Gebäude der US-Notenbank
Marktbericht

Wall Street legt zu Vorschusslorbeeren für die Fed

Stand: 22.03.2022 21:30 Uhr

Mit den jüngsten Äußerungen von Notenbank-Chef Powell ist viel Bewegung in die Zinslandschaft gekommen. Die Anleger begrüßten die Entschlossenheit der Fed, gegen die hohe Inflation vorzugehen.

Eigentlich sind Wenden in der Zinspolitik traditionell ein kritischer Zeitpunkt für die Aktien- und Rentenmärkte. Die aktuelle Zinswende in den USA scheint aber zumindest an den Aktienmärkten anders abzulaufen als das viele bisher gewohnt waren und wohl auch befürchtet haben. Denn die Anleger an der Wall Street begrüßen die Entschlossenheit der Fed, den hohen Inflationsraten entgegen zu treten.

Diese Entschlossenheit hatte Fed-Chef Jerome Powell am Vorabend deutlich gemacht und auch höhere Zinssteigerungen nicht ausgeschlossen. Die Fed müsse zügig gegen die hochschießende Inflation gegensteuern, betonte Powell und fügte hinzu, dass die Notenbanker dabei möglicherweise aggressiver vorgehen müssen als üblich.

US-Notenbanchef Jerome Powell

"Powell hat klar gemacht, dass die Fed diesmal keine halben Sachen macht", sagte Analyst Naeem Aslam vom Brokerhaus Avatrade. "Sie wollen die Inflation um jeden Preis unter Kontrolle bringen."

"Der Markt macht sich derzeit um höhere Zinsen keine Sorgen", sagte Aktienhändler Dennis Dick vom Brokerhaus Bright Trading. Stattdessen begrüße er eine restriktivere Haltung der US-Notenbank, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Die Geldentwertung hatte zuletzt auf einem Niveau von rund acht Prozent auf der Ebene der Verbraucherpreise gelegen, das hatte es seit den frühen 80er-Jahren nicht mehr gegeben.

Die neue Entschlossenheit der Fed kam jedenfalls gut an und trieb die großen Aktienindizes an. Der Leitindex Dow Jones legte 0,74 Prozent zu auf 34.807 Punkte.

Noch besser erging es der meist ohnehin volatileren Technologiebörse Nasdaq, die 1,95 Prozent zulegte und bei 14.108 Punkten aus dem Handel ging. Auch der Auswahlindex Nasdaq 100 legt deutlich um 1,94 Prozent zu auf 14.654 Stellen. Der marktbreite S&P-500-Index, in dem sowohl Standard- als auch Technologiewerte enthalten sind, schloss bei 4511 Zählern um 1,13 Prozent höher.

Ohne größere Überraschungen verläuft hingegen die Zinswende am Rentenmarkt. Der Ausverkauf bei Anleihen trieb die Renditen der zehnjährigen Titel aus den USA und Deutschlands auf 2,38 beziehungsweise 0,50 Prozent.

Wie schon zuvor in Europa waren Bankaktien gefragt. Anleger spekulieren bei einem höheren Zinsniveau auf höhere Zinsmargen der Geldhäuser. Sie gelten daher als Profiteure höherer Zinsen. Sportartikelausrüster und Adidas-Rivale Nike legten nach besser als erwartet ausgefallenen Geschäftszahlen ebenfalls zu.

Gewinnmitnahmen gab es im Ölsektor, nachdem dieser zuletzt im Gefolge der hohen Rohölpreise stark gesucht war. Dow-Mitglied Chevron gehörten dieses mal zu den größten Verlierern, auch wenn die Verluste moderat ausfielen nach der jüngsten Rally.

Am Aktienmarkt haben sich die Anleger heute vorgewagt und den Leitindex DAX um 1,02 Prozent auf 14.473 Punkte angeschoben. Im Tageshoch bei 14.508 Punkten überwand der Index sogar kurzfristig die Marke von14.500 Zählern, das Tagestief lag bei 14.343 Zählern. Der Index holte damit die gestrigen Verluste komplett wieder auf. Rückenwind kam am Nachmittag aus New York, wo die Anleger ebenfalls auf der Käuferseite sind.

Tagessieger waren Deutsche Bank, die über fünf Prozent zulegten. Sie folgten damit den Kursgewinnen der großen US-Finanzwerte, die ebenfalls stiegen. Die Anleger griffen bei Bankaktien nach den klaren Worten von Jerome Powell zu. Die Reaktion der Märkte heute zeigt, wie überragend wichtig Änderungen der Zinserwartungen für die Finanzmärkte sind.

Bisher habe der Markt sechs weitere Zinserhöhungen von jeweils einem viertel Prozentpunkt eingepreist, sagte Analyst Naeem Aslam vom Brokerhaus Avatrade. "Powells Rede gestern Abend hat die Dinge jedoch dramatisch verändert und immense Verwirrung gestiftet."

Im Gefolge guter Nike-Zahlen, ebenfalls vom Vorabend, legten Puma und Adidas-Aktien ebenfalls zu. Es gab kaum Verlierer unter den 40 DAX-Mitgliedern, Daimler Truck und Delivery Hero waren die größten Tagesverlierer mit einem Minus von etwas über einem Prozent.

Die positive Tagestendenz war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Denn zuletzt hatten sich sowohl der Krieg in der Ukraine, als auch die Inflationsanzeichen verstärkt, normalerweise Alarmsignale für die Börse.

Die ausgeprägte Sorglosigkeit an den Aktienmärkten mahne zur Vorsicht, warnt Marktanalyst Timo Emden. "Die Nebenwirkung der Sorglosigkeit am Markt könnte problematisch ausfallen, da die konjunkturellen Perspektiven getrübt bleiben."

Fakt ist: Der anhaltende Ukraine-Konflikt treibt vor allem die Ölpreise und damit die Inflation. Zudem werden Lieferketten geschädigt, was die Produktion merklich belastet. Schon zahlreiche Branchen haben gewarnt, so zuletzt Infineon, dem das Edelgas Neon für die Chipproduktion ausgeht. Die Ukraine ist einer der Hauptlieferanten.

Die Konjunktursorgen bestätigt auch eine aktuelle Studie des europäischen Wirtschaftsverbands Eurochambres: Die Konjunktur in der Eurozone werde durch den Krieg in der Ukraine spürbar ausgebremst. "Es wird einschneidend sein, das kann man schon sagen", sagt Eurochambres-Präsident Luc Frieden. Er rechnet damit, dass die Wirtschaft in der Eurozone dieses Jahr vielleicht noch um rund drei Prozent wachsen werde. Zum Vergleich: Nach dem starken Einbruch 2020 im Zuge der Corona-Krise war die Wirtschaft im Euroraum vergangenes Jahr um 5,3 Prozent gewachsen.

Update Wirtschaft vom 22.03.2022

Dorothee Holz, HR, tagesschau24

Etwas Entspannung kam heute vom Rohstoffmarkt, der Ölpreis fiel bei volatilem Handel letztlich etwas zurück. Der Rückgang war allerdings bescheiden im Vergleich zu den starken Aufschlägen von gestern. Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent war um 7,5 Prozent auf 116 Dollar gestiegen, zuletzt kostete es rund 0,5 Prozent weniger bei gut 115 Dollar. Auch der Preis für die US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel etwas auf rund 111 Dollar, ein Minus von gut 0,7 Prozent nach einem Aufschlag von sieben Prozent am Vortag.

Für den gestrigen Preisschub machen Fachleute die zunehmenden Stimmen in der EU verantwortlich, die ein Importverbot für russisches Öl befürworten. Ob es wirklich dazu komme, sei noch nicht klar, da die Abhängigkeit einiger EU-Mitgliedsländer von russischem Öl zu hoch sei, um es kurzfristig problemlos ersetzen zu können, so Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank.

"Es ist ziemlich klar, dass die deutsche Wirtschaft bei einem Importstopp für russisches Öl zum Erliegen kommen würde", sagte John Kilduff, Partner beim Vermögensberater Again Capital. Daher scheue die EU einen Bann nach dem Vorbild der USA.

Der Euro hat anfängliche Verluste aufgeholt und kostet im US-Handel 1,1031 Dollar. Der Handel war nervös, zeitweise war der Euro deutlich unter die Marke von 1,10 Dollar gefallen. Druck auf den Euro übten zunächst die Zinsäußerungen von US-Notenbankchef Jerome Powell aus. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1024 (Montag: 1,1038) Dollar fest.

Auftrieb kam für die Gemeinschaftswährung kam dagegen durch die im Handelsverlauf bessere Stimmung an den Aktienmärkten. Der Dollar gab daraufhin einen Teil seiner Gewinne ab. Die US-Währung schwankt derzeit häufig mit der allgemeinen Finanzmarktstimmung, die wiederum stark von den Geschehnissen im Ukraine-Krieg abhängt. Der Dollar gilt vielen Anlegern als eine Art Reservewährung, nicht zuletzt aufgrund der erheblichen Größe der US-Finanzmärkte.

Russland ist es offenbar gelungen, ein zweites Mal eine Staatspleite infolge westlicher Sanktionen zunächst abzuwenden. Die US-Bank JPMorgan habe Russlands anstehende Zinszahlungen auf eine 2029 fällige Staatsanleihe in die Wege geleitet, sagte ein Finanzmarktteilnehmer zu Reuters. Russland sollte gestern eine Zahlung in Höhe von 66 Millionen Dollar für die Anleihe an die Gläubiger leisten. JPMorgan arbeitete mit dem US-Finanzministerium an den erforderlichen Genehmigungen.

Die Zahlung sei zum nächsten Schritt übergegangen, bevor das Geld an die Anleihegläubiger ausgezahlt werde. Vergangene Woche hatte Russland in einem ersten Fall die Eigner von Teilen einer Anleihe bedient.

Der aktivistische Investor Enkraft will auf der RWE-Hauptversammlung über die von ihm geforderte Abspaltung des Kohlegeschäfts abstimmen lassen. Enkraft habe eine Ergänzung der Tagesordnung der für den 28. April geplanten Aktionärsversammlung um eine Abstimmung zur "beschleunigten Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie" beantragt, heißt es von RWE. Enkraft zufolge soll der Vorstand angewiesen werden, zum nächstmöglichen Zeitpunkt und spätestens zur Hauptversammlung im kommenden Jahr alle notwendigen Vertrags-, Planentwürfe und Berichte für eine Abspaltung des Kohlegeschäfts vorzulegen und alle dafür erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen.

Volkswagen fährt wegen einer stabilisierten Versorgungslage bei Teilen seine Fertigung im Stammwerk Wolfsburg in den nächsten zwei Wochen schneller hoch als geplant. Schon von diesem Mittwoch an starte eine zweite Schicht der Golf-Fertigung. In der nächsten Woche werde der Golf dann im Drei-Schicht-Betrieb produziert. Wegen des Ukraine-Krieges hatten sich die Zulieferprobleme auch bei Volkswagen ausgeweitet.

Der auf Bau- und Designsoftware spezialisierte Anbieter Nemetschek hat im vergangenen Geschäftsjahr den Umsatz um 14,2 Prozent auf 681,5 Millionen Euro gesteigert. Das operative Ergebnis (Ebitda) kletterte um 28,8 Prozent auf 222 Millionen Euro. Unter dem Strich konnte das Unternehmen den Konzerngewinn um 38,9 Prozent auf 134,6 Millionen Euro steigern.

Durch eine Zusammenarbeit der Deutschen Telekom mit Vodafone landen Handy-Kunden auf dem Land künftig weniger häufig im Funkloch.

Man habe in Deutschland seit vergangenem Jahr mehr als 2000 "graue Flecken" geschlossen und sich gegenseitig über das "Network Sharing" auf die Antennen gelassen, teilten die Firmen mit.

Der US-Elektroauto-Pionier Tesla hat am Dienstag im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz seine Fabrik in Grünheide bei Berlin eröffnet und die ersten Modelle "made in Germany" an Kunden übergeben. Der aus den USA angereiste Konzernchef Elon Musk präsentierte das Werk mit Stolz: "Tesla wird sicherstellen, dass das ein Juwel ist für diese Region, für Deutschland und die Welt", sagte er bei der Eröffnungsfeier im brandenburgischen Grünheide.

Künftig sollen in Grünheide jährlich 500.000 Wagen vom Kompakt-SUV-Wagen Model Y sowie 500 Millionen Batteriezellen hergestellt werden, was einer Produktionsmenge von 50 Gigawatt pro Jahr entspricht. Damit verstärkt sich der Konkurrenzdruck auf die deutschen Autobauer, die ihr Angebot nach und nach von Verbrennermodellen auf Elektromobile umstellen. Vor allem Volkswagen-Chef Herbert Diess preist Tesla als Vorbild für effiziente Autoproduktion.

Der hochverschuldete chinesische Immobilienkonzern Evergrande ist nicht in der Lage, den Jahresabschluss 2021 bis zum 31. März zu veröffentlichen und wird damit gegen Börsenvorschriften verstoßen. Grund sei, dass interne Überprüfungen noch nicht abgeschlossen seien. Danach müssen Wirtschaftsprüfer wegen "drastischer Veränderungen" in der Geschäftstätigkeit seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres zusätzliche Kontrollen durchführen. Das Ergebnis 2021 werde so schnell wie möglich nachgereicht, teilte Evergrande mit. Der Konzern hat Schulden von mehr als 300 Milliarden Dollar.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. März 2022 um 09:00 Uhr.