Mitarbeiter fertigen in Halle Motorhauben für den Porsche Macan | dpa

Produktion sinkt leicht Materialmangel bremst Industrie

Stand: 08.06.2021 12:32 Uhr

Es klingt paradox: Die Auftragsbücher sind voll, doch die Produktion der deutschen Industrie ist im April gesunken. Hauptgrund sind die Lieferengpässe bei Vorprodukten wie Halbleitern oder Bauholz.

Im April ist die Industrieproduktion der deutschen Wirtschaft gegenüber dem März um ein Prozent gefallen, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Das ist deutlich schlechter als Fachleute prognostiziert hatten, nachdem im Vormonat ein Plus von 2,2 Prozent verzeichnet worden war.

Hintergrund des Rückgangs ist der seit längerem schon breit diskutierte Mangel an Vorprodukten wie Halbleitern oder Bauholz, der den Unternehmen aus Industrie, Bau und den Energieversorgern zu schaffen macht.

"Eine leichte Enttäuschung"

Die Sektoren sind von dieser Entwicklung unterschiedlich betroffen. Der Ausstoß der Industrie sank um 0,7 Prozent. Das Baugewerbe verzeichnete ein deutliches Minus von 4,3 Prozent. Die Energieerzeugung legte dagegen um sechs Prozent zum Vormonat zu. Innerhalb der Industrie verzeichnete der gewichtige Bereich Kfz/Kfz-Teile im Zweimonatsvergleich einen deutlichen Rückgang um 5,6 Prozent, heißt es in der Mitteilung. Der vergleichbar gewichtige Maschinenbau lag dagegen mit minus 0,3 Prozent nur leicht unter dem Vorniveau.             

"Das ist angesichts des hohen Auftragsbestandes schon eine leichte Enttäuschung", kommentierte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch die aktuellen Konjunkturdaten. So sieht das auch sein Kollege Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe: "Es ist schon paradox: Trotz prächtiger Auftragslage kommt die Produktion nicht in Fahrt. Einmal mehr zeigt sich, dass die Industrie noch von indirektem Pandemiedruck betroffen ist. Längere Lieferzeiten und Materialengpässe sind eigentlich Zeichen einer Hochkonjunktur, die derzeit aber gar nicht besteht."

"Materialknappheit schlägt voll durch"

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank, ist der Ansicht, die Materialknappheit schlage nun voll durch: "Solch eine Konstellation sucht ihresgleichen. Die Auftragsbücher der Industrie sind gut gefüllt und die Produktion gibt nach." Nils Jannsen, Leiter Konjunktur Deutschland am Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel), sieht in den Lieferengpässen ebenfalls ein Hauptproblem, da die Unternehmen bereits seit einigen Monaten die hohen Auftragseingänge nicht vollständig abarbeiten könnten.

"Im April lag der Anteil der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe, die von Produktionsstörungen aufgrund fehlender Vorleistungen berichteten, mit mehr als 40 Prozent auf einem Rekordniveau", so der Fachmann. Neben dem Mangel an produzierten Vorleistungsgütern beobachtet Jannsen auch Transportengpässe im Schiffsverkehr.

Für Andreas Scheuerle, Fachmann bei der Dekabank, wirkt indes noch ein weiterer Aspekt: "Lieferengpässe haben die Produktion im April sicherlich auch behindert. Doch allein erklären sie die geringere industrielle Erzeugung nicht. Mit ins Bild gehört auch, dass die Infektionslage sich in Deutschland nach den Lockerungen vom März abermals verschärfte."

Produktionserwartungen sinken

Wie könnte es künftig weitergehen? Offenbar herrscht bei den Unternehmen eine gewisse Skepsis: Die Produktionserwartungen der Industrie verschlechterten sich im Mai, nachdem erst im Vormonat ein 30-Jahres-Hoch erreicht worden war. Der entsprechende ifo-Indikator sank um fünf auf 27 Punkte, wie das ifo-Institut zu seiner monatlichen Umfrage unter Unternehmen mitteilte.

"Das Bild der Produktionserwartungen in den einzelnen Branchen ist dabei sehr differenziert", sagte ifo-Experte Klaus Wohlrabe. "Die Autoindustrie und ihre Zulieferer fahren ihre Erwartungen deutlich zurück, rechnen aber weiter mit Produktionssteigerungen." Die Bekleidungshersteller dagegen berichten erstmals nach neun Monaten, sie wollten ihre Produktion ausweiten.

“Zusätzlicher Schub“

Der Ökonom Scheuerle unterstreicht, dass das Auftragspolster im April abermals zugelegt habe, denn die Aufträge würden sich im Vergleich zur Produktion stärker entwickeln: "Dieser rekordhohe Bestand an Bestellung sichert die Erholung im zweiten Halbjahr ab, sobald sich die Engpässe wieder lockern."

Laut ifw-Fachmann Jannsen ist derzeit schwer absehbar, wie lange die Produktionsstörungen noch anhalten werden. Voraussichtlich würden sie nur allmählich nachlassen und die Erholung in der Industrie zunächst bremsen. "Sobald diese Beeinträchtigungen überwunden sind, werden die Unternehmen den Auftragsüberhang rasch abarbeiten und die Industrieproduktion wird dadurch einen zusätzlichen Schub erhalten."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. Juni 2021 um 16:30 Uhr in der Wirtschaft.