Arbeitsagentur-Chefin Andrea Nahles spricht bei einer Pressekonferenz | REUTERS

Robuster Arbeitsmarkt Gelassenheit trotz drohender Rezession

Stand: 24.09.2022 02:59 Uhr

Wie hart könnte der drohende Rückgang der Wirtschaftsleistung Deutschland treffen? Arbeitsagentur-Chefin Nahles sorgt sich nicht um den Arbeitsmarkt. Und die IG Metall hält die Energiekosten in der Metall- und Elektroindustrie für verkraftbar.

Deutschland steuert zwar nach Ansicht der meisten Ökonomen auf einen möglichen Rückgang der Wirtschaftsleistung infolge der Energiekrise und der stark gestiegenen Preise zu. Diese drohende Rezession wird aber nach derzeitigem Stand weder auf dem Arbeitsmarkt noch mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen massive Auswirkungen haben - so die Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der IG Metall.

"Ja, uns droht eine Rezession", sagte BA-Chefin Andrea Nahles dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die gute Nachricht ist aber: Der Arbeitsmarkt ist robust." In vielen Bereichen gebe es einen Fachkräftemangel. "Wer jetzt seinen Job verliert, findet offene Stellen vor." Es könne jedoch "in einzelnen Regionen und in ganzen Branchen Probleme geben", sagte Nahles. Sorge bereite ihr insbesondere die Stahlindustrie, für die die Lage "sehr schwierig" werden könne.

Sollte die Krise doch noch auf den Arbeitsmarkt durchschlagen, würde das zeitversetzt erfolgen. Die Zahl der Unternehmen, die sich nach Kurzarbeitsbedingungen erkundigten, nehme jedoch zu. "Das ist ein Frühindikator dafür, dass es wieder zu mehr Kurzarbeit kommen könnte", sagte Nahles.

"Wir stehen jedenfalls nicht am Abgrund"

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bezeichnete unterdessen eine pauschale Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie als übertrieben. Zudem sei keine Rezession in einer Dimension wie im ersten Corona-Jahr zu befürchten. Kein Forschungsinstitut prognostiziere, dass Deutschland im kommenden Jahr in eine vergleichbar schlechte Lage schlittere wie 2020 zu Beginn der Pandemie, sagte er der "Welt am Sonntag". "Das Worst-Case-Szenario der Prognosen, die uns vorliegen, wäre eine Rezession für das ganze Jahr 2023 mit einem Minus von einem bis zwei Prozent. Im besten Fall steht die Null. Wir stehen jedenfalls nicht am Abgrund."

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann spricht bei einer Rede | dpa

IG-Metall-Chef Hofmann hält pauschale Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen für übertrieben. Bild: dpa

Mit Blick auf die Folgen der stark gestiegenen Energiekosten für die Unternehmen machte Hofmann deutlich, dass der Energiekostenanteil in der Metall- und Elektroindustrie bei durchschnittlich ein bis drei Prozent liege. "Natürlich tut eine Verdopplung dieser Kosten weh. Dies ist dennoch verkraftbar", sagte Hofmann. Staatliche Unterstützung bräuchten nun vor allem kleine und mittlere Betriebe, die sich ohne Hilfen nicht am Markt halten könnten. In diesem Zusammenhang forderte der IG-Metall-Chef ein viertes Entlastungspaket der Bundesregierung. "Ich glaube, dass mit einer Deckelung bei Strom und Gas schon viel getan wäre", meint Hofmann. Insbesondere energieintensive Handwerks- und Industriebranchen würden "diese Situation nicht lange durchhalten".

Der Mittelstand warnte vor massiven Folgen der Energiekrise und forderte schnelle Entlastungen. "Mit dem bisherigen Tempo werden wir die wirtschaftliche Substanz unseres Landes auf Dauer nicht schützen können", sagte Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft, der Deutschen Presse-Agentur. "Ein beträchtlicher Teil der Unternehmen hat bereits die Produktion reduziert, immer mehr Betriebe denken über die Verlagerung eines Teils ihrer Geschäftstätigkeit ins Ausland nach - die Lage für den Mittelstand wird von Tag zu Tag bedrohlicher", so Jerger. "Wir brauchen nichts anderes als einen sofortigen Entlastungs-Turbo für die Wirtschaft."

S&P erwartet keine Gasrationierung in Deutschland

Auch die Ratingagentur S&P kam in ihrer gestern veröffentlichten Analyse zur Einschätzung, dass die deutsche Wirtschaft in den nächsten Monaten auf eine Rezession zusteuere. S&P erwarte aber, dass Deutschland in den kommenden Wintermonaten eine Gasrationierung vermeiden könne, da die steigenden Energiepreise die Nachfrage ausreichend dämpfen würden, um das offizielle Ziel einer Senkung des Gasverbrauchs um 15 Prozent zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund bestätigte die Ratingagentur die Spitzenbewertung "AAA" für die Kreditwürdigkeit Deutschlands und verwies darauf, dass unter anderem Deutschlands wohlhabende und diversifizierte Wirtschaft sowie die moderaten öffentlichen Defizite und Schuldenlasten weiter ausreichende Puffer für das Rating böten.

Nagel hält Inflationsbekämpfung als vorrangig an

Bundesbankpräsident Joachim Nagel machte unterdessen deutlich, dass weiter steigende Zinsen trotz der drohenden Rezession notwendig seien. "Die Hauptsache ist momentan die Inflationsbekämpfung", sagte er laut Redemanuskript bei einer Veranstaltung in Luzern. Der EZB-Rat habe mit den beiden deutlichen Zinsanhebungen im Juli und September entschlossen gehandelt. "Weitere Straffungsschritte sind in Aussicht gestellt und werden aus meiner Sicht kommen müssen", sagte Nagel. Er wolle nicht verschweigen, dass die Inflationsbekämpfung Belastungen mit sich bringe. "Sie dürfte vorübergehend das Wachstum dämpfen", sagte der Bundesbanker. Inflation zehre Wohlstand auf und treffe die Schwächsten am härtesten. Sie stehe damit im Widerspruch zum Anspruch "Wohlstand für Alle".

Über dieses Thema berichtete BR24 am 24. September 2022 um 13:05 Uhr.