Großwälzlagerfertigung in Rostock | dpa

Sonderkonjunktur beendet Flaute bei den Industrieaufträgen

Stand: 06.07.2021 11:28 Uhr

So stark wie im Mai sind die Auftragseingänge der deutschen Industrie zuletzt im ersten Lockdown 2020 eingebrochen. Ebbt die Sondernachfrage wegen der Pandemie langsam ab?   

Die Aufträge der deutschen Industrie sind im Mai so stark eingebrochen wie seit dem ersten Lockdown 2020 nicht mehr. Die Betriebe sammelten 3,7 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die Auftragseingänge sanken damit erstmals in diesem Jahr. Ökonomen hatten dagegen mit einem Anstieg von 1,0 Prozent gerechnet. Der deutsche Leitindex DAX reagiert auf die enttäuschenden Zahlen mit Kursverlusten.

Vor allem die schwache Auslandsnachfrage belastete die Gesamtnachfrage. Von außerhalb der Eurozone kamen 9,3 Prozent weniger Bestellungen. Aus dem Euroraum wurden 2,3 Prozent weniger Bestellungen aufgegeben. Die Inlandsnachfrage stieg hingegen um 0,9 Prozent. Auch die Aufträge für Konsumgüter stiegen.

Deutlich besser als Mai 2020

Das Bundeswirtschaftsministerium wies insbesondere auf weniger Bestellungen in der Automobilbranche hin. Dies sei jedoch auch als Gegenbewegung auf die starke Entwicklung im April zu sehen. Insgesamt würden sich die Auftragseingänge weiterhin oberhalb des Vorkrisenniveaus bewegen.

Verglichen mit dem pandemiebedingt extrem schwachen Vorjahresmonat stiegen die Gesamtaufträge im Mai um gut 54 Prozent. Gegenüber Februar 2020, dem Monat vor Inkrafttreten von Corona-Beschränkungen in Deutschland, lagen die Bestellungen gut sechs Prozent höher.

"Kein Grund zur Sorge"

"Die Auftragsdaten vom Mai enttäuschen, sind aber kein Grund zur Sorge", kommentiert Carsten Brzeski von der ING-Bank. Die Auftragsbücher seien prall gefüllt. Für die deutschen Firmen sei es ein größeres Problem, die bestehenden Bestellungen schneller abzuarbeiten, als neue an Land zu ziehen, meint der Fachmann.  

"Für den kommenden Monat darf man wieder etwas optimistischer sein", sagt Andreas Scheuerle von der Dekabank. Die Konjunktur im zweiten Quartal werde nicht von der Industrie gemacht, bei den Dienstleistern spiele die Musik. "Befreit von den Fesseln des Lockdown werden diese kräftig expandieren und die Schwäche der Industrie überkompensieren."

Thomas Gitzel, Chefökonom bei der VP Bank, meint, es könne nun der Fall sein, dass sich der Materialmangel auf den Auftragseingang niederschlage. "Sind Unternehmen aufgrund fehlender Vorprodukte nicht in der Lage Aufträge abzuarbeiten, wird erst gar nicht mehr bestellt. Vermutlich dürfte aber auch die gut laufende Industriekonjunktur zumindest etwas abebben. Die Sondernachfrage dürfte sich langsam ihrem Ende nähern", so Gitzel.