Beleuchtete Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main | REUTERS
Hintergrund

Inflation und Geldpolitik Notenbanken unter Zugzwang

Stand: 15.12.2021 11:25 Uhr

Heute und morgen entscheiden Federal Reserve und EZB über die Ausrichtung ihrer Geldpolitik. Wegen der stark gestiegenen Preise stehen die Zentralbanken vor schwierigen Entscheidungen. Wohin steuern die Währungshüter?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Weiter billiges Geld für die Wirtschaft angesichts der wieder verschärften Pandemie-Lage - oder ein Ende der lockeren Geldpolitik wegen der immer weiter steigenden Inflation? Sowohl die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) als auch die Europäische Zentralbank (EZB) stehen in dieser Woche vor weitreichenden und schwierigen Entscheidungen.

Beide Sitzungen werden von vielen Seiten mit Spannung erwartet. "Hintergrund ist die dramatische Inflationsbewegung und die Verlautbarung einiger Notenbanker, dass man sie ernster nehmen möchte als bislang", erklärt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Das könne durchaus für Überraschungen sorgen - wie etwa, dass die Notenbanken in ihrer Geldpolitik noch strikter werden könnten als bisher erwartet.

Inflation auf höchstem Wert seit Jahrzehnten

Die Sorgen über die steigenden Preise sind zuletzt immer weiter gewachsen. In den USA kletterte die Inflationsrate im November mit 6,8 Prozent auf den höchsten Stand seit 1982. In der Eurozone lag sie zuletzt bei 4,9 Prozent. Noch nie war die Teuerung seit Bestehen des gemeinsamen Währungsraums höher. Allein in Deutschland stiegen die Preise mit einer Inflation von 5,2 Prozent so stark wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Das trifft auch Verbraucher.

"Inflation merkt letztendlich jeder, weil das heißt, dass mein Euro weniger wert ist und ich mir für mein vorhandenes Geld weniger kaufen kann", betont Stephanie Heise, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die sinkende Kaufkraft zeige sich bei der Vermögensbildung oder der Altersvorsorge, aber eben auch beim Konsum - an der Tankstelle, beim Heizen, auch bei Lebensmitteln.

Zentralbanken für Preisstabilität zuständig

Besonders betroffen sind laut der Finanzexpertin Geringverdiener, die einen höheren Anteil ihres Einkommens für lebensnotwendige Dinge wie Lebensmittel oder Energie ausgeben müssten. Zudem hätten sie im Gegensatz zu Besserverdienenden meist nur geringe Ersparnisse. Auch Rentner oder Arbeitslose spürten die Inflation stark. "Tendenziell steigen staatliche Leistungen nicht so schnell wie die Preise", sagt Heise.

Für die Stabilität der Preise sind in erster Linie die Notenbanken zuständig. "Grundsätzlich hat die Geldpolitik nur eine Aufgabe: die Inflationsbekämpfung", sagt auch Baader-Experte Halver. In den heutigen schwierigen Zeiten könne eine Zentralbank diese klare Ausrichtung aber nicht mehr fahren. Denn auch andere Probleme wie die Überschuldung, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die Finanzierung des Klimaschutzes sowie die unterschiedliche Entwicklung von Staaten in einem Währungsraum müssten berücksichtigt werden. "Da kann man keine klassische Geldpolitik wie früher machen. Das heißt, man lässt die Inflation in gewisser Weise auch mal links liegen."

Fed hat Inflation offenbar unterschätzt

Die Zentralbanken hatten lange an der These festgehalten, dass der Inflationsschub durch Lieferengpässe, kräftig anziehende Energiepreise und die sogenannten Basiseffekte - sprich der Vergleich zu den pandemiebedingt extrem niedrigen Preisen 2020 - nur "vorübergehend" sei. Fed-Chef Jerome Powell hatte das Wort zuletzt allerdings "aus seinem Wortschatz gestrichen", erläuterte jüngst KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.

US-Notenbankchef Jerome Powell | REUTERS

US-Notenbankchef Jerome Powell Bild: REUTERS

Tatsächlich rechnen viele Experten in den USA mit einem früheren Ende des Krisenmodus und einer Zinswende im nächsten Jahr. So auch Volker Wieland, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung und Professor für Monetäre Ökonomie an der Goethe-Universität in Frankfurt. "Die Fed wird sich wohl entscheiden, schneller aus der lockeren Geldpolitik auszusteigen als bisher erwartet", so der Wirtschaftsweise gegenüber tagesschau.de. Die Prognosen der Inflationsrate für die kommenden Jahre lägen über dem Ziel von zwei Prozent.

Bereits im November hatte die Zentralbank angekündigt, das Volumen der Anleihekäufe zu verringern (das sogenannte "Tapering"): Von derzeit 120 Milliarden Dollar monatlich sollen die Käufe jeden Monat um 15 Milliarden Dollar abgesenkt werden und somit Mitte Juni 2022 auslaufen. Einige Fed-Vertreter sprachen sich nun dafür aus, den Tapering-Prozess bereits bis März abzuschließen.

EZB sollte "langsam in die Gänge kommen"

Im Gegensatz zur Fed zeigte sich die EZB bisher eher zurückhaltend, was einen Zeitplan zur Normalisierung ihrer Geldpolitik angeht. Präsidentin Christine Lagarde hält den Inflationstrend weiter für vorläufig. "Wir sind fest der Ansicht, und ich bin zuversichtlich, dass die Inflation 2022 zurückgehen wird", sagte sie kürzlich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Zinserhöhung im Euroraum im Jahr 2022 sei "sehr unwahrscheinlich". Die EZB sieht noch kein großes Risiko, dass etwa steigende Löhne zu einem nachhaltigen Anstieg der Inflation führen könnten.

"Bisher erwartete der EZB-Stab, dass die Inflation 2022 und 2023 wieder unter das Ziel von zwei Prozent fällt", so Wieland. Zwar würden die Inflationsraten aufgrund des Wegfalls der Basiseffekte in Kürze wenig überraschend zurückgehen. Dennoch sei es fraglich, ob die Inflation in Deutschland und im Euroraum so stark und schnell sinke, dass sie im Durchschnitt den Zielwert erreiche. Auch wenn die Inflationsgefahren in den USA gravierender seien und die Mieten sowie Löhne dort schneller stiegen als in der Eurozone, sollte die EZB daher "langsam in die Gänge kommen".

EZB-Chefin Christine Lagarde | REUTERS

EZB-Chefin Christine Lagarde Bild: REUTERS

Die wirtschaftliche Erholung im Euroraum und der Anstieg der Inflation sprächen dafür, das Ende der sehr lockeren Geldpolitik "langsam aber sicher einzuleiten". "Am einfachsten wäre es, ähnlich wie andere Notenbanken den erwarteten zukünftigen Zinspfad zu veröffentlichen", so der Ökonom. Außerdem sollten die Nettozukäufe von Wertpapieren unter dem Pandemie-Notfallprogramm laut Wieland über den März hinaus nicht mehr fortgesetzt werden.

PEPP dürfte eingestellt werden

Zumindest den zweiten Aspekt dürfte die EZB morgen auf ihrer Sitzung beschließen. Das ergab eine Bloomberg-Umfrage unter Volkswirten. So könnten die Nettoankäufe des 1,85 Billionen Euro schweren Corona-Notfallprogramms PEPP im März eingestellt werden. Ifo-Chef Clemens Fuest fordert ebenfalls ein Abschmelzen der Käufe. "Wir haben sehr starke Signale von den Unternehmen, dass erhebliche Preiserhöhungen bevorstehen", sagte er gestern bei der Vorstellung der neuesten Konjunkturprognose. Weltweit gehe die Konjunkturerholung weiter, und das bedeute, dass sich die Geldpolitik auf ihr Mandat konzentrieren und den Preisanstieg begrenzen müsse.

Darüber hinaus könnte das bereits im Oktober 2014 als Konjunkturstütze eingeführte Asset Purchase Programme (APP) im Umfang von zurzeit 20 Milliarden Euro pro Monat neu justiert werden. Dabei will sich die EZB sowohl beim Umfang als auch für den Zeitraum der Zukäufe strikte Grenzen setzen und wohl keine Festlegung über 2022 hinaus vornehmen, wie Reuters von Insidern erfuhr. Allerdings könnte die flexible Handhabung nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer darauf hinauslaufen, dass die EZB weiter Anleihen im Wert von rund 40 Milliarden Euro pro Monat erwerben wird.

Die Zinsen will die EZB vorerst nicht anrühren. Wenn die Bedingungen für eine Straffung gegeben seien, stehe die Notenbank bereit, ohne Zögern zu handeln, sagte Lagarde Anfang Dezember. "Die EZB befindet sich in einem riesigen Dilemma und entscheidet sich für das geringste Übel", betont Kapitalmarktstratege Halver. Sie stehe zwischen zwei Fragen der Stabilität: Preisstabilität oder Stabilität der Eurozone an sich. Sie habe sich sehr klar für die zweite Variante entschieden, indem sie weiterhin con einer vorübergehenden Inflation spreche.

Politik und Verbraucher gefordert

Ob Geldpolitik überhaupt kurzfristig den Verbrauchern bei ihren steigenden Ausgaben helfen kann, ist eher fraglich. "Wenn entschieden wird, dass keine neue Liquidität in die Märkte gepumpt wird, wird jedoch zeitgleich netto auch nichts abgezogen", so Halver. Im kommenden Jahr gebe es daher so oder so ein neues Rekordniveau an Liquidität.

"Deshalb ist aktuell auch die Politik gefragt", fordert Verbraucherschützerin Heise. Vor allem die Geringverdiener müssten etwa durch eine Erhöhung des Wohngelds oder eine Anpassung der Regelsätze für Sozialleistungsempfänger unterstützt werden, falls die Warenkorbpreise tatsächlich dauerhaft steigen. Verschiedene Verbände fordern zudem eine Mehrwertsteuersenkung für Obst und Gemüse. Damit könne die Inflation zumindest teilweise gebremst und zugleich eine gesunde Ernährung auch für Geringverdiener gesichert werden.

Auch die Verbraucher selbst können versuchen, sich gegen die Inflation zu schützen. "Bei Strom und Gas raten wir schon lange, Anbieter über entsprechende Portale zu vergleichen und gegebenenfalls zu wechseln", so Heise. Bei Lebensmitteln habe man durch saisonale oder regionale Produkte eine gewisse Chance, Preissteigerungen aus dem Weg zu gehen. In der Geldanlage und Altersvorsorge empfiehlt die Expertin, an die Börse zu gehen. Durch breit gestreute und weltweit anlegende Aktien-ETFs könne jeder mit kleineren Beträgen über Sparpläne langfristig investieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Dezember 2021 um 07:35 Uhr.