Containerschiffe im Hamburger Hafen. | picture alliance / Bildagentur-o

IW-Studie Lieferengpässe kosten Milliarden

Stand: 10.09.2021 14:06 Uhr

Das monatelange Warten auf ein neues Sofa oder ein Ersatzteil fürs Fahrrad ist nicht nur ärgerlich für die betroffenen Verbraucher. Die Engpässe haben auch einen hohen volkswirtschaftlichen Preis.

Trotz prall gefüllter Auftragsbücher hinken viele Unternehmen mit der Produktion hinterher. Besonders betroffen ist die Autoindustrie, die im zweiten Quartal dieses Jahres fast ein Viertel weniger Fahrzeuge produziert hat als im gleichen Zeitraum 2019, vor der Pandemie. Grund ist der anhaltende Chipmangel, der die Hersteller wiederholt dazu zwingt, die Bänder anzuhalten. Autogegner mag das freuen, doch von den Lieferengpässen sind praktisch alle Industriezweige betroffen.

Insgesamt lag das Produktionsniveau der deutschen Industrie im zweiten Quartal 2021 knapp 25 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Sollten die vorherrschenden Lieferengpässe anhalten - wovon die meisten Experten ausgehen - dürfte der konjunkturelle Aufschwung deutlich geringer ausfallen als erwartet.

Bis zu 40 Milliarden Euro weniger

Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf eine Schätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln berichtet, könnte die Wertschöpfung in Deutschland im kommenden Jahr 30 bis 40 Milliarden Euro niedriger sein als ursprünglich erwartet. Das IW prognostiziert für 2022 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von vier Prozent. Würden die Angebotsschocks beseitigt, seien 4,75 Prozent möglich. Tatsächlich stellen Engpässe wie die kürzliche Schließung eines Terminals in einem der größten Handelshäfen Chinas die Unternehmen vor immense Herausforderungen. Auch die Blockade des Suez-Kanals hat viele Firmen in Europa hart getroffen.

Die Wirtschaftsleistung bleibt deshalb auch in diesem Jahr unter Normalniveau. Die Forscher des IW beziffern den Wertschöpfungsverlust allein für das zweite Halbjahr auf rund 30 Milliarden Euro. "Trotz der zurückgewonnenen Freiheit laufen die Geschäfte vieler Unternehmen, etwa in Dienstleistungsbereichen, noch immer nicht rund", so die Kölner Ökonomen. Bis einschließlich des zweiten Quartals 2021 seien durch die Pandemie bisher 300 Milliarden Euro an Wertschöpfung verloren gegangen. Und sollte es wegen der aktuellen vierten Corona-Welle zu einem weiteren Lockdown kommen, rechnen die Experten mit einem zusätzlichen Wertschöpfungsverlust von zehn Milliarden Euro im vierten Quartal.

Wohl keine Besserung in diesem Jahr

Fachleute wie der Chef der Hamburger Container-Reederei Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, sind skeptisch, dass sich die Lieferprobleme der Industrie bald entspannen. Ende Juni hatte er noch für den Herbst mit einer Beruhigung gerechnet. Inzwischen geht er davon aus, dass sich die Lage frühestens im ersten Quartal 2022 bessern wird. Auch die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer glaubt nicht an ein rasches Ende der Engpässe. "Insbesondere der Mangel an Halbleitern dürfte die Wirtschaft noch länger belasten, weil die Nachfrage nach Autos und elektronischen Geräten hoch bleiben wird und Kapazitäten nicht so schnell aufgebaut werden können", sagte sie dem "Handelsblatt".

Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter 3000 Unternehmen zufolge rechnet nur ein Fünftel der Unternehmen bis zum Jahreswechsel mit einer Verbesserung der Situation. Entsprechend hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verschlechtert. So ist der ifo Geschäftsklimaindex im August auf 99,4 Punkte gefallen, nach 100,7 Punkten im Juli. Der Rückgang war vor allem auf deutlich weniger optimistische Erwartungen der Unternehmen zurückzuführen. Insbesondere die Lieferengpässe bei Vorprodukten in der Industrie bereiten den Unternehmen Sorgen.

Die führenden Wirtschaftsinstitute haben deshalb ihre Konjunkturprognose für 2021 gekürzt. Das Ifo-Institut erwartet 3,3 Prozent Wachstum und damit 0,4 Prozentpunkte weniger als noch im März.

Kräftige Erholung im nächsten Jahr

"Kurzfristig dämpfend wirken vor allem die Engpässe bei der Lieferung von Vorprodukten", erläutert Timo Wollmershäuser, der Leiter der ifo-Prognosen. "Die an sich kräftige Erholung, ausgelöst durch die Öffnungen, verschiebt sich etwas weiter nach hinten, als wir noch im Frühjahr erwartet hatten."

Sollte es wider Erwarten doch zu einer Entspannung der Beschaffungsprobleme bis zum Jahresende kommen, sei 2022 mit einer kräftigen Erholung der Wirtschaft zu rechnen, denn die bestehenden Aufträge müssten ja abgearbeitet werden“, so Wollmershäuser.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. September 2021 um 17:00 Uhr.