Auf dem Kassenbon eines Discounters sind Preise für verschiedene Lebensmittel zu lesen. | dpa

Anhaltend hohe Teuerung Auf dem Weg zur 3-D-Inflation

Stand: 27.07.2022 13:37 Uhr

In Zukunft wirken drei Faktoren als Preistreiber: Deglobalisierung, Demografie und Dekarbonisierung. So droht die "3-D-Inflation" mit einer anhaltend hohen Teuerungsrate.

Von Steffen Clement, HR

Wer den Zusammenhang von Deglobalisierung und steigenden Preisen erleben will, muss nur einen Blick in den Keller der Firma Eckelmann in Wiesbaden werfen. Zwischen Aktenordnern und ausrangierten Regalen liegt hier Material für die Produktion von Steuerungselementen - beispielsweise für Gefriertruhen im Supermarkt. "Wir nutzen einfach jeden Quadratmeter, um uns bei Zulieferern mit Vorprodukten einzudecken", erklärt Firmenchef Philipp Eckelmann. Das so gebundene Kapital ist um die Hälfte auf neun Millionen Euro gestiegen, weitere Lagerflächen werden demnächst teuer angemietet.

Statt Kosten zu optimieren wie in den vergangenen Jahrzehnten geht es jetzt darum, die eigene Lieferfähigkeit zu erhalten. "Die Mehrkosten schlagen sich dann in höheren Preisen für unsere Produkte nieder", kündigt Eckelmann an. Schon beim Einkauf werden höhere Preise akzeptiert, damit die Lieferketten stabiler werden. Zudem holen immer mehr Unternehmen Produktionsschritte zu höheren Kosten nach Deutschland zurück, statt billig vor allem in Asien einzukaufen.

Das erste D - Deglobalisierung

All das passiert, weil die weltweite Wirtschaft immer weiter aus dem Takt gerät: Brexit, Trump, Corona, Ukraine-Krieg und vor allem die ungewisse Entwicklung in China. Rund vier Jahrzehnte habe die fortschreitende Globalisierung die Inflation gedämpft, sagt Professor Adalbert Winkler von der Frankfurt School of Finance and Management. Die Globalisierung scheine zum Stillstand gekommen zu sein und entwickle sich sogar zurück. "Wegen der Deglobalisierung müssen wir in Zukunft mit höheren Inflationsraten als in der Vergangenheit rechnen", so der Finanzexperte.

Das zweite D - Demografie

Mit der Demografie - das zweite D - wirkt noch ein weiterer Faktor inflationsfördernd, und zwar auf Jahrzehnte hinaus. Der Arbeitskräftemangel wird in Zukunft immer weiter zunehmen, wenn sich die Babyboomer nach und nach in die Rente verabschieden. Die Firma Müller - lila Logistik sucht schon jetzt nicht nur Lkw-Fahrer, sondern auch IT-Spezialisten und viele weitere Fachkräfte. "Es gibt mehr Stellen als Bewerber", sagt Firmengründer Michael Müller. "Das bedeutet steigende Löhne und Gehälter."

Die Deglobalisierung verstärkt diesen Effekt, wenn Unternehmen nicht mehr so einfach wie bisher mit Abwanderung ins billigere Ausland drohen können. "So steigt die Marktmacht der inländischen Beschäftigten. Das beobachten wir gerade", sagt Experte Winkler. Doch höhere Löhne sind für die Unternehmen höhere Kosten, die über höhere Preise am Ende beim Verbraucher landen.

Das dritte D - Dekarbonisierung

Das dritte D in der 3-D-Inflation steht für die Dekarbonisierung, also steigende Kosten durch die Energiewende. Genau das erwartet auch Frank Werner für seinen Gartenbaubetrieb Werner & Werner in der Nähe von Köln. Zum einen zahlt er schon jetzt für die neue CO2-Bepreisung immer mehr: Seit dem Start im vergangenen Jahr mit 25 Euro pro Tonne geht es schrittweise hoch auf 55 Euro pro Tonne im Jahr 2025. Für die Firma von Frank Werner sind das Mehrkosten von 25.000 Euro im Jahr 2025.

Zum anderen will er in Zukunft unabhängiger von Gas, Öl und Kohle als Energiequelle für die Gewächshäuser werden: "Die halbe Million Euro an Investitionskosten plus die steigenden Zinskosten zur Finanzierung einer möglichen Pellet-Anlage müssten wir auf die Preise draufschlagen", so Werner. Am Ende landen auch diese Mehrkosten in höheren Preisen beim Verbraucher.

Höhere Zinsen bremsen Inflation

Damit die Inflation mit diesen 3-D-Kostentreibern nicht völlig aus dem Ruder läuft, ist die Europäische Zentralbank in Frankfurt gefordert. Denn höhere Zinsen bremsen die Inflation. Doch zugleich vergrößert der Zinsanstieg die Rezessionsgefahr und lässt erneut um die Stabilität der hochverschuldeten Staaten im Süden der Eurozone bangen.

Dennoch ist für den Finanzexperten Professor Winkler völlig klar: "Für Preisstabilität muss die Geldpolitik restriktiver werden. Also auf gut Deutsch: Höhere Zinsen!" Die Inflationsbekämpfung steht da vor einer neuen Herausforderung: Denn für lange Zeit treiben Deglobalisierung, Demografie und Dekarbonisierung die Preise nach oben.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 20. Juli 2022 um 21:45 Uhr in der Sendung "Plusminus".