Container am Hamburger Hafen | dpa

Konjunktur Deutsche Wirtschaft leicht gewachsen

Stand: 29.04.2022 13:48 Uhr

Eine Rezession in Deutschland ist ungeachtet der Kriegsfolgen vorerst abgewendet. In den ersten drei Monaten des Jahres hat die Wirtschaftsleistung zumindest etwas zugenommen. Doch die Aussichten bleiben höchst ungewiss.

Trotz Corona-Welle und dem beginnenden Ukraine-Krieg ist die deutsche Wirtschaft mit einem leichten Wachstum in das Jahr gestartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg zwischen Januar und März um 0,2 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt heute anhand einer ersten Schätzung mitteilte. Zu der positiven Entwicklung zum Jahresstart trugen vor allem höhere Investitionen bei, so die Statistiker. Seit Ende Februar lasten allerdings die wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine zunehmend auf der Konjunktur.

Ökonomen hatten nur mit 0,1 Prozent Wachstum gerechnet. Anders als von manchen Experten befürchtet, ist die deutsche Wirtschaft damit nicht in die Rezession gerutscht. Im Schlussquartal 2021 war die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent gesunken. Von einer Rezession ist die Rede, wenn das Bruttoinlandsprodukt mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft.

Trübere Aussichten

Für das laufende Jahr rechnen die meisten Experten zwar mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland. Aber die Unsicherheit wegen der Kriegsfolgen und der Sanktionen des Westens gegen Russlands ist enorm groß. Die hohe Inflation belastet Firmen und Verbraucher. Im April hatte die Teuerung noch einmal zugenommen - die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 7,4 Prozent.

Getrieben wird die hohe Inflation nicht zuletzt durch die stark steigenden Einfuhrpreise: Im März legten die Preise für nach Deutschland importierte Waren im Vergleich zum Vorjahresmonat um 31,2 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das ist der stärkste Zuwachs seit der ersten Ölkrise im Jahr 1974.

Hauptgrund für die enormen Preissteigerungen ist der Energiesektor: Einfuhren waren um gut 160 Prozent teurer als im März 2021. Der hohe Anstieg geht besonders auf stark gestiegene Preise für Erdgas zurück. Diese lagen viermal so hoch wie im Vorjahr (plus 304,3 Prozent). "Nie zuvor hat sich Erdgas im Import innerhalb eines Jahres so stark verteuert wie im März 2022, auch nicht während der beiden Ölkrisen der Jahre 1973/1974 und 1979/1980", so die Statistiker.

Teures Öl, teurer Strom

Deutlich teurer als vor einem Jahr waren auch Mineralölerzeugnisse mit plus 110,3 Prozent und Erdöl mit plus 81,3 Prozent. Elektrischer Strom war 440 Prozent teurer als vor Jahresfrist, zum Februar verdoppelte sich der Preis. Die Preise für importierte Steinkohle lagen mehr als 300 Prozent über dem Vorjahr und stiegen auch zum Vormonat um gut 44 Prozent. Klammert man Energie aus, waren die Importpreise im März nur um 16,1 höher als im Vorjahresmonat.

Die Bundesregierung hat ihre Schätzung für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr bereits deutlich nach unten korrigiert: Das BIP werde 2022 nur noch um 2,2 Prozent wachsen, teilte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen bei der Vorstellung der Frühjahrsprojektion in dieser Woche mit. Das sind 1,4 Prozentpunkte weniger als im Jahreswirtschaftsbericht im Januar angenommen. Für 2023 rechnet die Regierung nur noch mit einem Wachstum von 2,5 Prozent.

Auch andere EU-Länder leiden unter der Inflation

Auch in anderen EU-Ländern sind die Auswirkungen der Inflation, die in der Währungsunion ein Rekordhoch erreicht hat, spürbar. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im April in der EU durchschnittlich um 7,5 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat heute in einer ersten Schätzung mitteilte. Im März hatte die Inflation bei 7,4 Prozent gelegen, im Februar bei 5,9 Prozent.

Dies wirkt sich auf die Konjunktur der Mitgliedsstaaten aus: So entwickelte sich die französische Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres überraschend schwach. Die Wirtschaftsleistung stagnierte von Januar bis März auch wegen der Zurückhaltung der Konsumenten im Vergleich zum Vorquartal, wie das nationale Statistikamt Insee mitteilte. Wegen starken Teuerung durch hohe Energiepreise sanken die Ausgaben der Verbraucher um 1,3 Prozent. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten hatten mit 0,3 Prozent Wachstum gerechnet.

Noch härter traf es die italienische Wirtschaft. Im ersten Quartal 2022 ist die Wirtschaftsleistung verglichen mit den drei Monaten zuvor um 0,2 Prozent geschrumpft, wie das Statistikamt Istat mitteilte. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone schnitt damit deutlich schlechter ab als Deutschland und Frankreich und ist erstmals seit dem vierten Quartal 2020 wieder geschrumpft. Als Gründe gelten Belastungen durch die Coronavirus-Pandemie sowie die hohen Rohstoffpreise.

Positive Überraschung aus Österreich

Ähnlich enttäuschend entwickelt sich auch die wirtschaftliche Situation in Spanien. Dort hat sich das Wachstumstempo zu Jahresbeginn deutlich verlangsamt. Das BIP legte in den ersten drei Monaten nur noch um 0,3 Prozent zu. Ende 2021 stand noch ein Plus von 2,2 Prozent zu Buche, weshalb Experten auch für das erste Quartal 2022 mit einer höheren Wachstumsrate gerechnet hatten. Doch auch Spanien kämpft mit einer historisch hohen Inflation: Die Teuerungsrate lag zuletzt bei 8,4 Prozent, nachdem im März mit 9,8 Prozent fast ein 40-Jahres-Hoch erreicht worden war.

Deutlich besser ist die Lage dagegen in Österreich: Die Wirtschaft ist mit einem kräftigen Wachstum ins laufende Jahr gestartet. In den ersten drei Monaten legte das BIP im Quartalsvergleich um 2,5 Prozent zu, im Vergleich zum Vorjahresquartal sogar um 8,7 Prozent. Das ergab die Schnellschätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), die heute veröffentlicht wurde. Getragen wurde die positive Entwicklung vor allem vom Dienstleistungssektor, der Industrie und dem Bau. Doch auch in Österreich sind die Konsumenten von der hohen Inflation belastet - die Konsumausgaben der privaten Haushalte stagnierten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. April 2022 um 10:44 Uhr.