Kräne der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) und Container stehen im Hamburger Hafen. | dpa

Deutsche Wirtschaft Die Risiken des Exportbooms

Stand: 05.05.2021 09:24 Uhr

Mal wieder zieht die Exportbranche Deutschlands Wirtschaft aus der Krise. Ein Hauptgrund ist die Nachfrage aus China. Doch die starke Abhängigkeit von Ausfuhren könnte langfristig zum Problem werden.

Von David Zajonz, WDR

Das Herz des deutschen Wohlstands schlägt in Orten wie Verl. Hier in Ostwestfalen sitzt Beckhoff Automation, eines der vielen Unternehmen, die für den aktuellen Exportboom verantwortlich sind. Die Produkte des Automatisierungsspezialisten finden sich in vielen Teilen der Welt wieder. Sie stecken in chinesischen Windkraftanlagen, in einer Sportarena in Katar und in Beatmungsgeräten für australische Corona-Patienten.

David Zajonz

Für seinen Heimatort Verl hat Beckhoff Automation große Bedeutung. Zwei Drittel der weltweit mehr als 4500 Mitarbeiter sind am Hauptsitz beschäftigt, die meisten Produkte werden dort hergestellt. Umso wichtiger ist es für das Industrieland Deutschland, dass die Geschäfte von Unternehmen wie Beckhoff gut laufen - und das tun sie: "Wir sind gerade mitten im Boom, in fast allen Regionen der Welt", sagt Kai Ristau, Leiter des internationalen Vertriebs bei Beckhoff Automation.

Aufschwung in fast allen Bereichen

Die Corona-Krise scheint in großen Teilen der deutschen Exportbranche bereits überwunden. Das Wirtschaftsforschungsinstitut ifo fragt die Exportunternehmen regelmäßig nach ihren Geschäftserwartungen. So gut wie im April war die Stimmung demnach zuletzt 2011, als es nach der Weltfinanzkrise wieder aufwärts ging. Der Aufschwung zieht sich durch fast alle Bereiche. Nur die Bekleidungsbranche und Teile des Fahrzeugbaus schwächeln.

Dass die Exportbranche die deutsche Volkswirtschaft aus der Krise reißt, ist ein bekanntes Muster. Schon während der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder war das die Strategie für mehr Wachstum. Nach der Weltfinanzkrise stiegen die deutschen Exportüberschüsse dann auf einen Höchststand.

Exportabhängigkeit als "deutsche Droge"

Der Frankfurter Politökonom Andreas Nölke bezeichnet diese Exportabhängigkeit als "deutsche Droge" und warnt davor, sich zu sehr darauf zu verlassen: "Mittelfristig wird der Welthandel für deutsche Produzenten schwieriger", sagt Nölke. "China wird konkurrenzfähig, und das wird sehr gefährlich für uns."

Die Geschichte des deutschen Exporterfolgs hängt untrennbar mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zusammen. Zwar kauft Deutschland mehr Produkte aus China als es dorthin verkauft. Die Bedeutung des chinesischen Marktes ist aber massiv gestiegen. Inzwischen liegt China in der Liste der wichtigsten deutschen Exportmärkte nur noch knapp hinter den USA auf dem zweiten Platz.

Deutschland profitierte dabei von einer glücklichen Fügung, erklärt Politökonom Nölke: "Wir haben genau die Produkte hergestellt haben, die in China nachgefragt waren, die dort aber nicht produziert wurden, also beispielsweise Maschinen und Luxusautos." Nun aber entwickelt sich China auch in diesen Bereichen rasant.

China als Absatzmarkt und Konkurrenz

Bei Beckhoff Automation spüren sie beide Seiten der Medaille. Dass das Unternehmen sogar im Krisenjahr 2020 ein Umsatzplus erzielte, war fast einzig und allein China zu verdanken: "Dort haben wir unseren Umsatz um 28 Prozent erhöht", sagt Vertriebs-Chef Ristau.

Andererseits sieht das Unternehmen, wie chinesische Hersteller immer mehr zu direkten Wettbewerbern werden. "Wir haben nicht die Sorge, sondern die Gewissheit, dass genau das passiert. Für uns ist das ein Ansporn", so Ristau.

Forderung nach Investitionen

Was für einzelne Unternehmen gilt, gilt auch für die Volkswirtschaft insgesamt. "Wir sollten unseren Exporterfolg nicht für alle Zeiten als gegeben hinnehmen", sagt Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf.

Deutschland müsse beispielsweise mehr in digitale Infrastruktur investieren, um im Bereich der Spitzentechnologie weltweit mithalten zu können: "Die Modernisierung wird es nicht umsonst geben, dafür werden neue Staatsschulden notwendig sein", stellt Südekum fest. Er verweist darauf, dass der deutsche Staat derzeit zu Negativzinsen Kredite aufnehmen könne.

Höhere Löhne könnten Exportabhängigkeit reduzieren

Mit seiner Exportorientierung hat sich Deutschland in den vergangenen Jahren international keine Freunde gemacht. Deutschland verkaufe viel, kaufe selbst aber zu wenig, so der Vorwurf aus anderen Ländern. Auch Ökonom Südekum plädiert dafür, das Verhältnis von Exporten und Importen wieder mehr ins Gleichgewicht zu bringen.

Dafür müssten gerade im Niedriglohnsektor die Löhne steigen: "Die Beschäftigten dort verdienen viel zu wenig und haben in der Folge eine zu geringe Nachfrage als Verbraucher." Mehr Kaufkraft im Inland würde helfen, die eigene Exportabhängigkeit zu verringern.

Beckhoff Automation denkt unterdessen darüber nach, künftig nicht mehr nur in Verl sondern auch in China zu produzieren. Zum einen gehe es darum, nah am chinesischen Markt zu sein, sagt Vertriebschef Ristau, aber das sei nicht der einzige Grund. "Auch die geringeren Löhne dort, der Druck von der chinesischen Regierung, lokal zu produzieren, und die chinesischen Importsteuern auf unsere Produkte spielen eine Rolle." Die Macht Chinas wächst. Das könnte für Deutschland und die hiesigen Exportfirmen zunehmend ungemütlich werden.​

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Februar 2021 um 19:20 Uhr.