Eine Hand zählt Geldscheine | dpa
Analyse

Steigende Erzeugerpreise "Versteckte Inflation" als Warnsignal

Stand: 09.06.2021 13:32 Uhr

In China sind die Erzeugerpreise so stark gestiegen wie seit 13 Jahren nicht mehr. Auch in Deutschland wächst der Inflationsdruck von Seiten der Produzenten. Wann bekommen das die Verbraucher zu spüren?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

In China sind die Erzeugerpreise im Mai mit 9,0 Prozent so stark gestiegen wie seit 2008 nicht mehr. Wer nun denkt, was in China passiert, betrifft den deutschen Verbraucher nicht, der irrt.

Denn so weit weg China auch für manchen deutschen Verbraucher gefühlt sein mag: Die frischen Daten aus China befeuern die hierzulande geführte Inflationsdebatte, offenbaren sie doch ein Problem, vor dem auch Deutschland und die Eurozone stehen.

"Versteckte Inflation" auch in Deutschland

So waren die Erzeugerpreise in der Bundesrepublik im April um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat in die Höhe geschnellt. Das war der höchste Anstieg seit August 2011, als die Preise nach der Finanz- und Wirtschaftskrise stark gestiegen waren.

Die Erzeugerpreise gelten als wichtiger Frühindikator für die Entwicklung der Verbraucherpreise. Sie stoßen nur meist auf weit weniger mediales Interesse, weshalb sie schon auch mal als "versteckte Inflation" bezeichnet werden.

Energiepreise als Inflationstreiber

Die Gretchenfrage lautet also: Kommt die Produzentenpreisinflation auch bei den Verbrauchern an? Bislang ist davon noch nicht allzu viel zu spüren. Im April kletterten die Verbraucherpreise in Deutschland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,0 Prozent in die Höhe. Von diesem Plus war allein rund die Hälfte auf den Anstieg der Energiepreise zurückzuführen.

Ein Blick in die jüngere Vergangenheit der deutschen Wirtschaft zeigt überdies, dass die Verbraucherpreise bei ähnlich starken Anstiegen der Erzeugerpreise meist nur deutlich abgeschwächt angezogen haben. Die Produzentenpreisinflation spiegelte sich somit nur zu einem geringen Teil in steigenden Verbraucherpreisen wider.

Verbraucher haben viel Geld gespart

Doch dieses Mal könnte alles anders sein. Grund ist ein besonderer Effekt der Corona-Pandemie, der in dieser ausgeprägten Form noch nie zum Tragen kam: die aufgeschobene Nachfrage.

"Die Corona-Pandemie hat die private Nachfrage über Monate gehemmt und zu einer Art Zwangssparen geführt. Mittlerweile beläuft sich der Sparüberschuss auf über 150 Milliarden Euro und dürfte bis Ende 2021 auf rund 200 Milliarden Euro steigen", so LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch gegenüber tagesschau.de. Das entspricht einer potenziellen Erhöhung der Konsumnachfrage von bis zu 17 Prozent im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019.

Firmen können mehr Kosten abwälzen

"Wenn wir jetzt alles öffnen, dann trifft diese starke zusätzliche Nachfrage auf ein Angebot, das kostenseitig teurer geworden ist. Entsprechend groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmen einen größeren Teil der Kosten überwälzen können", so Niklasch.

"Die produzierenden Unternehmen werden sicherlich versuchen, einen Teil ihres Kostenanstiegs an ihre Kunden weiterzugeben", ist auch Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ Bank, überzeugt.

Sparer werden real enteignet

LBBW-Ökonom Niklasch rechnet vor diesem Hintergrund für den weiteren Jahresverlauf zunächst mit weiter steigenden Inflationsraten. Im zweiten Halbjahr dürfte der Mehrwertsteuereffekt voll zum Tragen kommen: "Dann erreichen wir wahrscheinlich Inflationszahlen von über drei Prozent."

Das hat für die Verbraucher und Sparer in Deutschland ganz reale Folgen: Bei Zinsen von null Prozent und einer Inflationsrate von über zwei oder gar drei Prozent sind die realen Zinsen, also die Nominalzinsen abzüglich der Inflationsrate, negativ. Sparer, die ihr Geld auf Tagesgeldkonten oder Sparbüchern anlegen, werden real enteignet. Das befeuert die Flucht in Aktien und Immobilien, was wiederum die Preisblasen an diesen Märkten weiter aufpumpt.

Lohn-Preis-Spirale noch nicht in Sicht

Immerhin: LBBW-Experte Niklasch sieht in den steigenden Inflationsraten ein temporäres Phänomen, die Zutaten für einen dauerhaften Anstieg seien nicht vorhanden.

"Für längerfristig steigende Inflationsraten müssten die Löhne mitziehen, es brauchte eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er-Jahren. Das sehen wir aber in Deutschland derzeit noch nicht." Ab Januar 2022 dürfte die Inflationsrate rasch wieder unter die Marke von zwei Prozent sinken.

Belastung der Industrie schadet der Konjunktur

Doch selbst wenn sich die steigenden Erzeugerpreise nicht oder nur wenig in steigenden Verbraucherpreisen widerspiegeln würden, verhieße das nichts Gutes. Können die Produzenten die steigenden Preise nicht an die Verbraucher weiterreichen, würde das nämlich auf eine schwache Konsumdynamik hinweisen.

In China scheint das derzeit der Fall zu sein, wie Commerzbank-Devisenexperte Hao Zhou hervorhebt. "Folglich besteht die Gefahr, dass die Gewinne der Industrie rasch schrumpfen, was den allgemeinen Konjunkturausblick belasten wird."

Egal also, ob die Produzenten die steigenden Erzeugerpreise an die Verbraucher weiterreichen oder nicht: Ein Warnsignal sind sie allemal.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. Juni 2021 um 12:50 Uhr.