Öl-Pipelines in den USA | AP
Analyse

Hohe Hürden für Embargo Preisschock ohne russisches Öl?

Stand: 12.04.2022 12:44 Uhr

Die EU-Staaten erwägen nach dem Stopp der Kohleimporte auch ein Embargo für russische Öleinfuhren. Der Verzicht auf russisches Öl ist aber wohl schwieriger als gedacht, und er könnte den Ölpreis weiter antreiben.

Von Andreas Braun, tagesschau.de

Hohe Öl- und damit auch Benzin- und Dieselpreise könnten die Folge eines Ölembargos der EU gegen Russland sein. Nach dem Ausstieg aus Kohleimporten aus Russland wäre ein Ölstopp durch die EU ein nächster Schritt, um Russland die Finanzierung des Ukraine-Krieges zu erschweren.

Ein Gasembargo ist derzeit noch nicht in Sicht, da insbesondere Deutschland noch zu stark von russischem Gas abhängig ist. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will bis zum Herbst die deutschen Gasspeicher zunächst so weit wie möglich auffüllen.

Milliarden weniger für die Kriegskasse

Ein Ölembargo würde die russische Wirtschaft wohl deutlich schwerer treffen als der Verzicht auf Kohle. Nach Berechnungen der Denkfabrik Bruegel importiert die EU derzeit Öl im Wert von 450 Millionen Euro täglich. Damit würde die russische Kriegskasse deutlich langsamer gefüllt.

Die USA hatten bereits Anfang März angekündigt, keine Öllieferungen aus Russland in die USA mehr zu akzeptieren. Großbritannien will bis Ende des Jahres komplett ohne russisches Öl auskommen.

OPEC will Förderung nicht nennenswert ausweiten

Der Verzicht auf rund 7,5 Millionen Barrel Öl pro Tag aus Russland ist allerdings für die EU kurzfristig nur schwer zu bewerkstelligen. Das zeigt das Ergebnis erster Sondierungen von EU-Vertretern mit dem Öl-Kartell OPEC. OPEC-Generalsekretär Mohammed Barkindo hatte bei dem gestrigen Treffen erklärt, es sei "nahezu unmöglich, einen Verlust in dieser Größenordnung zu ersetzen".

Rohstoff-Experte Giovanni Staunovo von der Schweizer Großbank UBS sieht auf Seiten der OPEC mehrere Faktoren, die dafür verantwortlich sind: "Einerseits entscheidet die OPEC+ einstimmig über Maßnahmen wie Förderausweitungen", so Staunovo gegenüber tagesschau.de. Und dabei sei Russland als Mitglied des OPEC+-Verbundes nun einmal auch ein Partner der Allianz. Zum anderen gestalten sich Förderausweitungen zum Teil schwierig: "Sicher könnte Saudi-Arabien schnell seine Förderung deutlich erhöhen. Andere OPEC+-Mitglieder produzieren bereits jetzt am Rande ihrer Kapazitäten und können kaum die Produktion weiter erhöhen."

"Ölmarkt ist flexibler als Gasmarkt"

Für die EU-Staaten blieben die USA und andere Förderländer außerhalb des OPEC-Verbundes eine Alternative. Die USA müssten zur kurzfristigen Ausweitung der Exporte allerdings überwiegend die Produktion von Öl aus Fracking-Quellen erhöhen. Laut Eric Heymann, Energie-Experte bei Deutsche Bank Research, bieten sich für die EU-Staaten hier durchaus alternative Bezugsquellen. "Bei den derzeitigen Weltmarktpreisen ist die Ausweitung der Förderung in den USA, aber auch anderen Förderländern durchaus auch kurzfristig möglich", so Heymann, "der Ölmarkt ist deutlich liquider und flexibler als etwa der Gasmarkt". Auch die Industrie in den EU-Staaten sei anders als bei Gas weniger abhängig von Öllieferungen.

Würden die europäischen Staaten allerdings mit einem Embargo auf russisches Öl verzichten, wäre ein Preisanstieg wohl unvermeidlich. "Das russische Öl, das nicht mehr in die EU fließt, kann nicht einfach in andere Länder umgeleitet werden, dafür fehlen Pipelines und Transportkapazitäten, dieses Öl würde am Weltmarkt zunächst fehlen."

Embargo würde zu Preissteigerung führen

UBS-Experte Staunovo sieht die Ölpreise mittel- und langfristig weiter steigen. Zwar könnte die Freigabe von US-Reserven auf Sicht einiger Monate den Preisanstieg begrenzen. "Sollte es zu deutlichen Importbeschränkungen für russisches Öl durch die EU kommen, halten wir einen Preis von 150 Dollar je Barrel bei Brent aber für möglich", so Staunovo. Deutsche Bank-Experte Heymann geht in einem "Basisszenario" von einem Preis für Brent-Öl von durchschnittlich 97 Dollar im laufenden Jahr aus. Sollte allerdings ein Embargo gegen russisches Öl verhängt werden, rechnet auch er mit "deutlich höheren Preisen".

Ob es letztlich zu einem harten Embargo oder einer schrittweisen Verringerung der Abhängigkeit der EU von russischem Öl kommt, ist freilich eine politische Entscheidung. Der EU-Außenbeauftrage Josep Borell wollte sich nach den gestrigen Gesprächen mit der OPEC nicht festlegen: "Nichts ist vom Tisch, einschließlich Sanktionen gegen Öl und Gas."

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin im Ersten am 12. April 2022 um 05:40 Uhr.