Mann arbeitet an einer Antriebsspindel | dpa

Auftragsboom bei Betrieben Maschinenbau-Aufschwung mit Risiken

Stand: 06.05.2021 09:00 Uhr

Für das erste Quartal melden die deutschen Maschinenbauer ein hohes Wachstum. Die Branche lässt die Corona-Krise schrittweise hinter sich. Doch nicht nur steigende Rohstoffpreise bremsen den Aufschwung.

Von Axel John, SWR

Der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer präsentiert heute die Branchenzahlen für das erste Quartal. Demnach legten die Bestellungen in den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent zu. Allein im März gab es ein Plus von 29 Prozent. Das Ausland bleibt dabei der Wachstumstreiber, aber auch die Bestellungen im Inland zeigen eine deutliche Aufwärtstendenz.   

Axel John

"Da konnte man Angst bekommen"

Der Maschinenbauer Schiele liegt mitten auf der grünen Wiese in einem Industriepark im Norden von Rheinland-Pfalz bei Niederzissen. Vom Büro der Geschäftsleitung aus hat man einen guten Blick auf die A61, die sich hier durch die Landschaft nach Nordrhein-Westfalen schlängelt. "Im ersten Lockdown konnte man Angst bekommen. Plötzlich waren keine LKW mehr auf der Autobahn. Das Telefon stand still. Wir hatten nicht mal mehr Kontaktanfragen per Email", erinnert sich Birgit Gros. Gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan Schiele führt sie den Familienbetrieb. Schiele produziert Lackier- und Beschichtungsanlagen für die Industrie.  

"Wir hatten im März und April keinen Auftragseingang", erzählt Schiele mit Blick auf den Frühling vor einem Jahr. "Wir haben damals die alten Aufträge noch abgearbeitet. Von Mitte August bis September war die Produktion dann komplett geschlossen." Die meisten der 63 Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit. "Da war nur noch ein Notservice für Ersatzteile da", sagt Stefan Schiele. "Aber dann ging es steil nach oben. Gott sei Dank!"

Stefan Schiele

Seit dem Spätherbst gehe es wieder steil bergauf, sagt Unternehmer Stefan Schiele.

Stark schwankende Aufträge

Die dramatische Berg- und Talfahrt zeigt sich in den Auftragszahlen bei Schiele. So brachen die Bestellungen im ersten Quartal 2020 um 57 Prozent weg.  Im ersten Quartal diesen Jahres schnellten die Aufträge dagegen um 111 Prozent nach oben.   

Was ist der Grund für diesen rasanten Aufschwung? "Vor allem die USA sind unser großer Exportmarkt. Aufgrund des Handelskonflikts mit China werden in Nordamerika jetzt verstärkt Produktionsstätten aufgebaut. Dort werden unsere Maschinen jetzt gebraucht", erklärt Stefan Schiele die positive Entwicklung.   

Vorsichtiger Optimismus beim Branchenverband  

Optimismus macht sich ebenso beim Verband der Maschinen- und Anlagenbauer in Frankfurt breit. Auch wenn die Zahlen für März und das erste Quartal des laufenden Jahres sehr gut seien, bleibt VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers vorsichtig. "Nach dem dicken Produktions-Minus von zwölf Prozent im vergangenen Jahr haben wir uns eindeutig auf den Weg gemacht. Das passt zu unserer Prognose von plus sieben Prozent für das laufende Jahr. Das Vorkrisenniveau wird die Branche gleichwohl erst 2022 wieder erreichen."

Das Inlandsgeschäft sei inzwischen den positiven Zahlen aus dem Ausland gefolgt. Das zeige, dass sich die Wirtschaft in Deutschland langsam weiter erhole. Die wesentlichen Impulse kämen aber weiter aus dem Exportgeschäft. "China und die USA haben früher mit den Impfkampagnen begonnen. Impfen macht Konjunktur. Dazu kommen noch die staatlichen Investitionsprogramme."  

Kurzarbeit wird zurückgefahren

Auch viele Beschäftigte im Maschinen- und Anlagenbau dürften bei dieser Entwicklung aufatmen. Die Branche wurde von der Covid-Krise besonders hart getroffen. Inzwischen sei die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit aber wieder unter die Marke von 100.000 gesunken. Nach Schätzung des ifo-Instituts lag sie im April bei etwa 79.000. "Ich glaube, dass die Beschäftigung insgesamt gehalten werden kann", sagt Wiechers. Zwar könne man schon wegen der strukturellen Veränderungen nicht jedem Beschäftigten versprechen, dass er seinen Job in seinem Betrieb behalten wird. "Doch die Nachfrage nach Fachkräften bleibt hoch. Das ist eine Chance."   

Trotz der insgesamt positiven Aussichten warnt Wiechers vor Euphorie. "Wir sind gut durch die dritte Welle durchgekommen. Aber was passiert, wenn sich eine neue Corona-Variante ausbreitet? Das kann niemand abschätzen. Zudem machen immer mehr Betrieben steigende Rohstoffpreise zu schaffen."   

Aufträge da, Material fehlt 

Diese Sorgen machen sich trotz der guten Auftragsentwicklung auch Birgit Gros und Stefan Schiele. Auf den internationalen Märkten herrscht ein Mangel an Stahl, Kupfer, Kunststoffen und auch Halbleitern. "Die ersten Anzeichen habe ich schon im Januar festgestellt. Wir haben noch einen zusätzlichen Lieferanten an Land gezogen, um an Material zu kommen", sagt Gros. "Die Preise gehen steil nach oben. Eine längerfristige Kalkulation ist kaum möglich, da sogar schon die Tagespreise anziehen." 

Das hat Folgen für Produktion und Verkauf, sagt Schiele. "Ein Stecker für einen Servomotor kostet 20 Euro und ist normalerweise in zwei Tagen da. Jetzt habe ich gerade eine Anfrage gemacht. Der Liefertermin für den Stecker ist in 103 Tagen! Ohne Stecker läuft aber die Maschine nicht. Ich kann nicht ausliefern und alles verzögert sich."  

Rohstoffpreise bremsen Aufschwung  

In München sitzt Klaus Wohlrabe an seinem Schreibtisch im Wirtschaftsforschungsinstitut ifo. Wohlrabe leitet die Befragungen der Firmen und Branchen. Er schaut auf lange Zahlenkolonnen, die sein Team gerade erhoben hat. Demnach klagen 45 Prozent der vom ifo-Institut befragten Industrie-Unternehmen über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen - der höchste Wert seit 30 Jahren. 

Die Gründe seien vielfältig. "China vollzieht einen wirtschaftlichen Wandel. Durch den Handelsstreit mit den USA bleibt mehr Produktion im Inland. Zudem steigt der Wohlstand und damit auch die Nachfrage der Mittelschicht. Es werden mehr hochwertige Konsumgüter für den heimischen Markt produziert. Daher exportiert die Wirtschaft weniger. Ein Beispiel sind Halbleiterchips, die derzeit sehr stark in der chinesischen Automobilindustrie gebraucht werden."

Zudem gebe es als Folge der Corona-Krise immer noch Sand in den weltweiten Lieferketten. Das führe auch zu einer Verknappung und damit zu einer Verteuerung von Rohstoffen.      

Kurzfristiger Effekt oder langfristiger Trend?

Viele Firmen fragen sich derzeit, ob das nur ein kurzfristiger Effekt ist oder der Anfang eines grundsätzlichen Trends. Ifo-Experte Wohlrabe ist bei dieser Frage unsicher. "Es wird wohl kurzfristig weiter zu Preiserhöhungen kommen. Ob sich das langfristig fortsetzt, ist unklar. Auszuschließen ist das aber nicht, wenn weltweit die Lieferketten nach dem Corona-Schock neu aufgestellt werden. Covid könnte auch hier eine Zäsur sein. Das wird man aber erst in ein paar Jahren wissen."

Absehbar sei aber, dass die Rohstoffknappheit den starken Aufschwung in der deutschen Industrie abbremsen werde. Das dürfte in der Branche nach ifo-Berechnungen ein Minus von 0,3 Prozent sein.   

"Bleiben auf Mehrkosten sitzen"

Auch in Niederzissen bei Schiele fürchtet man Einbußen. "Höhere Preise können wir mit den Kunden nicht nachverhandeln", sagt Schiele. "Wir haben bindende Verträge. Am Ende bleiben wir dann auf den Mehrkosten sitzen." 

Seine Schwester schaut mit Sorge auf die Verträge. "Wenn da eine Konventionalstrafe bei Lieferverzögerungen von einem Prozent pro Woche drinsteht, kostet uns das zusätzlich." Das Geschwisterpaar betont aber: "Nach der Katastrophe mit Covid schauen wir wieder optimistisch in die nahe Zukunft. Das hätten wir uns vor einem Jahr nicht träumen lassen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2021 um 13:36 Uhr.