Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

Omikron-Explosion Droht jetzt eine Rezession?

Stand: 21.01.2022 17:36 Uhr

Um gut vier Prozent soll die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen, erwarten Regierung und Ökonomen. Doch die Ausbreitung von Omikron könnte die Prognose durchkreuzen. Gefahr droht auch aus China.

Deutschland steht möglicherweise vor einer Rezession. Der von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vorhergesagte Anstieg der Corona-Neuinfektionen von mehreren Hunderttausend pro Tag könnte Experten zufolge die Konjunktur so stark belasten, dass die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal des neuen Jahres unter das Niveau vom Vorjahreszeitraum zurückfällt. Da die deutsche Wirtschaft nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes bereits im vierten Quartal 2021 zwischen 0,5 und 1,0 Prozent geschrumpft sein dürfte, würde Europas größte Volkswirtschaft in eine sogenannten technischen Rezession rutschen. Genaue Zahlen zum Schlussquartal 2021 wird das Statistische Bundesamt am 28. Januar vorlegen.

Ökonomen befürchten, dass die Industrie durch die massiven Lieferengpässe und den Mangel an Fachkräften im vierten Quartal massiv gehemmt wurde. Schon liege die Produktion etwa zehn Prozent unter dem Niveau, das angesichts der guten Auftragslage zu erwarten wäre. Aber der große Auftragsstau könne derzeit nicht abgearbeitet werden, hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) berechnet. Als Belastung dürften sich auch die mitten im Weihnachtsgeschäft eingeführten verschärften Corona-Regeln erwiesen haben. Vor allem der Dienstleistungssektor und der Einzelhandel habe dadurch Rückschläge erlitten, so dass der über das Sommerhalbjahr beobachtete kräftige Aufholprozess ins Stocken geraten sein dürfte.

Kein Absturz wie zu Beginn der Pandemie

Und nun bereiten die stark steigenden Infektionszahlen mit der Omikron-Variante Sorgen. "Wenn es zu sehr vielen Arbeitsausfällen kommt, ist das ein neuer Belastungsfaktor", sagte der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Nils Jannsen, der Nachrichtenagentur Reuters. "Eine Rezession wird dadurch wahrscheinlicher." Das sieht der Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Stefan Schneider, ebenso: "Wir werden eine technische Rezession sehen".

Einen Absturz wie zu Beginn der Pandemie 2020 erwartet Schneider aber nicht. "Wir haben gelernt, damit zu leben", sagt der Experte, der von einem Minus beim Bruttoinlandsprodukt von etwa einem halben Prozent im ersten Quartal ausgeht. Gesundheitsminister Lauterbach rechnet für Mitte Februar mit mindestens 400.000 Corona-Neuinfektionen pro Tag - im günstigsten Fall. Sollten die Auffrischungsimpfungen keine lange Schutzwirkung haben, könnte die Zahl sogar auf mehr als 600.000 pro Tag steigen.

Bringt China den Welthandel zum Erliegen?

"Aus wirtschaftlicher Sicht kommt es weniger auf die Neuinfektionen an als auf die Corona-Beschränkungen für die Unternehmen", sagt dazu Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Hier waren wir ohnehin davon ausgegangen, dass die weitreichenden 2G-Regeln im ersten Quartal Bestand haben würden." Das belaste erneut Dienstleister und Einzelhändler. Das verarbeitende Gewerbe dürfte darunter leiden, dass China an seiner Null-Corona-Politik festhält und ganze Städte absperrt, so dass der Nachschub aus der Volksrepublik für die deutsche Industrie stockt. "Deshalb erwarte ich, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal etwas schrumpfen wird", so Krämer.

Experten warnen bereits seit Monaten, dass die rigide Null-Covid-Strategie der chinesischen Staatsführung im Fall eines großflächigen Ausbruchs der Omikron-Variante das Land an die Grenzen der Funktionsfähigkeit bringen werde und die Wirtschaft in eine Katastrophe stürzt. Schlimmer noch: die Abriegelungen ganzer Millionenstädte mit ihren Industriebetrieben könnte den gesamten Welthandel durcheinander bringen. Schon jetzt setzen vielen Firmen, darunter auch deutschen wie Volkswagen, die coronabedingten Produktionsstopps zu. "Es spricht viel dafür, dass China den gerade erst leicht erholten internationalen Handel komplett aus der Bahn wirft", fürchtet Klaus-Jürgen Gern, Weltkonjunkturexperte am IfW. Deutschland, als größter Handelspartner China in Europa, dürfte davon besonders hart getroffen werden.

Lockerungen in der EU

Hoffnung kommt derweil von Deutschlands Nachbarn. Dort hat die Omikron-Welle schon früher eingesetzt und ihren Höhepunkt teilweise bereits überschritten. So sind die täglichen Neuinfektionen etwa in Frankreich wieder unter die Schwelle von 500.000 am Tag gefallen. Die Regierung hat nun Lockerungen angekündigt - das bei Inzidenzen von über 3000 -, weil die Omikron-Variante nicht gefährlicher sei als eine Grippe und über 90 Prozent der Bevölkerung mindestens zweimal geimpft ist. Auch in Belgien und den Niederlanden wurden die Beschränkungen zuletzt gelockert, so dass die Konjunktur dort wieder auf Touren kommen kann. Davon profitiert natürlich auch die auf Exporte ausgerichtete deutsche Wirtschaft.

Dennoch halten es einige Ökonomen inzwischen für unwahrscheinlich, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um mehr als vier Prozent zulegt wie dies die Bundesregierung und die Bundesbank erwarten. Das der Handelskammer Hamburg gehörende WeltwirtschaftsInstitut (HWWI) geht in diesem Jahr von einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent und für 2023 von 2,5 Prozent aus. 2020 war das Bruttoinlandsprodukt um 4,6 Prozent eingebrochen, im vergangenen Jahr hatte es um 2,7 Prozent zugenommen. Auch diese Zahl ist weit hinter den Erwartungen geblieben. Ursprünglich hatten Ökonomen mit einem Plus von rund vier Prozent gerechnet, die Bundesregierung war von 3,5 Prozent ausgegangen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Januar 2022 um 13:37 Uhr.