Ölpumpen
Hintergrund

Weltweit steigende Nachfrage Ölpreis bald bei 100 Dollar?

Stand: 23.06.2021 15:10 Uhr

Öl ist so teuer wie seit zwei Jahren nicht mehr. Experten warnen vor einer Angebotskrise: Die Preise für Rohöl und damit auch Benzin, Kerosin und Heizöl könnten bald noch viel höher steigen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Ölpreise haben in dieser Woche neue mehrjährige Höchststände markiert. Erstmals seit gut zwei Jahren kostete ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent wieder mehr als 75 Dollar. Für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) wurden am Markt mehr als 73 Dollar bezahlt - so viel wie seit Oktober 2018 nicht mehr.

Steigende Ölpreise - das ist etwas, an das sich Unternehmen wie Verbraucher womöglich gewöhnen müssen. Manchen Experten zufolge sind die neuen mehrjährigen Höchststände bei den Ölpreisen, die viele Verbraucher schon jetzt schmerzlich etwa an den Tankstellen oder beim Heizöleinkauf zu spüren bekommen, erst der Anfang eines längeren Aufwärtstrends am Ölmarkt.

Analysten prognostizieren steigende Ölpreise

Die Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs sehen den Brent-Preis noch in diesem Sommer auf 80 Dollar steigen. Damit sei das Ende der Fahnenstange aber noch nicht erreicht. Ein Ölpreis von 100 Dollar sei eine "echte Möglichkeit". Auch Alex Sanna, Top-Ölhändler bei Glencore, der weltweit größten im Rohstoffhandel tätigen Unternehmensgruppe, sagte der "Financial Times" zufolge, dass ein Ölpreis von 100 Dollar zunehmend wahrscheinlich werde.

Die Experten von JPMorgan sehen sogar einen neuen Öl-Superzyklus aufziehen und haben jüngst ihre Prognose eines Ölpreises von 190 Dollar im Jahr 2025 erneuert.

Nachfragestau als Preistreiber

Ganz so weit in die Zukunft blicken mag Francisco Blanch, Rohstoffexperte der Bank of America, zwar nicht. Dafür hält er die zeitlich präziseste 100-Dollar-Prognose parat: Bereits 2022 könne der Ölpreis die runde Marke knacken. Der Markt verändere sich auf der Angebotsseite nämlich kaum - und dem stehe wiederum ein immenser Nachfragestau gegenüber.

Woher dieser Nachfragestau rührt, ist rasch erklärt: So wie viele private Haushalte ihren Konsum in der Pandemie eingeschränkt haben, so haben auch viele Firmen notwendige Investitionen hintangestellt. Nun, da die globale Impfkampagne zumindest in den großen Industrieländern in Schwung gerät, haben Konsumenten, Unternehmen und Volkswirtschaften viel nachzuholen.

Delta-Variante ist Risiko-Faktor

Die entspanntere Corona-Lage und die wieder erwachende Weltwirtschaft führen zu einer höheren Nachfrage nach Rohöl, Benzin, Diesel - und Kerosin. Öl-Experte Blanch sieht in der anziehenden Reisebranche einen großen Preistreiber.

Ein Risiko auch für die Wirtschaft stellt derzeit vor allem die aus Indien stammende Delta-Variante des Virus dar, die zu einer abermaligen Verschärfung der Corona-Maßnahmen führen könnte.

Signal für Angebotsknappheit

Auf der Suche nach Anzeichen, ob derzeit tatsächlich die Nachfrage das Angebot übersteigt, lohnt ein Blick auf den Markt für die sogenannten Öl-Futures. Dort notieren aktuelle Ölterminkontrakte höher als Kontrakte mit Lieferung zu einem späteren Zeitpunkt.

Eine solche Konstellation, von Fachleuten als "Backwardation" bezeichnet, ist eher ungewöhnlich und ein klarer Hinweis auf Knappheitsängste - "und damit für weiter steigende Preise", wie Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest betont.

Ein Preiskorrektiv namens Fracking

Die steigenden Preise sollten eigentlich den Wiedereinstieg am Ölmarkt für die US-Schieferindustrie attraktiv machen. In der Vergangenheit fungierten die US-Fracker als flexibles Preiskorrektiv am Ölmarkt: Stiegen die Preise, wurde kurzfristig mehr nach Schieferöl gebohrt, das Angebot erhöhte sich, die Preise fielen wieder.

Zur Erinnerung: Das letzte Mal, dass Öl über 100 Dollar notierte, war 2014. Damals bereitete ein rasant wachsendes Angebot durch die US-Frackingbranche dem letzten Öl-Superzyklus ein abruptes Ende.

Nachhaltigkeitstrend bremst US-Ölindustrie aus

Doch dieser Mechanismus scheint derzeit nicht mehr so recht zu funktionieren. Das liegt einerseits am neuen US-Präsidenten Joe Biden, der im Januar einen Stopp von Öl- und Gasbohrungen auf bundeseigenem Land verhängt hat, sowie andererseits dem globalen Trend zum nachhaltigen Investieren.

"Die Anzahl der aktiven US-Ölbohrungen steigt nur langsam", unterstreicht Wellenreiter-Experte Rethfeld. "Die Investoren möchten derzeit keine Ausweitung der Förderkapazitäten sehen, sondern fordern stattdessen Investments in erneuerbare Energien."

Risikofaktor Iran

Profitieren von der Klimapolitik des Westens könnten die Produktionsländer des Öl-Kartells OPEC+, allen voran Saudi-Arabien und Russland. Es bleibt abzuwarten, wie sehr sie gewillt sind, mit Produktionsausweitungen die Lücke zu füllen, die durch die US-Ölindustrie gerissen wird.

Zumal es auch auf Seiten der OPEC Angebotsrisiken gibt: "Der Iran dürfte es nach der Wahl eines ultrakonservativen Klerikers zum neuen Präsidenten schwer haben, kurzfristig die US-Sanktionen zu kippen und die Ölexporte zu erhöhen", so Eugen Weinberg, Rohstoff-Experte der Commerzbank.

Inflationsrisiken vor Neubewertung?

Sollte der Ölpreis tatsächlich weiter in Richtung 100 Dollar steigen, würde das auch unweigerlich zu einer Neubewertung der Inflationsrisiken an den Finanzmärkten führen, ist doch der Ölpreis einer der wesentlichen Treiber der Verbraucherpreise.

Erst gestern hatte Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), gegenüber dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses erneut ausgeführt, dass die Fed die aktuell hohen Inflationsraten als ein vorübergehendes Phänomen betrachtet. Marktexperte Rethfeld betont jedoch: "Jeder Ölpreis über 100 Dollar würde der Öffentlichkeit suggerieren, dass Powell falsch liegt."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juni 2021 um 17:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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saschamaus75 23.06.2021 • 22:30 Uhr

@22:11 von Möbius

>> Öl einfach viel zu schade zum Verbrennen >> ist Erst, wenn das Erdöl alle ist, wird die Menschheit kapieren, daß isolierte Kabel praktisch sind. -.-