Messinstrumente zeigen den Leitungsdruck der Rohrleitungen eines Gaspeichers an. | dpa

Nord Stream 1 dicht Massiver Preissprung beim Gas

Stand: 05.09.2022 11:29 Uhr

Russlands Gas-Lieferstopp treibt die Preise in Richtung Rekordhoch. Seit Freitag verteuerte sich Gas um etwa 35 Prozent. Wegen der Energiekrise wächst die Angst vor einer Rezession.

Von Thomas Spinnler, tageschau.de

Der erneute Stopp russischer Gaslieferungen hat den Gaspreis nach oben schießen lassen. Heute kletterte der Preis des Terminkontrakts TTF für niederländisches Erdgas um etwa 72,5 Euro auf zuletzt 281 Euro je Megawattstunde. Das entspricht einem Plus von rund 35 Prozent auf die Notierung vom vergangenen Freitag. Der TTF-Kontrakt gilt als eine Richtschnur für das europäische Preisniveau.

Damit ist eine Zeit tendenziell sinkender Preise zumindest vorerst beendet. In der vergangenen Woche waren die Notierungen noch gefallen; Investoren hatten damit auf die Tatsache reagiert, dass die europäische Gasspeicher schneller befüllt wurden als erwartet. Aktuell sind beispielsweise die deutschen Gasspeicher zu rund 86 Prozent befüllt. Im vergangenen Jahr hatte der Stand zu diesem Zeitpunkt des Jahres noch bei etwa 60 Prozent gelegen.     

Euro auf Talfahrt

Die Eskalation der Gaskrise schickt auch den Euro erneut auf Talfahrt: Heute fiel die Gemeinschaftswährung bis auf 0,9879 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit knapp 20 Jahren.

Es ist die Furcht vor einer durch Energiemangel und hohe Energiepreise bedingten schweren Rezession, die den Investoren Sorgen bereitet. Die hohen Energiepreise, das Risiko einer Gasknappheit und die fiskalische und regulatorische Reaktion darauf würden die Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die Inflation in der Eurozone viel mehr prägen als alles, was die EZB mit ihrer Zinspolitik tun könne, kommentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank.

Märkte in Turbulenzen

In einer solchen Situation scheuen die Anleger das Risiko einer Investition in den Euro, da eine Rezession die Gemeinschaftswährung weiter schwächen würde. Nicht nur der Devisenmarkt ist darum in Aufruhr - auch der Aktienmarkt reagiert mit heftigen Turbulenzen auf die Lage am Energiemarkt.

Der Einbruch der europäischen Aktien in Verbindung mit dem sinkenden Euro spiegele die Wirtschafts- und Energiekrisen wider, mit denen die Eurozone konfrontiert sei, meint Neil Wilson, Marktexperte beim Online-Broker Markets.com.

Die EZB im Blick der Anleger  

Vor diesem Hintergrund wird die Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag von den Investoren besonders beachtet. Schließlich ist es - neben den Sorgen vor einer tiefgreifenden Rezession in der Eurozone - auch die Zinsdifferenz zwischen Europa und den USA, die die Gemeinschaftswährung belastet. Die höhere Verzinsung in den USA lässt dort die Renditen auf Anleihen steigen und sorgt deshalb dafür, dass Investoren ihre Gelder aus dem Euroraum umleiten.   

Die EZB steckt in einem Dilemma: Eine zu starke Anhebung der Zinsen könnte die Konjunktur weiter schwächen so die Ansicht vieler Finanzexperten. Reagieren die Notenbanker aber zu schwach, könnte das die anhaltend hohe Inflation weiter verschärfen, so Fachleute.    

Die Analysten der DZ Bank beleuchten dabei ein weiteres Problem, das durch die Euroschwäche verstärkt wird. Es entstehe weiterer Preisdruck durch den schwachen Euro gegenüber dem US-Dollar, denn deshalb erhöhten sich die Importpreise für den rohstoffabhängigen Euroraum, schreiben sie in einem Marktkommentar. Die Euroschwäche sorgt also auch für hohe Energiepreise, die dann wiederum die Inflation stärken und die Konjunktur schwächen - und den Euro damit weiter belasten.