Ein Mann arbeitet an einer industriellen Abfüllanlage. | dpa

Deutsche Industrie Auftragsbücher voll wie noch nie

Stand: 16.05.2022 16:05 Uhr

In den Industriebetrieben warten inzwischen Aufträge für 100 Milliarden Euro darauf, abgearbeitet zu werden. Welche Folgen hat das für die Unternehmen - und für Verbraucher?

Von Bibiana Barth, ARD-Börsenstudio

Es klingt wie im Paradies. Monatelang könnten Industrieunternehmen produzieren, und das ohne einen einzigen neuen Auftrag. Das ergab eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts unter 2000 Unternehmen. Spitzenreiter ist die Autoindustrie, die mehr als sieben Monate ohne Neu-Auftrag produzieren könnte, gefolgt vom Maschinenbau mit 6,5 Monaten.

Doch Thomas Hüne vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) hält das nicht für einen Grund zum Jubeln. "Früher hätte man sich darüber gefreut, wenn man volle Auftragsbücher hätte. Da war es immer ein Nachfrageproblem", sagt Hüne. "Jetzt haben wir ein Angebotsproblem. Das heißt, die Unternehmen würden gerne produzieren, aber ihnen fehlt Material oder ihnen fehlen Fachkräfte, und sie können die ganzen Aufträge nicht abarbeiten." 

Manchmal fehlen nur Kleinteile

Es ist die Verwaltung der Knappheit. Und es mangelt an allen Stellen. "Wir hatten im vergangenen Jahr die Halbleiterproblematik. Im Frühjahr hatten wir das Problem mit Kabelbäumen, die in der Ukraine produziert wurden", sagt der BDI-Referent Hüne. "Im Maschinenbau ist es teilweise so, dass die Unternehmen volle Lager haben, ihre Maschinen so gut wie fertig haben, aber die einen oder anderen Kleinteile noch fehlen, ohne die das nicht ausgeliefert werden kann." 

Durch die Null-Covid Strategie in China wird das Problem nochmals verschärft. Denn wenn keine Arbeiter Schiffe entladen und beladen können, verlässt auch kaum Fracht die großen Häfen in China. "15 Prozent der Vorprodukte, die Deutschland bezieht, kommen aus China. Und bis Schiffe in China ablegen und bei uns anlanden, dauert es sechs Wochen", sagt Timo Wollmershäuser vom Münchner ifo-Institut. "Der Lockdown, der vor wenigen Wochen begonnen hat, wird sich erst in den nächsten ein bis zwei Wochen bei uns bemerkbar machen, und das werden wir auf jeden Fall spüren."

Die Industrie versucht sich anzupassen und hat seit Beginn der Coronakrise einiges umgestellt. Zum einen wurde der Lieferantenkreis erweitert, um nicht mehr nur von wenigen Lieferanten abhängig zu sein. "Das zweite ist erhöhte Lagerhaltung", so BDI-Experte Hüne. "Das hat natürlich zum Nachteil, dann dass man wieder einen Nachfrageschub hat, wenn alle versuchen, große Lager aufzubauen - und der kann auch wieder nicht abgearbeitet werden." Das sei dann ein wenig wie bei den Klopapier-Hamsterkäufen im Corona-Lockdown. "Dann entsteht natürlich ein riesiger Engpass."

Firmen können steigende Preise zum Teil weitergeben

Die Endverbraucher spüren vor allem zwei Dinge: die langen Wartezeiten auf bestellte Produkte und steigende Preise. Denn Unternehmen versuchen ihre höheren Kosten auch weiterzugeben. "Aber sie können das nur zum Teil", sagt ifo-Experte Wollmershäuser. "Sie können es nur zu etwa 50 Prozent weitergeben. Unterm Strich belastet es also die Unternehmen."

Nach Schätzungen des ifo-Instituts liegt der Auftragsstau inzwischen bei etwa 100 Milliarden Euro. Die vollen Auftragsbücher sind also eher ein Kapital-Stau.