Blick auf die Erdgasempfangsstation der Europäischen Gas-Anbindungsleitung Eugal. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Geschäftsklima eingetrübt Wirtschaft in Sorge wegen Gasknappheit

Stand: 24.06.2022 12:28 Uhr

Drohende Engpässe in der Gasversorgung belasten die Stimmung in den Chefetagen deutscher Firmen. Nach zwei Anstiegen in Folge ist der ifo-Geschäftsklimaindex im Juni unerwartet deutlich gefallen.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juni wegen der Sorgen um die Energieversorgung spürbar eingetrübt. Das ifo-Geschäftsklima fiel im Monatsvergleich um 0,7 Punkte auf 92,3 Zähler, wie das Münchner Wirtschaftsforschungs-Institut heute mitteilte. Zuletzt war der Index noch zwei Mal in Folge gestiegen. Experten hatten zwar mit einer Eintrübung gerechnet, allerdings nur mit einem leichten Minus.

"Steigende Energiepreise und die drohende Gasknappheit bereitet der deutschen Wirtschaft große Sorgen", erklärte ifo-Präsident Clemens Fuest. Erst gestern hatte die Bundesregierung wegen der starken Verringerung der Gaslieferungen aus Russland die Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Ökonomen warnen vor erheblichen Folgen für die deutsche Wirtschaft, sollten die russischen Gaslieferungen komplett ausfallen.

Chemiebranche besonders beunruhigt

Die Führungskräfte äußerten sich zu ihrer aktuellen Geschäftslage und zu den Aussichten jeweils skeptischer als zuletzt. Besonders trüb ist die Stimmung in der Industrie und im Handel. "Insbesondere die chemische Industrie ist höchst beunruhigt", so Fuest. In der Chemie hat die Verwendung von Gas eine hohe Bedeutung. Auch Groß- und Einzelhändler blickten "äußerst sorgenvoll" auf die kommenden Monate. Die Dienstleister und das Baugewerbe waren dagegen etwas zuversichtlicher. "Das Gastgewerbe erlebt einen guten Sommer."

Trotz der Sorgen vor einem möglichen Gasengpass rechnen Fachleute des Münchener Instituts nicht unmittelbar mit einem Wirtschaftseinbruch. "Trotz erhöhter Unsicherheit zeichnet sich im Moment noch keine Rezession ab", sagte ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Allerdings müssen sich die Unternehmen auf ein schwaches zweites Halbjahr einstellen. "Wir haben weiterhin sehr schwierige Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und gehen davon aus, dass die Tendenz der kommenden Monate eher abwärts gerichtet ist", betonte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch.

So sorgt der russische Einmarsch in die Ukraine für steigende Rohstoffpreise, zunehmende Lieferengpässe und erhöhte Unsicherheit bei Firmen und Verbrauchern. Das ifo-Institut hatte deshalb jüngst seine Prognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr gesenkt - von 3,1 auf 2,5 Prozent. Im kommenden Jahr soll sich das Wachstum dann auf 3,7 Prozent beschleunigen.

Zinserhöhungen drohen Wirtschaft abzuwürgen

Allerdings befürchten Ökonomen bei ausbleibenden russischen Gaslieferungen eine schwere Rezession im Winter. "Die Lage auf dem Gasmarkt ist bedrohlich", sagte der Regierungsberater und Volkswirtschafts-Experte Jens Südekum. "Es drohen dann eine Rationierung des Gasbezugs und damit Produktionsstopps in der Industrie. Eine schwere Rezession könnte die Folge sein."

Pessimistisch äußerte sich auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Tatsächlich ist die konjunkturelle Situation labil." Nach einer weiteren Reduzierung der russischen Gaslieferungen könne es zu einer folgenschweren Rationierung von Gas in der Industrie kommen. Und auch die massiven Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve im kommenden Jahr könnten eine Rezession auslösen. Daher habe die Commerzbank ihre Wachstumsprognose für Deutschland im kommenden Jahr von 2,5 auf 1,0 Prozent reduziert. Für dieses Jahr rechnen die Volkswirte des Geldhauses unverändert mit 1,5 Prozent Wachstum.

Mit Blick auf die vielen wirtschaftlichen Probleme werteten Bankvolkswirte die Stimmungseintrübung in den Chefetagen als moderat. "Angesichts einer gefährdeten Energieversorgung, rekordhoher Inflationsraten und zerrütteter Produktionsketten ist es erstaunlich, dass sich die Stimmung in den Unternehmen auf diesem Niveau hält", erklärte Ulrich Kater, Chefökonom der Dekabank. "Die verschlechterten Erwartungen zeigen ganz klar, dass für die Firmen die wesentliche Herausforderung in der Energieversorgung im kommenden Winter besteht."

Über dieses Thema berichteten am 24. Juni 2022 BR24 um 11:39 Uhr und Deutschlandfunk um 12:00 Uhr in den Nachrichten.