Schmieding. Deshalb sei es sehr wichtig für Europa, ob die USA eine sanfte Landung schaffen.

Und auch China hat zuletzt seine Rolle als Weltkonjunktur-Lokomotive eingebüßt. Wegen der Null-Covid-Strategie und der zunehmenden Lockdowns in Metropolen wie Schanghai dürfte die Wirtschaft in diesem Jahr weniger stark wachsen als noch 2021. Die kommunistische Führung des Landes legte vor Kurzem ein 33-Punkte-Programm vor, um die Konjunktur anzukurbeln. Derzeit wird offiziell noch ein Wirtschaftswachstum von etwa 5,5 Prozent für das laufende Jahr angestrebt.

Doch die Lockdowns in China beeinträchtigen nicht nur die dortige Produktion, sondern führen zu einem Stau der Containerschiffe und zu erheblichen Verzögerungen in den weltweiten Lieferketten. Dies erschwert auch in den USA und in der EU die Arbeit vieler Unternehmen. Aufträge können derzeit oft nur mit Verzögerung oder teilweise gar nicht abgearbeitet werden, weil Teile fehlen. Entsprechend trägt die Lage in China dazu bei, die weltweite Konjunktur zu bremsen.

Die Liste der Risikofaktoren für die Weltwirtschaft ist derzeit also lang: Zinserhöhungen einerseits und rasant steigende Preise andererseits, gestörte Lieferketten, Teilemangel und Gefahren für die Energieversorgung infolge des Ukraine-Kriegs. Dass bei einer ungünstigen Entwicklung von einzelnen dieser Faktoren eine Rezession droht, wird bereits seit Monaten in den meisten Konjunkturprognosen klar benannt. Dennoch ist es keineswegs sicher, ob es tatsächlich dazu kommt. "Die Bedingungen für weiteres Wachstum sind vorhanden", sagte vor wenigen Tagen EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Eine Rezession gehöre nicht zum Basisszenario der EZB.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2022 um 17:09 Uhr.