Biogasanlage Kaichen

Finanzvertrieb UDI Tausende Kleinanleger verlieren Geld

Stand: 13.07.2021 14:40 Uhr

Kleinanleger investierten über UDI Millionen in Biogas- und Solarprojekte. Als die Finanzaufsicht für Teile des unübersichtlichen Firmengeflechts die Rückzahlung der Gelder anordnete, meldeten mehrere Gesellschaften Insolvenz an.

Von Daniel Hoh, HR

Für Herbert Petzoldt ist es ein herber Rückschlag. Der Rentner aus Oberursel bei Frankfurt am Main hatte früher schon mal Geld im Skandal um den insolventen Windparkbetreiber Prokon verloren. Jetzt muss er wieder bangen. Er hatte vor Jahren in Finanzprodukte des Anbieters UDI investiert. Die Prospekte seien professionell aufgemacht gewesen. "Das sah am Anfang sehr seriös aus", erzählt er. Doch nun wartet er noch immer auf die Rückzahlung von rund 65.000 Euro.

UDI ist ein Finanzvertrieb, der sich auf Erneuerbare Energien spezialisiert hat. Gegründet wurde er 1998 in Roth bei Nürnberg. Das Unternehmen hat ab dem Jahr 2005 angefangen, in Deutschland, Italien und Spanien Biogasanlagen und Solarparks aufzubauen. Kleinanleger konnten sich daran über sogenannte Nachrangdarlehen beteiligen. Die trugen fast immer die Bezeichnung "Festzins". Wer investiert, erhält sein Kapital nach mehreren Jahren zurück, inklusive jährlicher Zinsen zwischen vier Prozent und 6,5 Prozent. Das Versprechen von UDI: "Grünes Geld. Saubere Rendite."

Finanzaufsicht ordnet Abwicklungen an

Doch die Firmengruppe steckt seit Jahren in der Krise, die sich in diesem Jahr dramatisch zuspitzt. Im Mai und Juni hat die Finanzaufsicht BaFin wegen unwirksamer Vertragsklauseln die "Einstellung und Abwicklung des Einlagengeschäfts" für mehrere Festzins-Gesellschaften angeordnet. Die Anlegergelder müssten "unverzüglich und vollständig" zurückgezahlt werden. Doch das kann UDI nicht, das Unternehmen hat deshalb für knapp ein Dutzend Gesellschaften Insolvenz angemeldet.

Dem Wirtschaftsprüfer Kai-Wilfrid Schröder sind die wirtschaftlichen Probleme besonders bei den Biogasanlagen früh aufgefallen. "Wir sehen über den ganzen Konzern hinweg die UDI schon seit 2015 in großer Gefahr. 2017 waren die Alarmglocken nicht mehr zu überhören." Die Bilanzen mehrerer Biogasgesellschaften weisen seit Jahren Verbindlichkeiten in Millionenhöhe auf. Manche Projekte sind nie fertig gebaut oder realisiert worden, wie die Biogasanlagen im hessischen Kaichen und Steinau. Mitunter kamen Baumängel und hohe Reparaturkosten hinzu. 2018 musste der Betrieb im südhessischen Otzberg Insolvenz anmelden.

Kritik an Firmengeflecht

Die Firmenstruktur von UDI bringt es mit sich, dass Anleger nicht auf Anhieb erkennen können, wie es um das Unternehmen bestellt ist. "Der Investor erfährt mit keinem einzigen Wort etwas über die wirtschaftliche Lage des gesamten Konzerns", kritisiert Schröder. Er fordert deshalb den Gesetzgeber auf, dass solche Finanz-Unternehmen künftig einen Konzernabschluss aufstellen müssen - damit potenzielle Anleger schnell einen Gesamtüberblick erhalten. Warum hat UDI das nie gemacht? Auf Anfrage beruft sich das Unternehmen unter anderem auf die gängige Gesetzeslage, die keinen Konzernabschluss vorsehe.

Die Rechtsanwälte, die deutschlandweit betroffene Anleger vertreten, sind derzeit dabei, sich einen Überblick zu verschaffen. "Wie die ganze Gruppe verschachtelt ist, wo das Geld wie investiert wurde, ob das Geld noch vorhanden ist, das sind Dinge, mit denen wir uns in den nächsten Monaten beschäftigen", sagt zum Beispiel Peter Mattil von der gleichnamigen Kanzlei Mattil aus München. Für den erfahrenen Kapitalrechtsexperten ähnelt der Fall UDI dem Fall Prokon. Der Windkraftkonzern ging 2014 pleite. In beiden Fällen seien Projekte quersubventioniert worden, weiß Rechtsanwalt Mattil. "Und das kann natürlich einer ganzen Firma das Genick brechen."

Schwer durchschaubare Quersubventionierungen

Recherchen des Hessischen Rundfunks zeigen, dass UDI mehrfach Anlegergelder dafür verwendet hat, um defizitäre Projekte zu stützen. Den Anlegern wurde zu Beginn nicht mitgeteilt, wofür genau ihr Geld verwendet wird. Beispiel: die Biogasanlage in Barleben in Sachsen-Anhalt. Laut internen Unterlagen flossen bis Mitte 2018 mehr als 1,5 Millionen Euro an Anlegergeldern in den Betrieb. Und das, obwohl die Anlage tiefrote Zahlen schrieb, allein 2017 betrug der Jahresfehlbetrag knapp 1,9 Millionen Euro. Auch die defizitäre Biogasanlage im niedersächsischen Kreiensen wurde so gestützt.

Die Staatsanwalt Nürnberg ermittelt seit vergangenem Jahr gegen mehrere Verantwortliche der UDI-Gruppe. Es gehe um den Verdacht der Untreue und des Betrugs. Ob nur ehemalige Geschäftsführer und Gesellschafter im Fokus der Ermittlungen stehen, verrät die Behörde nicht. UDI hat in den vergangenen Jahren zweimal den Eigentümer gewechselt. Seit Oktober 2020 versucht Rainer J. Langnickel mit seiner Beteiligungsgesellschaft Dalasy, das Ruder bei UDI herumzureißen. Zum Vorwurf der Untreue schreibt sein Unternehmen: "Ein finales Urteil über jeden Kritikpunkt ist aufgrund der komplexen Themen und zahlreichen Gesellschaften noch nicht möglich." Ziel des neuen Eigentümers sei es, "Themen aus der Vergangenheit intern aufzuarbeiten".

Schuldenschnitt soll Sanierung unterstützen

Die neue Geschäftsführung fährt inzwischen einen Sanierungskurs, der intern den Namen "Matterhorn" trägt. Dazu gehört ein radikaler Schuldenschnitt. Kleinanleger sollen auf mindestens 80 Prozent ihres investierten Geldes verzichten. Der Restbetrag soll ihnen dann über fünf Jahre hinweg in Raten ausgezahlt werden. Herbert Petzoldt wird das Angebot nicht annehmen: "Nein, da gehe ich nicht drauf ein und warte dann halt eine Insolvenz ab, wenn die tatsächlich kommen sollte. Und dann werden die Reste eben verwertet." Laut UDI warten derzeit rund 6000 Anleger auf ihr Geld, es gehe um eine Gesamtsumme von 128 Millionen Euro.

Über dieses Thema berichtete der HR in derSendung MEX am 07. Juli 2021 um 20:15 Uhr.