Credit Suisse in Zürich | dpa

Schweizer Großbank Credit Suisse in Turbulenzen

Stand: 04.10.2022 10:15 Uhr

Ein heftiger Kurseinbruch bei der Schweizer Großbank Credit Suisse schürt Sorgen am Finanzmarkt. Europäische Finanzaufseher sind alarmiert wegen möglicher Ansteckungsgefahren in der Branche.

Heftige Kursturbulenzen bei der Schweizer Großbank Credit Suisse haben Sorgen wegen möglicher Folgen für den Finanzmarkt insgesamt ausgelöst. Credit-Suisse-Aktien brachen an der Züricher Börse gestern zeitweise um bis zu zwölf Prozent ein, bevor sie sich wieder etwas erholten. Am Kapitalmarkt schwindet das Vertrauen in das krisengeplagte Institut offensichtlich. Der Börsenwert der Credit Suisse liegt inzwischen unter zehn Milliarden Franken. "Für eine Bank mit dieser Größe und Komplexität ist das ein besorgniserregendes Zeichen", kommentierten die Experten der US-Investmentbank KBW.

Hintergrund der Turbulenzen sind Zweifel an der Finanzkraft des Instituts. Die Finanzierung eines anstehenden Konzernumbaus scheint fraglich. Für Aufsehen hat vor allem der Anstieg der Kreditausfall-Versicherungen (CDS) für die Credit Suisse gesorgt. Der Preis für diese Versicherungen signalisiert, für wie stabil der Markt ein Institut hält. Im Fall der Credit Suisse verteuerten sich gestern die Versicherungen auf 272 Basispunkte. Anleger müssen also 272.000 Euro bezahlen, um Anleihen des Instituts im Volumen von zehn Millionen Euro zu versichern.

Erinnerungen an 2007

Die Kosten haben sich damit seit Anfang Juni mehr als vervierfacht - ein klares Zeichen dafür, dass Investoren Sorgen wegen der Stabilität der Schweizer Großbank haben. Dies erinnere stark an 2007, als sich die Finanzkrise zusammenzubrauen begann, kommentierte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. Auch damals waren die Preise für Kreditausfall-Versicherungen schnell stark angestiegen.

Die Credit Suisse steht derzeit vor einem wichtigen Umbau seines Geschäftsmodells, der bei Beobachtern zunehmend Zweifel weckt. Konzernchef Ulrich Körner und Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann haben im Juli nach Milliardenverlusten des Instituts einen weiteren Umbau in Aussicht gestellt. Details dazu sollen Ende Oktober bekannt gegeben werden. Medienberichten zufolge soll das riskante und kapitalintensive Investmentbanking deutlich verkleinert werden - was mit hohen Kosten verbunden ist. Abfindungen für die hochbezahlten Investment-Spezialisten und der Verkauf einiger Unternehmensteile mit Verlust würde die Großbank finanziell stark belasten. Weitere Geschäfte müssten wohl abgestoßen werden, um diese Verluste auszugleichen.

Wie viel Geld braucht die Bank?

Ob dies ausreichen würde, um die Neuausrichtung zu finanzieren, ist derweil noch unklar. Die Analysten der US-Investmentbank Keefe, Bruyette & Woods (KBW) gehen davon aus, dass die Credit Suisse über eine Kapitalerhöhung noch vier Milliarden Franken an frischen Mitteln am Kapitalmarkt mobilisieren muss.

Auch das Vertrauen in das Management der Bank hat gelitten. Im vergangenen Jahr hatten zwei große Partner der Bank, der US-Hedgefonds Archegos und der Lieferkettenfinanzierer Greensill, mit spektakulären Pleiten für Aufsehen gesorgt. Kritiker bemängeln, die Bank habe danach zu lange am langjährigen Chef Thomas Gottstein festgehalten.

Der neue Vorstandschef Ulrich Körner nahm am Wochenende gegenüber Mitarbeitern Stellung. Die Bank verfüge über eine "starke Kapitalbasis und Liquiditätsposition", hieß es. Der weitere Verfall der Aktie zum Wochenbeginn zeigt aber, dass Investoren weiter Zweifel haben.

Finanzaufseher geben "allgemeine Warnung" aus

Die Möglichkeit einer Ansteckungsgefahr im Bankensektor sehen offenbar längst auch die Aufsichtsbehörden. Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) gab am vergangenen Donnerstag eine "allgemeine Warnung" heraus. Der Ausschuss hat nach eigenen Angaben "eine Reihe schwerwiegender Risiken für die Finanzstabilität" festgestellt. Die "jüngsten geopolitischen Entwicklungen" hätten die Wahrscheinlichkeit dafür noch erhöht.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, beobachten sowohl die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma als auch die Bank of England in London die Entwicklungen bei der Credit Suisse genau und arbeiten zusammen. In Großbritannien hat das Institut eine starke Präsenz.

Über dieses Thema berichtet NDR Info am 04. Oktober 2022 um 16:41 Uhr.