Arbeiter montieren die Glasfront im Frankfurter Bahnhof

IW-Studie Zehntausende Gesellen fehlen

Stand: 21.06.2022 10:16 Uhr

Der Fachkräftemangel im deutschen Handwerk verschärft sich. Einer aktuellen Studie zufolge ist die Schere zwischen offenen Stellen und verfügbaren Arbeitskräften noch stärker auseinandergegangen.

Mehr offene Stellen, weniger arbeitslose Handwerker: Im vergangenen Jahr hat sich der Trend des ersten Corona-Jahres 2020 wieder umgekehrt. Der Bedarf an Fachkräften in vielen Branchen ist 2021 gestiegen, das Angebot eher gesunken.

Vor allem Fachkräfte fehlen

Laut der Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) standen im vergangenen Jahr 201.411 offenen Stellen nur 139.256 arbeitslose Handwerkern gegenüber. Die Studie wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz erstellt. Die Zahlen, aus denen die Funke-Mediengruppe heute zitierte, stammen aus Sonderauswertungen der Bundesarbeitsagentur für Arbeit und ihres Forschungsinstituts IAB. Im Jahr 2020, dem Beginn der Corona-Pandemie, war die Zahl der offenen Stellen auf rund 180.000 gesunken, rund 150.000 Fachkräfte waren arbeitslos.

Vor allem Handwerker mit abgeschlossener Berufsausbildung sind zunehmend knapp auf dem Arbeitsmarkt. Die "Fachkräftelücke" im vergangenen Jahr lag bei 75.452 Gesellen. Außerdem konnten 7239 Meisterstellen nicht besetzt werden.

Klimawende wird ausgebremst

Laut IW ist die Lage auf dem Bau besonders dramatisch. In den Bereichen Sanitär, Heizung und Klimatechnik fehlten ebenfalls viele Meister und Fachkräfte. Der Fachkräftemangel könnte somit auch die Klima- und Energiewende in Deutschland verlangsamen. Ob bei der Installation von Photovoltaik-Anlagen und Wärmepumen oder der energieeffizienten Sanierung von Gebäuden: In vielen Betrieben können die vielen zahlreichen Aufträge der Kunden nicht schnell abgearbeitet werden, weil Fachpersonal fehlt. Handwerksverbände berichten seit Jahren über rückläufige Bewerberzahlen für Ausbildungsplätze.

Viele klassische Handwerksberufe sind zu "Klimaberufen" geworden: Elektriker, Mechatronikerinnen, Installateure und auch Dachdecker. Eine Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ergab, dass bis zum Jahr 2030 etwa 440.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt werden, um die Energieziele der Bundesregierung zu erreichen. Solar- und Windanlagen müssen gebaut und gewartet, Elektroautos fachkundig repariert und Gebäude klimafreundlich saniert werden.

Auch in der Bildung mangelt es an Personal

Der Mangel an Fachkräften ist indes nicht auf das Handwerk beschränkt. Auch in Pflegeberufen oder im Bildungssektor sind Arbeitskräfte knapp. Das IW hatte erst vor wenigen Tagen auf eine Lücke von rund 20.000 Lehrkräften hingewiesen, die allein durch einen Zustrom aus Schulkindern aus der Ukraine entstanden sei.

Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) "fehlen in den kommenden fünf bis sechs Jahren rund 200.000 Beschäftigte in der frühkindlichen Erziehung und 250.000 in den Schulen", so die GEW-Vorsitzende Maike Finnern heute vor dem Start des GEW-Gewerkschaftstages in Leipzig.

Über dieses Thema berichtete BR24 Regionalnachrichten Franken am 21. Juni 2022 um 07:30 Uhr.