Total Raffinerie, Leuna | picture alliance / imageBROKER

Doch mildere Rezession? Unerwartet viele Aufträge für die Industrie

Stand: 06.12.2022 10:55 Uhr

Nach zwei Dämpfern in Folge hat die deutsche Industrie im Oktober wieder mehr Aufträge erhalten. Fachleute sehen darin einen Hinweis darauf, dass die Rezession schwächer ausfallen könnte.

Die deutsche Industrie hat wieder mehr Aufträge erhalten. Das nährt die Hoffnung auf eine milde Winterrezession. Die Bestellungen legten dank der anziehenden Auslandsnachfrage um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich mit einem Wachstum von 0,1 Prozent gerechnet, sodass das Plus unerwartet stark ausfiel. Im September hatte es einen Rückgang um 2,9 Prozent gegeben, und im August lag das Auftragsminus bei 2,0 Prozent.

Einbruch bei den Konsumgütern

Ein Blick in die Details zeigt interessante Aspekte: Während die Bestellungen aus dem Inland im Oktober um 1,9 Prozent abnahmen, wuchsen die aus dem Ausland hingegen um 2,5 Prozent. Dabei legte die Nachfrage aus der Eurozone um 2,6 Prozent zu, das Neugeschäft mit dem restlichen Ausland stieg um 2,5 Prozent.

Die Aufträge für Investitionsgüter wie Maschinen, Fahrzeuge und Anlagen nahmen diesmal um 3,2 Prozent zu, wozu vor allem die starke Nachfrage nach Kraftfahrzeugen beisteuerte. Bei den Herstellern von Vorleistungsgütern gab es einen Rückgang von 1,4 Prozent. Die Bestellungen für Konsumgüter brachen hingegen um 6,3 Prozent ein. 

Ein "Hauch von Nikolaus" 

Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank erkennt in der unerwartet positiven Entwicklung einen "Hauch von Nikolaus" - zumal auch der Einbruch im Vormonat nicht so stark ausfiel wie zunächst gemeldet.

"Damit haben sich die Bestellungen, die sich seit Sommer 2020 im Zuge von Nachholeffekten und zunehmenden Lieferengpässen zeitweise deutlich gesteigert hatten, nunmehr etwas stabilisiert", kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium. "Neben den leicht verbesserten Stimmungsindikatoren ist dies ein weiterer Hinweis darauf hin, dass die Rezession schwächer ausfallen könnte als befürchtet, auch wenn der Ausblick für die Industriekonjunktur verhalten bleibt."

"Trend weist klar nach unten"

Aber die Daten zeigen auch Schwachpunkte. Ohne Großaufträge wären die Aufträge um 1,2 Prozent gesunken. Im Vergleich zum Oktober 2021 fiel das Neugeschäft zudem kalenderbereinigt um 3,2 Prozent niedriger aus. "Der Trend der Auftragseingänge weist weiter klar nach unten", schlussfolgerte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer daraus. "Das stützt die Vermutung, dass sich die deutsche Wirtschaft langsam in Richtung einer milden Rezession bewegt, auch wenn ein wirtschaftlicher Einbruch wie nach der Finanzkrise wegen des Ausbleibens einer Gasrationierung unwahrscheinlich ist."

Die maue Weltkonjunktur, Materialmangel und vor allem die Energiekrise setzen der Industrie derzeit zu. Allerdings sitzen die Unternehmen auf einem dicken Auftragspolster, da viele Bestellungen wegen fehlender Vorprodukte und Rohstoffe nicht abgearbeitet werden konnten. Zudem funktionieren die Lieferketten wieder besser. "Dies spricht grundsätzlich für ein Anziehen der Industrieproduktion in den kommenden Monaten", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel.

Umsatzrekord bei Dienstleistern

Unterdessen haben die deutschen Dienstleister ihre Aufholjagd nach den Corona-Lockerungen zum Ende des dritten Quartals beschleunigt. Die Umsätze der Service-Branche, ohne Finanz- und Versicherungsdienstleister, stiegen sowohl inflationsbereinigt (real) als auch nominal um je 0,7 Prozent zum August, teilte das Statistische Bundesamt heute mit.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es ein Plus von real 12,0 Prozent und nominal 15,9 Prozent. Abgesehen von einem moderaten Rückgang der Erlöse im Juni stiegen die preisbereinigten Umsätze im Dienstleistungssektor im bisherigen Jahresverlauf stetig, wie das Amt betonte. "Im September 2022 erwirtschaftete der Dienstleistungsbereich nun den höchsten Umsatz seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2015." Damit wurde der Vor-Corona-Umsatzrekord vom Juni 2019 um 5,2 Prozent übertroffen.