Lichtprojektion eines Euro-Zeichens auf der Fassade der Europäischen Zentralbank | REUTERS

Stagnation bei hohen Preisen EU-Sorgen wegen drohender Stagflation

Stand: 03.01.2022 17:15 Uhr

Die Inflationsraten in den EU-Staaten sind stark gestiegen. Schritte zur Eindämmung der Pandemie bremsen das Wirtschaftswachstum. Wie kann die EU auf die drohende Stagflation reagieren?

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Europa ist noch lange nicht über den Berg - ökonomisch gesehen. Dabei hatte man es sich am Anfang des vorigen Jahres noch so schön ausgemalt, auch in Brüssel: Wenn 2021 geschafft ist, dann ist Corona Vergangenheit, die Menschen in Europa genießen wieder alle Freiheiten, das Leben und das Wachstum. Bekanntlich ist die heutige Realität eine andere und ernüchternd. Corona ist immer noch oder wieder da - in anderer Variante -, und was das heißt, auch ökonomisch, kann noch niemand wirklich abschätzen.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Was kommt nach dem Wiederaufbaufonds?

Wo vor ein paar Monaten noch Optimismus regierte, herrscht jetzt große Vorsicht. "Wir haben ökonomisch große Herausforderungen vor uns - nach Covid und beim Umbau der Gesellschaft hin zur Klimaneutralität. Deshalb müssen wir auch Wege finden, wie wir den wachsenden Schuldenstand in den Staaten angesichts all dessen realistisch wachstumsfreundlich managen", so formuliert es EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

Zwar haben die europäischen Mitgliedsstaaten mit ihrem Corona-Fonds jetzt für die kommenden Jahre eine Menge Geld in die Hand genommen, um Investitionen in diese Herausforderungen finanzieren zu können - nämlich zu einem großen Teil über gemeinsame Schulden finanzierte 750 Milliarden Euro. Aber schon jetzt fragen manche sich, ob das reichen wird.

Zu ihnen gehört der SPD-Europaparlamentarier Joachim Schuster. "Jetzt ist auch erstmal für vier Jahre genug Geld da", sagt er. "Aber für die Zeit danach bin ich eindeutig für eine Verstetigung dieses Investitionsfonds - in Verbindung mit einer soliden Einnahmepolitik der EU, um auch den Schuldendienst bedienen zu können."

Wachsender Druck auf die EZB

Weiter investieren, verstetigen, Schulden abbezahlen - es ist eine Mammutaufgabe, die nicht dadurch leichter wird, dass jetzt auch noch die beinahe jahrzehntelang schon tot geglaubte Inflation nach Europa zurückgekehrt ist. Im kommenden Jahr rechnen Pessimisten mit sechs Prozent oder mehr bei der Geldentwertung, verursacht durch die Pandemie und durch steigende Energiepreise. Sie verlangen von der Europäischen Zentralbank ein Umsteuern: Weg von den Hunderte Milliarden schweren Anleihekaufprogrammen, weg vom Nullzins, hin zu strafferen geldpolitischen Zügeln.

Aber: Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihre Präsidentin Christine Lagarde treffen ihre Entscheidungen unabhängig von der Politik. Ein grundlegendes Umsteuern der EZB ist bisher nicht erkennbar. Außerdem: Nicht allen in Europa wäre das recht. Bei höheren Zinsen gegen die Inflation fürchtet man vor allem in Südeuropa ein Abwürgen der durch Corona ohnehin schwer angeschlagenen Konjunktur.

Hohe Preise für Benzin und Gas hin oder her: Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire hält die Inflation ohnehin für ein Phänomen, das bald wieder verschwinden wird. "Unser Erkenntnisse zeigen, dass diese Inflation ein Übergangsphänomen ist. Es kommt jetzt darauf an, dass sie sich nicht festsetzt in den nächsten Monaten. Die Energiepreise jedenfalls haben daran einen erheblich Anteil." Sobald die Energiepreise wieder zurückgingen, gehe auch die Inflation zurück, meint Le Maire - nur: Noch gehen sie nicht zurück.

Drohende Stagflation

"Hohe Inflation bei stagnierender Wirtschaft - das ist das Schlimmste, was einer Volkswirtschaft passieren kann", sagt der CSU-Europaparlamentarier und Wirtschaftsexperte Markus Ferber. "Das ist es Aufgabe der EZB, Anreize zum Gegensteuern zu geben, die dann auch von den Märkten verstanden werden."

Ökonomen nennen ein solches Szenario Stagflation, quasi: Pest und Cholera auf einmal - oder in diesen Zeiten Delta und Omikron. Und deshalb wird die EU auch 2022 Wege finden müssen, um mit dieser drohenden Perspektive umzugehen. Denn für das Leben der Menschen ist Geldentwertung kaum minder gravierend als der drohende Arbeitsplatzverlust. Politisch muss im Moment zwischen beidem abgewogen werden. Ein Balanceakt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Oktober 2021 um 17:05 Uhr.