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Folgen für Wirtschaft Was passiert, wenn die Zinsen steigen?

Stand: 04.05.2022 20:18 Uhr

Zinsen auf dem Sparbuch oder für Tagesgeld gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Das könnte sich bald ändern. Welche Folgen hat die Zinserhöhung in den USA? Und wann reagieren Europas Währungshüter?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Viele Sparer dürfen aufatmen: Es gibt wieder Zinsen. Erstmals seit Jahren hob die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen im März wieder an, nun folgte der nächste Schritt. Im Laufe des Jahres dürfte es weitere Erhöhungen geben - und auch die Europäische Zentralbank (EZB) steht offenbar vor der Zinswende. Damit wollen die Währungshüter die zunehmende Inflation bekämpfen. Wie funktioniert das? Was sind die Folgen steigender Zinsen? Und warum ist die Geldpolitik der Vereinigten Staaten so wichtig? Antworten auf einige Fragen.

Wie funktionieren Zinsen?

Wer ein Auto, eine neue Küche oder gleich ein ganzes Haus kaufen will, braucht viel Geld. Oft reicht das Ersparte nicht aus. Um sich trotzdem sein Lieblingsauto oder seine Traumimmobilie leisten zu können, kann man sich Geld leihen - in der Regel über einen Kredit bei einer Bank. Diese verlangt dafür vom Kreditnehmer, also demjenigen, der sich das Geld leiht, Zinsen. Je länger die Bank das Geld zur Verfügung stellt, desto höher ist der Zinssatz.

Neben den Kreditzinsen gibt es die Sparzinsen. Wer ein Sparbuch, Giro- oder Tagesgeldkonto bei einer Bank hat, bekommt Zinsen - sozusagen als Prämie fürs Sparen. In der Praxis sah es zuletzt jahrelang anders aus: Durch die von den Zentralbanken beschlossene Nullzins-Politik erhielten Sparer auf ihren Konten faktisch keine Zinsen mehr.

Die Zentralbanken steuern mit ihren Leitzinsen die Entwicklung von Bau-, Kredit- und Sparzinsen. Sie stimulieren damit auch die Wirtschaft. Günstige Zinsen führen zu mehr Kreditvergabe. Es wird dann mehr Geld ausgegeben und konsumiert. Die Inflation steigt. Umgekehrt sorgen höhere Zinsen für eine höhere Sparneigung. Wenn mehr gespart wird, wird weniger Geld ausgegeben. Das bremst das Wirtschaftswachstum. Andererseits sinkt dann auch die Inflation.

Was ist der Leitzins?

Der Leitzins ist ein festgelegter Zinssatz, zu denen sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen oder anlegen. In den USA bestimmt die Fed die Höhe des Leitzinses, in der Eurozone ist es die EZB. Der Leitzins hängt von der aktuellen Wirtschafslage ab. Läuft die Konjunktur gut, hebt die Notenbank üblicherweise den Zins an. Schwächelt die Wirtschaft oder befindet sie sich in der Rezession, senkt die Notenbank meist den Zins. Der Leitzins ist ein zentrales Instrument der Geldpolitik, mit der die Wirtschaft im Gleichgewicht bleiben und stabile Preise für Unternehmen und Verbraucher garantieren soll.

Im Euro-Raum gibt es drei Arten von Leitzinsen: den Hauptrefinanzierungssatz, den Einlagezinssatz und den Spitzenfinanzierungssatz. Der Hauptrefinanzierungssatz ist der wichtigste EZB-Leitzins, der festlegt, zu welchen Bedingungen Banken bei der EZB Geld leihen können. Seit nunmehr gut sechs Jahren liegt der EZB-Leitzins auf dem Rekordtief von null Prozent. Der Einlagezinssatz ist der Zinssatz, zu dem Banken überschüssiges Geld bis zum nächsten Tag bei der EZB parken können. Aktuell liegt der Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent. Die Banken müssen also dafür bezahlen, dass sie Geld bei der EZB kurzfristig lagern. Der Spitzenrefinanzierungssatz liegt in der Regel ein Prozent über dem Hauptrefinanzierungssatz und gibt ebenfalls an, zu welchen Preisen die Geschäftsbanken Geld leihen können - allerdings noch kurzfristiger.

Warum erhöht die US-Notenbank die Zinsen?

Die Federal Reserve will mit ihren Zinsanhebungen den hohen Preisdruck lindern. Die Inflation in den USA hat sich im März weiter beschleunigt. Die Verbraucherpreise zogen im Jahresvergleich um 8,5 Prozent an. Das ist die höchste Teuerungsrate seit 1982. Die Störung der Lieferketten, die deutlich höheren Öl- und Energiepreise und der Arbeitskräftemangel treiben die Inflation an.

Fed-Präsident Jerome Powell hat zuletzt mehrfach auf die Inflationsgefahren hingewiesen. Kritiker wie der Berenberg-Ökonom Holger Schmieding werfen der Fed aber vor, zu lange gewartet zu haben. Das Inflationsproblem der Vereinigten Staaten sei hausgemacht.

Wie helfen höhere Zinsen gegen Inflation?

Inflation entsteht, wenn die Menge an Geld, die Bürgerinnen und Bürgern zum Kauf von Gütern zur Verfügung steht, stärker steigt als die produzierte Gütermenge. Die höhere Nachfrage kann nicht durch das Angebot gedeckt werden, Preissteigerungen sind die Folge.

Durch höhere Zinsen dämpft die Notenbank die Nachfrage. Sie verteuert die Kredite. Folglich nehmen weniger Privatpersonen Kredite für Anschaffungen auf. Auch Unternehmen investieren weniger. Da weniger investiert und gekauft wird, sinkt die Nachfrage nach Gütern in der Wirtschaft. Um trotzdem ihre Produkte loszuwerden, setzen die Firmen ihre Preise herunter. Zudem brauchen sie weniger Arbeitskräfte. Dadurch sinkt der Lohndruck: Die Beschäftigten können weniger hohe Löhne verlangen.

Was bedeuten steigende Zinsen für die Wirtschaft?

Die Zinserhöhung schwächt andererseits die Konjunktur. Sie bremst das Wirtschaftswachstum, weil die Firmen weniger investieren und produzieren. Dies kann zu einer stagnierenden oder gar schrumpfenden Wirtschaftsleistung führen. Insofern läuft die Notenbank Gefahr, mit ihren Maßnahmen die Gefahr einer Stagflation anzuheizen - einer anhaltenden konjunkturellen Schwäche bei gleichzeitig steigenden Preisen.

Warum sind die Leitzinsen in den USA so wichtig?

Die Fed ist die mächtigste Notenbank der Welt. Ihre geldpolitischen Entscheidungen haben Einfluss auf das gesamte Finanzsystem und sind auch Richtschnur für andere Zentralbanken. Die Zinspolitik der Fed bewegt auch die immer noch wichtigste Währung der Welt, den US-Dollar.

Höhere Zinsen locken mehr Kapital in die USA und stärken in der Regel den Dollar. Das hat Auswirkungen auf die Rohstoffpreise, die in Dollar berechnet werden. Eine Aufwertung des Dollar schadet gleichzeitig den Schwellenländern, die oft recht hoch in Dollar verschuldet sind.

Wann steigen in Europa wieder die Zinsen?

Die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, hat zuletzt klar gemacht, dass die Zinsen erst dann steigen, wenn das Programm zum Kauf von Anleihen beendet wird. Die Nettozukäufe von Anleihen sollen möglicherweise schon Ende Juni eingestellt werden, kündigte EZB-Direktorin Isabel Schnabel an. Dann könnte es bereits im Juli zur Zinswende in Europa kommen.

Es ist aber gut möglich, dass sich Lagarde noch bis zum Herbst Zeit lässt - vor allem wenn der Ukraine-Krieg eskaliert. Ökonomen rechnen derzeit mit drei kleinen Zinsschritten in diesem Jahr. Den Prognosen zufolge könnten die Leitzinsen Ende des Jahres bei 0,75 Prozent stehen.

Wem schaden Zinserhöhungen?

Höhere Zinsen machen Anleihen attraktiver. Sie werden wieder zu einer Alternative zu Aktien, die bisher deutlich höher rentierten und am ehesten eine lukrative Geldanlage waren. Bis aber Anleihen wirklich mehr Rendite als Aktien liefern, dürfte es noch lange dauern. Auch für Häuslebauer sind Zinserhöhungen schädlich. Da sich die Bauzinsen verteuern, müssen sie mehr Geld aufbringen, um ihre Wunschimmobilie zu bauen.

Gleichzeitig wird es für Staaten teurer, Schulden aufzunehmen, wenn die Renditen von Staatsanleihen steigen. Insbesondere für Länder mit einer sehr großen Schuldenlast wird es schwieriger, dies zu finanzieren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Mai 2022 um 20:00 Uhr.