Offene Geldbörse mit einigen Münzen | picture-alliance/ dpa

Explodierende Preise Woran die Deutschen sparen

Stand: 24.07.2022 15:22 Uhr

Preisexplosion überall - die Deutschen schränken sich daher ein: im Urlaub, beim Einkauf und bei der Mobilität. Zugleich erleben Energieberater einen Auftragsboom.

Von Naïma Kunze und Steffen Clement, hr

"Wenn am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist": Genau diese Erfahrung machen gerade immer mehr Deutsche. Die Inflationsrate von mehr als sieben Prozent lässt das Geld auf dem Konto schneller weniger werden als in der Vergangenheit. Wer nicht ins Minus rutschen will, muss also das Verhalten ändern und sparen.

Sparpotenzial bei der Mobilität

Genau das macht Marika da Silva aus dem hessischen Hattersheim. Ihr Partner fährt inzwischen mit dem ÖPNV, sodass sie sein Auto nutzen kann. Ihr eigenes vermietet sie über eine App. "Das bringt mir 90 Euro im Monat ein und hilft etwas bei dem teuren Sprit", sagt die junge Frau. Sparen bei der Mobilität liegt im Trend: Fast 60 Prozent der Deutschen mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 2000 Euro netto im Monat schränken sich in diesem Bereich ein, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Was für den Alltag gilt, machen die Deutschen auch bei ihrer Urlaubsplanung - und drehen dafür gleich an mehreren Stellschrauben: Laut einer neuen Umfrage der Unternehmensberatung PwC will mehr als jeder Zweite (56 Prozent) aufgrund der hohen Inflation die Zahl der Reisen reduzieren. Die Hälfte der Deutschen will den Urlaub verkürzen, und 73 Prozent wollen wegen des Preisanstiegs nicht mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen.   

Mehr dämmen, weniger heizen

Die höheren Energiepreise bescheren einer Branche einen regelrechten Auftragsboom: In Baden-Württemberg ist Energieberater Jonas Pischner ein gefragter Mann. "Wenn die Energiepreise nach oben schießen, wächst auch das Sparpotential", macht Pischner klar. So freut sich Dominik Wolf aus Horb über die praktischen Spartipps: Eine dämmende Alu-Matte zwischen Heizkörper und Außenwand ist schnell selbst angebracht und minimiert den Wärmeverlust dauerhaft.

Sogar elektronische oder smarte Heizkörperthermostate kann in aller Regel ein Laie selbst montieren, erklärt Energieberater Pischner. Wer mit einem Papierblatt erst einmal festgestellt hat, dass ein Spalt zwischen Fenster und Rahmen klafft, findet in jedem Baumarkt das passende Material zum Isolieren. Große Investitionen in das alte Haus sind für Wolf zwar nicht drin. "Umso besser, wenn ich mit solchen Kleinigkeiten selbst was gegen die steigenden Kosten machen kann."

Preis statt Geschmack

Längst ist die hohe Inflation auch beim Einkauf im Supermarkt angekommen. 90 Prozent der Deutschen erwarten weiter steigende Preise, so eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Lebensmittelindustrie. Und das hat Folgen: Ganz oben steht der günstigere Einkauf (57 Prozent), jeder Dritte will mit einem geschriebenen Einkaufszettel gezielter einkaufen und so Geld sparen. Zudem haben sich die Prioritäten verschoben im Vergleich zu früheren Umfragen: Für gut 67 Prozent ist inzwischen der Preis entscheidend, nur noch für 44 Prozent ist der Geschmack das entscheidende Kriterium. Noch im aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums stand der Geschmack an erster Stelle - so war es immer, bevor die Preise explodierten.

Die neue Entwicklung macht Professor Sebastian Dullien Sorgen. Der wissenschaftliche Leiter am gewerkschaftsnahen IMK weiß, dass der allgegenwärtige Preisanstieg einkommensschwache Haushalte besonders trifft. Denn diese Gruppe muss einen größeren Teil des Geldes für Lebensmittel ausgeben. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dann die Menschen schlechter ernähren und warme Mahlzeiten weglassen", so der Wissenschaftler. So könnten gesundheitliche Probleme auf lange Sicht entstehen.

Preisanstieg verringern, nicht ausgleichen

So stark muss sich Marika da Silva mit ihrer Familie glücklicherweise nicht einschränken. Doch auch sie setzt jetzt bei Lebensmitteln auf intensivere Preisvergleiche und den guten alten Einkaufszettel. Zugleich ist für sie klar: Trotz aller Sparanstrengungen kann sie zwar die Folgen des Preisanstiegs verkleinern, aber nicht vollständig ausgleichen. Dafür sind die Preisschübe einfach zu extrem.

Über dieses Thema berichtete „plusminus“ im Ersten am 20. Juli 2022 um 21:45 Uhr.