Mitarbeiter bei der Montage eines Porsche  | dpa

Wirtschaftliche Erholung Hinkt Deutschlands Aufschwung hinterher?

Stand: 11.06.2021 18:09 Uhr

Die Corona-Zahlen sinken, das wirtschaftliche Leben normalisiert sich und die Konjunktur zieht wieder an. Dabei scheint Deutschland seinen Nachbarn hinterherzuhinken. Ist das wirklich so?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Die britische Wirtschaft ist im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 27,6 Prozent gewachsen - ein Rekordwert wie das Nationale Statistikamt (ONS) verkündete. Die starken Wachstumszahlen spiegeln die Konjunkturerholung im Zuge der schrittweisen Öffnung der Wirtschaft wider, die im Frühjahr 2020 nach Beginn der Pandemie und den folgenden Schutzmaßnahmen abgestürzt war. Auf das Jahr hoch gerechnet erwartet die britische Notenbank nun einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 7,25 Prozent. Das wäre die höchste Wachstumsrate seit 1941.

Auch andere europäische Länder wie Frankreich gehen für das laufende Jahr von einer kräftigen Erholung der Konjunktur von 5,5 bis 5,7 Prozent aus. Die spanische Regierung erwartet sogar ein Plus von 6,5 Prozent. Tatsächlich haben sich die Aussichten für das Wirtschaftswachstum im Euroraum nach Ansicht der meisten Ökonomen angesichts sinkender Corona-Infektionszahlen und der globalen Konjunkturerholung deutlich aufgehellt. Die Europäische Zentralbank (EZB) geht deshalb für dieses Jahr nach neuesten Angaben von einem Anstieg des BIP im Euroraum von 4,6 Prozent aus.

Deutschland beim Wachstum weit abgeschlagen

Nach kräftiger bergauf dürfte es in den USA gehen, der immer noch größten Volkswirtschaft der Welt. Dort rechnet die Notenbank Federal Reserve (Fed) mit Blick auf die fortgeschrittene Impfkampagne und das in Aussicht gestellte Konjunkturpaket mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 6,5 Prozent. In China, Deutschlands wichtigstem Handelspartner, dürfte die Wirtschaft dieses Jahr sogar um 8,5 Prozent zulegen.

Und Deutschland? Liegt weit abgeschlagen auf einem der hintersten Plätze. Die Bundesbank erwartet derzeit für 2021 ein Wachstum des BIP von 3,7 Prozent. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist noch etwas optimistischer. "Dank umfangreicher Staatshilfen von fast 300 Milliarden Euro hat die deutsche Wirtschaft in der Coronavirus-Krise das Schlimmste überstanden. Dieses Jahr wäre ein Wachstum von dreieinhalb bis vier Prozent möglich", so der Minister.

Hinkt die Erholung der heimischen Wirtschaft also der seiner wichtigsten Handelspartner hinterher? Die Ökonomen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geben eine differenzierte Antwort. Zwar erhole sich die Wirtschaft in Ländern, die ihre Bevölkerung rasch gegen Covid-19 impfen und das Infektionsgeschehen durch wirksame Maßnahmen eindämmen, rascher als andernorts.

Schon im Sommer Vorkrisenniveau

So dürfte etwa in Südkorea und den Vereinigten Staaten das Pro-Kopf-Einkommen bereits Ende dieses Monats das Niveau von vor der Pandemie erreicht haben. In weiten Teilen Europas werde dies hingegen erst nach drei Jahren der Fall sein, in Mexiko und Südafrika möglicherweise erst nach fünf Jahren und länger, befürchtet die OECD. 

So gesehen steht Deutschland deutlich besser da als beim Blick auf die nackten Wachstumszahlen. Schon in diesem Sommer könnte die Wirtschaftsleistung wieder Vorkrisenniveau erreichen, schätzt die Bundesbank. Die Ökonomen der OECD erwarten, dass es erst zum Jahresende so weit sein wird.

Dennoch wäre die Erholung in Deutschland damit immer noch schneller als in Italien, Frankreich oder Spanien. In diesen Ländern dürfte das BIP pro Kopf teilweise erst Mitte nächsten Jahres über dem Stand von Ende 2019 liegen, so die Prognose der OECD. Besonders düster sieht es für Spanien aus, dessen Wirtschaft erst im Sommer 2023 wieder über dem Vorkrisenniveau liegen dürfte. Auch Großbritannien werde erst Mitte nächsten Jahres wieder auf dem Vorkrisenniveau sein, prognostizieren die Experten.

Entwicklung des BIP 2020-2022 (OECD-Schätzung)
Land BIP-Veränderung 2020 BIP-Veränderung 2021 BIP-Veränderung 2022
Deutschland -5,1% +3,3% +4,4%
Frankreich -8,2% +5,8% +4,0%
Italien -8,9% +5,5% +4,4%
Spanien -10,8% +5,9% +6,3%
Großbritannien -9,8% +7,2% +5,5%
USA -3,5% +6,9% +3,6%
China +2,3% +8,5% +5,8%

Fatale Abhängigkeit vom Tourismus

Hier zeigt sich die große Abhängigkeit dieser Staaten vom Dienstleistungssektor und ganz besonders vom Tourismus. So ist diese Branche in Spanien im vergangenen Jahr um 48,4 Prozent eingebrochen, in Italien um 35,1 Prozent, in Griechenland sogar um 55,4 Prozent, während sie in Deutschland um knapp 15 Prozent zurückgegangen ist. Entsprechend ist das BIP hierzulande im vergangenen Jahr weniger stark gesunken als in den meisten Nachbarländern. Das liegt auch am vergleichsweise höheren Anteil der Industrie hierzulande an der Gesamtwirtschaft und deren unverändert starken Exporten nach China.

"Wie stark die Konjunkturerholung in den einzelnen Ländern ausfällt, hängt vom Umfang der staatlichen Unterstützung für Unternehmen und gefährdete Arbeitskräfte, vom Grad der Abhängigkeit von bestimmten Branchen wie dem Tourismus sowie von der Gesundheits- und Impfpolitik ab", heißt es in einer im Mai veröffentlichten Studie der OECD.

Trotz der weltweit zu beobachtenden Konjunkturerholung dürfte das globale Einkommen Ende 2022 immer noch etwa drei Billionen Dollar niedriger sein als vor der Pandemie, schätzt die OECD. Das entspricht in etwa der Leistung der französischen Volkswirtschaft.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Juni 2021 um 09:36 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 11.06.2021 • 23:56 Uhr

23:45 von berelsbub

«Sparsam war da kaum einer, im Gegenteil - irgendwie müsste man ja gut gelaunt durch die Corona-Krise. Neuer Grill, neue Gartensauna, neues Gewächshaus, neuer Pool etc. Die meisten haben sich den Urlaub in ihren Garten geholt.» Ist ja auch nichts gegen einzuwenden. Ein Zuhause, in dem man sich wohl fühlt, ist die allerbeste Basis auch für Zufriedenheit in allen anderen Belangen des Lebens.