Eine Frau geht auf dem Weihnachtsmarkt in Dortmund an einem Plakat vorbei, das auf die sogenannte 2G-Regel (geimpft oder von Covid-19 genesen) hinweist. | AFP

2G-Regel im Einzelhandel Bangen um das Weihnachtsgeschäft

Stand: 06.12.2021 10:54 Uhr

In immer mehr Regionen Deutschlands dürfen nur noch Geimpfte oder Genesene in die Geschäfte. Der Einzelhandel spürt bereits die Auswirkungen - und befürchtet das nächste schlecht laufende Weihnachtsgeschäft.

Die zusätzlichen Corona-Beschränkungen für den Einzelhandel haben nach Darstellung des Branchenverbands abermals zu Umsatzeinbrüchen geführt. "Die Einführung verschärfter Corona-Maßnahmen in Geschäften ist eine dramatische Zäsur im Weihnachtsgeschäft", beklagte der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, gestern.

Am Wochenende war in weiteren Bundesländern, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, eine 2G-Pflicht für den Einzelhandel in Kraft getreten. Gestern und heute folgten weitere Länder, darunter Hessen und Sachsen-Anhalt. In Bayern und Niedersachsen sollen entsprechende Regelungen Mitte der Woche in Kraft treten. Damit dürfen dann nur noch Geimpfte und Genesene shoppen gehen - unabhängig von den Corona-Infektionszahlen. Ausgenommen sind Geschäfte des täglichen Bedarfs.

Modehandel besonders hart getroffen

Die Einzelhändler spüren die Auswirkungen bereits: Einer aktuellen Trendumfrage des HDE zufolge brachen die Umsätze am zweiten Adventswochenende um 26 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau 2019 ein. Die Besucherzahlen im Innenstadthandel seien unter den teilweise bereits geltenden 2G-Regeln sogar um durchschnittlich 41 Prozent gesunken. Besonders hart traf es Modeläden. Diese verzeichneten ein Umsatzminus von 35 Prozent zum Vorkrisenniveau.

"In der Woche vor dem zweiten Advent sind Umsätze und Frequenzen spürbar eingebrochen", sagte Genth. 77 Prozent der Einzelhändler fürchten laut HDE-Umfrage nun ein ähnlich schwaches Weihnachtsgeschäft wie im vergangenen Jahr. Damals mussten viele Einzelhändler in der zweiten Dezemberhälfte schließen.

"Katastrophaler Ausblick"

Der HDE warnt, dass die gegenwärtige Situation für viele Händler erneut existenzbedrohend werden könnte. "Der Handel hat seine Hoffnung in das Weihnachtsgeschäft gesetzt. Doch nun rücken viele Händlerinnen und Händler erneut mit jedem Tag näher an den Rand ihrer Existenz, ein katastrophaler Ausblick", so der Geschäftsführer. Die Umsatzverluste könnten sich Schätzungen des HDE zufolge auf 5,5 Milliarden Euro belaufen. Pro Verkaufstag entspricht das einem Rückgang um rund 200 Millionen Euro im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019.

Unklar ist, ob die Kunden wegen der neuen Vorschriften oder aus Furcht vor Infektionen fernbleiben. So beobachteten Statistiker in den ersten drei Novemberwochen einen verstärkten Rückgang der Mobilität in Kreisen mit hoher Inzidenz, obwohl damals noch keine tiefgreifenden Maßnahmen galten. Das aktuelle Konsumbarometer des HDE, das heute veröffentlicht wurde, bestätigt den Trend einer negativen Verbraucherstimmung: Der Index sackte deutlich ab, der private Konsum dürfte während des Weihnachtsgeschäft ausgebremst werden. Experten führen das auf die angespannte Pandemielage zurück.

Designierter Kanzler hält Regeln für vertretbar

Der designierte Kanzler Olaf Scholz hatte die 2G-Regel für den Einzelhandel in der vergangenen Woche als vertretbar bezeichnet, da jeder die Möglichkeit habe, sich impfen zu lassen. Außerdem seien die Wirtschaftshilfen in der Corona-Krise verlängert worden.

Dem HDE reicht das nicht aus: Der Handelsverband fordert von der neuen Bundesregierung zusätzliche Hilfen, um die 2G-Folgen zu kompensieren. Ziel müsse es sein, "die zu befürchtenden Verluste möglichst schnell und fair abzufedern", schrieb HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in einem Brief an Scholz und die scheidende Kanzlerin Angela Merkel. Dafür reichten die Entschädigungsregelungen bei weitem nicht aus. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Verband die Regeln als rechtswidrig kritisiert. 2G im Einzelhandel verletze die Berufsfreiheit und verstoße gegen den allgemeinen Gleichheitsgrundsatz.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 02. Dezember 2021 um 06:30 Uhr und NDR 90,3 Aktuell am 06. Dezember 2021 um 06:00 Uhr.