Gaspipeline in Beregdaroc in Ungarn

Inflationstreiber Energie Angst vor dem Gaspreis-Schock

Stand: 23.09.2021 15:51 Uhr

Der Erdgaspreis steigt und steigt. Die EU will den Trend stoppen, hat aber wenig Instrumente an der Hand. Das Augenmerk richtet sich verstärkt auf die umstrittene Pipeline Nord Stream 2.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Erdgas wird immer teurer - und das schon lange. Seit Jahresmitte hat sich der Preis im europäischen Durchschnitt beinahe verdreifacht. Überall in der EU warnen Fachleute vor einer möglicherweise kritischen Versorgungslage im Winter und vor einer weiteren Preiserhöhung.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Privatkunden und Industrie bekommen die steigenden Kosten schon jetzt zu spüren. In Italien beispielsweise müssen Kunden aktuell gut 30 Prozent mehr bezahlen als noch im Sommer, in Frankreich sind es zehn Prozent. Griechenlands Energieminister spricht gar von einer internationalen Energiekrise, und auch in Deutschland wächst die Sorge.

Steigender Gaspreis heizt Teuerungsrate an

Eindeutig jedenfalls gehört der Gaspreis zu den ganz großen Inflationstreibern in der Europäischen Union, heißt es beim Statistikamt der EU Eurostat in Luxemburg. Die Inflationsrate für den Euroraum hat man dort zuletzt bei drei Prozent gesehen. Und so sind es vor allem zwei Fragen, die im Raum stehen und die im Europäischen Parlament, in der EU-Kommission und in den Mitgliedsstaaten immer drängender gestellt werden: Woher kommt dieser rasante Preisauftrieb - und was kann man dagegen tun?

Schon auf die erste Frage allerdings gibt es keine ganz eindeutige Antwort. Aus Energieunternehmen und Marktforschungsinstituten kommt der Hinweis, dass die anziehende Weltwirtschaft mit dem Abflauen der Corona-Pandemie schlicht die Nachfrage wachsen lasse, das Angebot aber nicht. Außerdem seien nach dem letzten kalten Winter die Gasspeicher nicht randvoll, im Gegenteil: Bei der europäischen Dachorganisation Gas Infrastructure Europe ist die Rede ist von Füllständen, die höchstens bei zwei Dritteln der Kapazität lägen.

Nord Stream 2 im Fokus - Russland unter Verdacht

Doch das reicht vielen als Erklärung nicht. Deshalb bringen sie etwas anderes in Spiel, was damit auf den ersten Blick nur wenig zu tun hat: Die hoch umstrittene Gas-Pipeline Nord Stream 2. Vor allem osteuropäische Staaten haben dieses deutsch-russische Projekt immer schon höchst kritisch gesehen, aber auch in vielen anderen EU-Staaten gibt es die Überzeugung, dass man sich in Europa damit zu sehr in Abhängigkeit von russischem Gas begebe.

Polen hat Russlands Regierung nun vorgeworfen, Gaslieferungen derzeit künstlich zu verknappen, um damit Druck zu machen für eine schnellere Inbetriebnahme der mittlerweile ja fertig gestellten Gasleitung. Denn noch fehlt die Genehmigung dafür. Auch im EU-Parlament gibt es einige Abgeordnete, die ein solches Vorgehen Russlands nicht ausschließen wollen. Handfeste Belege sucht man allerdings vergeblich, Russland weist die Vorwürfe mit Nachdruck von sich. Und auch bei der EU-Kommission heißt es, davon habe man keine Kenntnis.

Wird die umstrittene Pipeline gebraucht?

Doch die Diskussion zeigt, dass es eine heikle Sache ist mit dem Erdgas in der EU. Tatsache ist: Durch die Pipeline sollen künftig pro Jahr bis zu 55 Milliarden Kubikmeter des fossilen Energieträgers aus Russland direkt nach Deutschland fließen. Wenn man sich den jährlichen Gesamtverbrauch in der Europäischen Union anschaut, der 2020 bei rund 380 Milliarden Kubikmeter gelegen hat, dann ist das eine erhebliche Menge.

Es gibt Energieforschungsinstitute, die der Ansicht sind, dass man angesichts des europäischen Green Deal und der angestrebten Klimaneutralität in den nächsten Jahren immer weniger Erdgas brauche und deshalb auch die Lieferungen aus Russland nicht nötig seien. Auch die Grünen im Europäischen Parlament sehen das so. Doch angesichts der aktuellen Preises ist das im Moment eher eine theoretische Debatte.

Ratlosigkeit auch in der Kommission

Nun gerät die EU-Kommission unter zunehmenden Druck, etwas gegen den Aufwärtstrend beim Gaspreis zu unternehmen. Europas Energiekommissarin Kadri Simson sagt, man habe durchaus einige geeignete Instrumente in der Hand. Doch auf die Bitte, das etwas konkreter zu machen, fiel der Estin beim jüngsten Treffen der europäischen Energieminister in Slowenien nicht viel mehr ein als der Hinweis, die einzelnen Mitgliedsstaaten hätten ja die Möglichkeit, vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen bei den Energiekosten zu unterstützen. Frankreich zum Beispiels macht das schon und hält den Preis durch Subventionen künstlich niedrig; es zeigt sich allerdings im Moment: Auch das hat seine Grenzen.

Also blickt Kadri Simson doch lieber weiter in die Zukunft und verweist auf den europäischen Green Deal, den stetig wachsenden Anteil erneuerbarer Energieträger in Europa und mahnt: Dieser Ausbau müsse nun schneller erfolgen. Nur so könne man sich unabhängiger machen von Importen. Sie dürfte hier ebenfalls vor allem Russland meinen, denn auch Estland und die anderen baltischen Staaten würden Nord Stream 2 am liebsten nicht in Betrieb gehen sehen.

Doch dass die EU dafür sorgt, damit rechnet ernsthaft niemand mehr. Im Gegenteil. Schon sprechen manche in Brüssel davon, dass sich mit Beginn der Gaslieferungen durch die Pipeline der Gaspreis zumindest stabilisieren dürfte. Das würde in vielen EU-Staaten an dieser Stelle vor allem angesichts des bevorstehenden Winters für ein Aufatmen sorgen - angestrebte Klimaneutralität und der Ausbau erneuerbarer Energieträger hin oder her.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2021 um 19:05 Uhr.

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Moderation 23.09.2021 • 21:25 Uhr

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